Leben und Studieren in Jerusalem


Georg re. (ein Kommilitone) und ich vor dem
Katharinenkloster während unserer 10tägigen
Exkursion zu Fuß durch die Halbinsel Sinai.


Mit den gleichen Worten wirbt und macht das ÖKUMENISCHE THEOLOGISCHE STUDIENJAHR IN JERUSALEM auf sich aufmerksam. Das war auch einer meiner Beweggründe, mich für Jerusalem als den Ort für mein Auslandsjahr zu entscheiden. Denn wer würde nicht die Biblische-Exegese direkt vor Ort des ganzen Geschehens studieren wollen? Die biblische Exegese ist nur eines der 7 Hauptfächer des Studienjahres. Weitere Fächer sind: biblische Archäologie, Ökumene, Religionstheologie, Ostkirchenkunde, Judaistik und Islam. 

 

Während meines Jahres in Jerusalem waren wir eine bunt gemischte Gruppe von Studierenden aus Deutschland, der Schweiz und Österreich – 13 Frauen und 8 Männer, 12 Katholiken, 6 Protestanten und 1 Baptistin –, die das 34. Studienjahr auf dem Berg Sion absolviert haben. In den 8 Monaten haben wir 38 Vorlesungen und Seminare bei 38 verschiedenen Professoren aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Frankreich und Israel besucht. Hinzu kamen noch drei große Exkursionen: Sinai-, Galiläa- und Kreuzfahrerexkursion -  und viele kleinere archäologische und politische Exkursionen.

Zu tun hatten wir genug, an manchen Tagen mit den Vorlesungen bis 22:00 Uhr. Doch es hat Spaß gemacht, mit all den verschiedenen Leuten zu arbeiten, und es gibt nur einen weißen Fleck auf der Karte Israels (Palästinas), den wir nicht besucht haben: Gaza.

 

Gewohnt haben wir bei den Benediktinern. Ich durfte zu Gast sein bei den Brüdern Benediktinern in der Abtei Hagia Maria Sion, von denen ich herzlich aufgenommen wurde, und meine

Kommilitonen wohnten  im „Beit Josef“, dem Studentenheim nebenan, wo auch unsere Vorlesungen stattgefunden haben. Trotz allem war ich und bin ich froh, dass die Stadt voll mit Franziskanern ist und dass auch wir Kapuziner ein kleines Haus mit 5 Brüdern hier haben, die ich regelmäßig besucht habe. Die benediktinische Spiritualität ist gut, aber sie ist nicht meine. 

 

Jerusalem als die Mitte und der Nabel der Welt, wie es schon im Mittelalter beschrieben worden ist, oder wie es dem Besucher  in der Grabeskirche gezeigt wird.

 

In den 8 Monaten hier in Jerusalem durfte ich die Stadt von verschiedenen Seiten kennenlernen: Jerusalem als das religiöse Zentrum der Welt mit den Wahlfahrtsheiligtümern der drei monotheistischen Religionen;  Jerusalem als die heilige Stadt; Jerusalem als die Stadt zwischen den Fronten, zwischen den Palästinensern und Israelis u.v.m.


Wenn man sich die Altstadt anguckt, dann bestätigt sich das Bild „Jerusalems als das religiöse Zentrum“, denn die Altstadt ist in vier  fast gleiche Teile nach Religion oder Konfession eingeteilt: in den jüdischen, muslimischen, christlichen und armenischen Teil. Jeder dieser Stadtteile ist voll mit Synagogen, Moscheen und Kirchen. In dem christlichen Teil sind fast alle christlichen Konfessionen vertreten.

Auf die gesamte Stadt gesehen sind wir Christen hier in der Minderheit und auch nicht immer gerne gesehen von den religiösen Juden. So kam es manchmal vor, als ich mit dem Habit durch die Stadt ging, dass sich die religiösen Juden von mir umgedreht oder vor mir hingespuckt haben. Auch unsere Tür zum Beit Josef wurde regelmäßig von unseren Nachbarn, den Jeshiva-Schülern  volluriniert.


Als Nicht-Jude bekommt man hier nur ganz schwer eine Aufenthaltsgenehmigung für längere Zeit. Ordensleute müssen diese jährlich verlängern lassen. Aber als ein lateinischer Christ oder Ordensmann – wie man in Jerusalem genannt wird – hat man hier nicht nur manchmal Schwierigkeiten mit den Mitgliedern anderer Religionen, sondern auch mit den Christen anderer Konfessionen. So wurde mir nicht selten der Eintritt verwehrt, als ich mit dem Habit ein orthodoxes Kloster oder eine orthodoxe Kirche besichtigen wollte. Daran wird deutlich, dass die Heiligkeit der Stadt gerade auf Grund des menschlichen Daseins ihre Grenzen hat. Deutlich wurde das Ganze nochmal am Palmsonntag der orthodoxen Christen, als sich ein armenischer und ein griechischer Mönch vor dem Salbungsstein in der Grabeskirche richtig in die Haare bekommen haben. Das ist keine Seltenheit an diesem heiligen Ort! Schade!

 

Zu Jerusalem gehört auch das Bild der Front und der Trennung. Sie ist  die Stadt zwischen den Fronten, vor allem zwischen den Palästinensern und Israelis. Sie ist einer der Gründe, dass die Friedensgespräche immer wieder zum Scheitern verurteilt sind. Sowohl Israelis als auch die Palästinenser wollen sie als Hauptstadt haben, und keiner will sie, sowohl aus religiösen wie auch aus historischen und politischen Gründen aufgeben.


Dass die Religion für politische Zwecke missbraucht wird, erlebt man täglich. Man muss nur in Richtung der West Bank fahren und die Mauer (Schutzmauer) betrachten. Es ist tatsächlich so, dass die Terroranschläge in Israel zurückgegangen sind, seit die Israelis begonnen haben die Mauer zu errichten. Nur wie und wo die Mauer  gebaut wird, das ist erheblich in Frage zu stellen. Die Palästinenser werden des Eigentums enteignet, indem die Mauer einfach auf ihrem Grundbesitz errichtet wird, oder indem irgendwelche fundamentalistischen, israelischen Siedler  die Gebiete der Palästinenser, mit der Behauptung: „Das ist das von Gott an Israel verheißene Land und muss Israels bleiben“, okkupieren und dort Siedlungen errichten. Natürlich müssen diese dann vor den Palästinensern geschützt werden, was der Wahrheit entspricht und zugleich ironisch gemeint ist.



Unsere Gruppe mit den Professoren Bobzin und
Auffahrt während der Kreuzfahrerexkursion


Wir haben solche Siedlungen in Hebron besucht, weil wir uns ein Bild von den Siedlern machen wollten und weil wir sehen wollten, wie die Palästinenser in solchen Gebieten leben. Sobald wir die erste Siedlung von dreien in Hebron betreten haben, bekamen wir Gesellschaft von den Siedlern, die uns dann die ganze Zeit begleitet haben. Doch wir ließen uns nicht einschüchtern und gingen weiter. Als sie sich dann durch uns in ihrem eigenen Tun bedroht gefühlt haben, begannen sie uns als Nazis zu beschimpfen. Nicht weil wir deutschsprachig waren, sondern weil sie diesen Begriff als Schimpfwort für alle verwenden, durch den sie sich beobachtet und in ihrem Tun bedroht fühlen. Nebenbei bemerkt:  Die Bezeichnung „Nazi“ oder der Hitlergruß kamen wesentlich häufiger bei den Palästinensern vor, die oft Holocaust-Leugner  waren, da  sie dachten, dass sie damit bei uns gut ankommen würden.


Doch das Ganze hat uns nicht gehindert zu merken, dass die Menschenrechte gegenüber den Palästinensern in Israel fast keine Rolle spielen. Das Beste, auch wenn es nur eines von vielen unzähligen Beispielen ist, sind die Checkpoint`s, an denen die Palästinenser täglich misshandelt werden. Dort werden  Familien getrennt, dort sterben Menschen. Auch unsere Telefonate wurden regelmäßig abgehört und unsere e-Mails abgefangen. Das bekommt man als gewöhnlicher Pilger in zwei  Wochen, die man hier verbringt, nicht mit. Der ‚gewöhnliche Pilger’ kehrt mit einem Bild von dem „verheißenem Land“ und der „heiligen Stadt“ nach Hause, das nur zum Teil stimmt. Oftmals stellt sich das Land genau als das Gegenteil von Verheißung und heilig dar.

 

Wer das hier liest,  soll nicht glauben, dass ich mich ganz auf die Seite der Palästinenser stelle, nur weil ich das Ganze mit einem kritischen Blick beobachte. Ich liebe Israel und noch mehr Jerusalem. Nur darf man nicht die Misshandlungen der Menschen dulden. Diese sind durch nichts zu rechtfertigen. Zudem sind die Fronten zwischen den Palästinensern und den Israelis einfach nur schwarz und weiß nach dem Motto: Hier die Guten, dort die Schlechten.

 

Jerusalem ist und bleibt für mich eine heilige Stadt, in der ich alle jüdischen, muslimischen und vor allem christlichen Feiertage erleben und mitfeiern konnte. In der Heiligen Nacht nach Betlehem zu pilgern, am Palmsonntag von  Bethanien in die Stadt hineinzuziehen wie einst Jesus selbst es getan hatte, den Kreuzweg durch die Via Dolorosa bis in die Grabeskirche zu beten und die Kreuzesabnahme  und die  Grablegung am Karfreitag sowie die Auferstehungsfeier in der Nacht auf Ostersonntag: Das  sind tiefe Erfahrungen von denen ich hoffentlich noch sehr lange zehren werde. Es ist einfach schön, so zwischendurch mal zum Grab Jesu zu gehen, um zu beten. Deswegen denke ich jetzt noch nicht daran, dass ich am 25.Juli, nachdem mein Ivrit- Sprachkurs endet, nach Hause fliegen werde.

 

Der Blick aus der Kapelle Dominus Flevit auf die
Altstadt Jerusalem


Nach einem Jahr Israel ist die Bibel für mich lebendig geworden!

 

Ich musste all meine Erfahrungen hier auf wenige Zeilen beschränken, was so gut wie unmöglich ist. So habe ich mich nur auf paar meiner Erlebnisse  begrenzt, die ich dann auch sehr kurz gehalten habe. Falls jemand Fragen dazu hat bin ich gerne bereit, sie ab Anfang August zu beantworten.

Meine e-Mail Adresse: miro.matekic@kapuziner.org


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Br. Miro


 



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