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Theodosius Florentini: „Patriarch“ fördert die Frauen

Symposium über Theodosius Florentini
(Paulusakademie Zürich, 15. November 08)

Der vor 200 Jahren geborene Kapuziner Theodosius Florentini wurde an einem Symposium der Zürcher Paulusakademie als „Sozialreformer – Inspirator und Motivator“ gewürdigt (Samstag, 15. November). Im Mittelpunkt stand die Gründung der Frauengemeinschaften von Menzingen und Ingenbohl – wobei die dunklen Seiten des Ordensmannes auch zur Sprache kamen, so sein „patriarchalischer“ Charakter.
„Ich bewundere den Mann. Aber ich weiss nicht, wie ich mich ihm gegenüber als Oberer verhalten hätte“, gestand Ephrem Bucher, der heutige Provinzial der Kapuziner, am Anfang Florentini-Symposiums. Mit seinem finanziellen Gebaren, das zu immensen Schulden führte, hätte er wohl Mühe gehabt.

Steckbrieflich gesucht
Bruder Ephrem projizierte einen Steckbrief der Aargauer Polizei aus dem Jahre 1841, in dem Florentini der „Aufwiegelung im Amt Leuggern bezüchtigt“ wurde. Damit erinnerte er daran, dass der aufgeschlossene Ordensmann die damaligen Radikalen herausgefordert hat.
Vor den über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Symposiums skizzierte der Referent die vielfältigen Aktivitäten seines Mitbruders. Dieser war
•    Gründer von Schwesternkongregationen
•    Sozialpionier und Gründer von Fabriken
•    Mitbegründer der Schweizer Bischofskonferenz
•    Organisator der Seelsorge in der Diaspora
•    Prediger und Volkschriftsteller.

Verchristlichung aller Lebensbereiche
„Regeneration aus dem Geist der christlichen Mystik“: Unter diesem Titel orientierte der Schwyzer Gymnasiallehrer Lothar Samson über Florentinis theologische Wurzeln. Der damals führende Theologe Johann Michael Sailer habe den jungen Kapuziner entscheidend geprägt: „Sailer zielt – ähnlich wie Florentini – auf religiöse Erneuerung, genauer auf die Erneuerung des Glaubens und der Kirche im Sinne eines verinnerlichten Christentums und einer lebendigen Kirchlichkeit.“
Die Idee einer Verchristlichung aller Lebensbereiche habe hier eine bedeutende Rolle gespielt. Sie habe zu den Versuchen geführt, die moderne Industrie zu christianisieren (die letztlich gescheiterte Gründung christlicher Fabriken!).

Schwestern als Eigentum
Kritische Töne schlug die Menzinger Schwester Uta Teresa Fromherz in ihrem Vortrag an. Sie warf dem Gründer ihrer Kongregation vor, die Schwestern als sein Eigentum betrachtet zu haben. Er habe von ihnen totale Hingabe verlangt. Originalton Florentini: „Die Schwestern sollten Exekutoren meines Willens sein.“ Die erste Menzinger Oberin Bernarda Heimgartner habe er aufgefordert, sich als „eine dankbare, demütige Tochter“ zu erweisen. Schwester Bernarda habe sehr darunter gelitten, dass Florentini eine Gruppe ihrer Schwester zwang, in Ingenbohl eine neue Kongregation zu bilden.
„Eine Frau befreit sich vom Übervater“, betitelte Uta Fromherz den letzten Abschnitt ihres Referates. Sie skizzierte den Ausgang des Konflikts: „Schwester Bernarda befreit sich von der Autorität des Patriarchen und verweigert ihm den Gehorsam.“ So bedeute die Geschichte „ein Kapitel der Selbstbefreiung der Frauen aus kirchlicher Unmündigkeit“.



















Sr.Maria Crucis Doka, Menzinger Schwester (links)
Sr. Louise-Henry Kolly, Generaloberin der Ingenbohler Schwestern

„Katholisch-klerikale Deutungskultur“
Die St. Galler Theologin und Historikerin Esther Vorburger-Bossart betonte in ihrem Referat, die Kongregationen hätten den Frauen des 19. Jahrhunderts einen „alternativen Lebensentwurf zur bürgerlichen Welt“ angeboten. Die Schwestern hätten ihre ganze Arbeitskraft zur Verfügung stellen müssen. Dadurch sei für sie die Möglichkeit von leitenden Stellen in der Kirche geschaffen worden. So habe Pater Theodosius im Prozess der Verberuflichung von Frauen einen entscheidenden Beitrag geleistet und ihnen ausserhalb der Familien einen Wirkungskreis eröffnet.
Die Referentin führte die Kritik ihrer Vorrednerin weiter. Von den Schwestern habe Florentini „Loyalität und Selbstlosigkeit“ gefordert, um seine Institutionen aufzubauen. Dabei habe er sich im Rahmen einer „katholisch-klerikalen Deutungskultur“ bewegt.
Als Florentini 1865 starb, hinterliess er gewaltige Schulden. Dass die Schwestern sie unter grossen Entbehrungen abtrugen, bedeutet für Esther Vorburger-Bossart eine „immense Loyalität“ gegenüber dem Gründer.

Bedürfnisse der Zeit
Die Wirkungsgeschichte der von Theodosius Florentini gegründeten Frauenkongregationen lässt sich schon daraus ablesen, dass es seit 1856 bis zur Gegenwart insgesamt 16 087 Ingenbohler Schwestern gab. Heute zählt diese Kongregation 3850 Mitglieder, jene von Menzingen über 2000. Beide sind auf vier Kontinenten verbreitet.
Maria Crucis Doka, Menzinger Schwester, gab im zweiten Teil des Symposiums einen eindrückliche Überblick über die vielfältigen Weisen, wie heute das Charisma des Gründers gelebt wird. Sie begann mit dem Florentini-Zitat: Nichts „darf uns hindern, in das Rad der Zeit einzugreifen und das Möglichste zu tun.“ Prägend sei vor allem das Wort des Kapuziners gewesen: „Was Bedürfnis der Zeit ist, ist Gottes Wille.“
Schwester Maria Crucis gab eine grosse Anzahl von Beispielen, wie ihre Mitschwestern überall auf der Welt auf die aktuellen Bedürfnisse reagieren. In Sri Lanka etwa würden sie der „Kultur des Todes und des Krieges“ eine „Kultur des Lebens“ entgegensetzen, in Südafrika sich vieler Aids-Waisen annehmen. Angesichts eines spirituellen Vakuums in Europa „schaffen sie Orte, an denen Gotteserfahrung möglich wird“.

Fabriken wurden Klöster
Louise-Henry Kolly, Generaloberin der Ingenbohler Schwestern, gab im letzten Referat des Symposiums einen ähnlichen Überblick über die vielfältigen aktuellen Tätigkeiten ihrer Kongregation. Einleitende bemerkte sie: „Auch Theodosius Florentini trug die Gaben Gottes in einem zerbrechlichen Gefäss.“ In vielem sei er gescheitert. Doch viele seine Ideen würden sich heute als richtig erweisen.
Ingenbohler Schwester haben in ihrer Geschichte an den unterschiedlichsten Orten gewirkt: in der Diaspora der grossen Schweizer Städte wie beispielsweise in abgelegenen Bergtälern Böhmens, in China und Indien, in Kriegs- und Epidemie-Gebieten.
Mit der selig gesprochenen Schwester Zenka Schelingova (1916-1955) aus der Slowakei haben sie in Osteuropa eine Märtyrerin. Im Zusammenhang mit den kommunistischen Verfolgungen in der damaligen Tschechoslowakei erzählte die Generaloberin: „Schwester wurden in Fabriken als Zwangsarbeiterinnen eingesetzt. So wurde Florentinis Vision, Fabriken müssten Klöster werden, doch noch Wirklichkeit ...“





 
 

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