Kapuziner

Kapuziner im deutschen Sprachraum

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Die drei Gelübde

Die Haltung der Geschwisterlichkeit kennzeichnet von Anfang an auch den Orden, der sich um die Person des Franziskus bildet. Die Brüder orientieren sich an Jesus, der die Menschen aufrichtet und befreit und dessen leidenschaftliche Liebe zum Zeichen für ein Leben in Fülle geworden ist. In der Ordensregel, die Franziskus seiner Gemeinschaft gibt, verdichtet und entfaltet sich das Ideal des brüderlichen Lebens.

Die drei Gelübde gelten als Zusammenfassung der so genannten Evangelischen Räte, wie sie in der biblischen Bergpredigt von Jesus selbst empfohlen werden. Franziskus verspricht mit seinen Brüdern ein Leben in Gehorsam, in Armut und in Keuschheit. Er interpretiert die Gelübde in schöpferischer Art und Weise.


Gehorsam -
Bruder im aufeinander Hören

Ein Gehorsamsversprechen ablegen und dennoch einander Brüder sein - das sind doch unvereinbare Gegensätze! Nicht für Franz von Assisi. In dem Wort Gehorsam steckt die Wurzel «horchen». Die Grundhaltung des Hörens öffnet den Menschen auf das DU und auf die Gemeinschaft hin. Gehorchen meint deshalb, sensibel zu werden für die Bedürfnisse des Bruders auf dem gemeinsamen Weg. Die Offenheit für den Bruder soll sogar die natürliche Liebe der Mutter zu ihrem Kind übertreffen. Wer seinen Weggefährten als Bruder angenommen hat, führt nicht dessen Befehle aus, sondern erspürt seine Bedürfnisse und hält bei sich die Bereitschaft wach, alles zu tun und zuzulassen, was dieser für sein Leben und seinen Dienst braucht.

Das sensible Hören beginnt bei mir selbst: Die leise Stimme Gottes, die in mir spricht und mich zum aufrechten und vollen Menschsein einlädt, erlauschen; mich selbst, meine Bedürfnisse und Gaben wahrnehmen; Träume und Realität zulassen; meine eigene Lebensgeschichte annehmen und weiter gestalten. Sensibles Hören bedeutet weiterhin: mich in meinem Leben nicht abkapseln, sondern mich auf andere Menschen einlassen und mit ihnen gemeinsame Wege gehen. Sensibles Hören gilt schliesslich den Menschen, die mir begegnen. Die Armen und Einsamen, die Trauernden und Fremden sollen durch mich erfahren, dass sie angenommen und geliebt sind, dass gerade sie mir zu Brüdern und Schwestern werden.

Sensibles Hören öffnet sich endlich für alle Geschöpfe, ist am Wohlergehen jeder Kreatur interessiert und stimmt in den Lobpreis über das Leben ein, der Gott, dem Schöpfer, zukommt.


Armut -
Bruder im miteinander Teilen

Die Welt lieben und gleichzeitig das Gelübde, arm zu leben - wie lässt sich das miteinander vereinbaren? Für Franziskus und seine Brüder ist nicht der Verzicht das eigentliche Motiv ihres Handelns, sondern es geht ihnen um die Freiheit, wie sie in der Person Jesu von Nazaret aufscheint.

In den Fussspuren des Meisters nehmen Franz und seine Brüder ein von Sicherheit und Bequemlichkeit freies Wanderleben auf sich. Mit leeren Händen gehen sie auf die Menschen zu: auf die Armen, deren Los sie teilen und auf die Bessergestellten, in deren Dienst sie für den Lebensunterhalt arbeiten. Dankbar für jeden Lohn, den man ihnen aushändigt, wollen sie sich nicht schämen zu betteln, wenn die Not es fordert.

Die Armut, welche das Gelübde meint, beginnt mit der Erfahrung, dass ich mir mein Leben nicht selbst verdanke. Alles, was ich bin und habe, ist Geschenk des himmlischen Vaters, und er sorgt für mich. Meine Sache ist es, mich ihm gegenüber immer neu arm zu machen, um für seine Geschenke empfänglich und aufmerksam zu bleiben.

Der einzelne Bruder erfährt sich getragen von seiner Gemeinschaft. Er teilt mit ihr nicht nur die materiellen Güter, sondern auch Talente, geistliche Werte und spirituelle Erfahrungen. Alles, was Brüder teilen können, geben sie Menschen, die bedürftig und dafür dankbar sind.

Mit allen Geschöpfen haben die Brüder schliesslich nicht nur den Schöpfer gemeinsam, sondern auch den Lebensraum, den sie mit ihnen teilen, bereichern und gestalten.


Ohne Frau und Kinder-
Bruder vieler Menschen

Auch der dritte «Rat» - ehelos und ohne Frau zu leben - steht quer zu unserer Zeit, die Intimität und Erotik mit nie dagewesener Freiheit entfaltet. Jesu Rat meint vom Wortsinn her allerdings nicht ein verklemmtes, asexuelles Leben, sondern frei und offen zu sein für das Leben «wie eine junge Frau". Ob alt oder jung: Lebensfreude und Sehnsucht, eine besondere Freiheit und die Bereitschaft, sich dem lebendigen Geist Gottes zu überlassen, zeichnen spirituell „jung-fräulichen“ Menschen aus.

Der Mensch ist vom Schöpfer als Frau und Mann geschaffen, um vereint ein Bild Gottes darzustellen und ganz Mensch zu sein. Jesu Engagement für das Reich Gottes hätte den Kreis einer Ehe und Familie überfordert. Er war als Freund und Bruder vieler Menschen dauernd unterwegs und lebte deshalb ehelos. Auf seinen Fussspuren erfahren auch die Brüder nicht nur Loslassen und Verzicht, sondern ebenso neuen und unerwarteten Reichtum ohne eigene Frau, doch hundertfach beschenkt mit «Müttern, Geschwistern und Kindern“. Aus Gott heraus fruchtbar, erlebt sich Franziskus sinnlich und zärtlich als Teil einer grossen Familie, zu der Menschen, Tiere, Pflanzen, überhaupt alle Geschöpfe gehören - und doch erst ein Vorspiel ist auf die kommende Welt.

 
 

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