
FOTO: SLW/GERHARD BERGER
Br. Erich Geir
wurde 1945 in Navis (Tirol) geboren und ist seit 1966 Kapuziner. Im Jahr 1975 wurde er zum Priester geweiht. Br. Erich lebt im Kapuzinerkloster in Innsbruck.
Mit Leib und Seele Gottes Gärtner
Br. Erich Geir trug über Jahrzehnte für den Kapuzinerorden Verantwortung. Im Interview spricht der österreichische Kapuziner über ein Leben im Dienst Gottes und seine Leidenschaft fürs Bergsteigen und Gärtnern.
Das vergangene Jahr 2025 war ein besonderes Jahr für Sie, Br. Erich: Zum einen hat sich am 27. Juli Ihr Priesterjubiläum zum 50. Mal gejährt, zum anderen stand am 22. September der 80. Geburtstag im Kalender. Welches Datum bedeutet Ihnen mehr?
Br. Erich Geir: Das Geburtsdatum ist natürlich sehr wichtig, denn sonst wäre ich ja nicht auf der Welt (lacht). Aber in meiner lebenslangen Sehnsucht, Menschen für Jesus zu begeistern, bedeutet mir die Priesterweihe fast noch mehr.
Sie sind als Sohn einer Bergbauernfamilie in Navis und Schmirn aufgewachsen. Welche Rolle spielte Religion in Ihrer Kindheit?
Eine sehr wichtige! Meine Oma hat mich schon als kleinen Buben oft in die Kirche mitgenommen. Dort hat mir sehr imponiert, wie der Pfarrer vorne am Altar die Messe mit so viel Leben gefeiert hat. Dieses Bild trage ich noch immer in mir, es hat diese Sehnsucht nach Gott in mir geweckt, die mir stets geblieben ist.
Wann war Ihnen klar, dass Sie Ihr Leben in den Dienst Gottes stellen wollen?
Mit 14 bin ich mit dem Zug nach Matrei gefahren und habe auf der Fahrt einen Kapuziner getroffen, der mich gefragt hat, was ich denn machen will, wenn ich mit der Schule fertig bin. Als ich ihm erzählt habe, dass ich tatsächlich vorhabe, Priester zu werden, hat er mich eingeladen, das Kapuzinerseminar in Bregenz zu besuchen. Dieser Einladung bin ich gefolgt. Und bald war mir klar: Diese Begegnung war kein Zufall, sie war eine Fügung.
Sie sind im Jahr 1966 in den Kapuzinerorden eingetreten. Die Kapuziner stehen für eine arme Kirche und für das Bestreben, den ganz normalen Menschen beizustehen und Mut zu machen. Was gibt Ihnen dieses Credo?
Ich verehre den Heiligen Franziskus sehr – wegen seiner Lobpreisung der Schöpfung und wegen seiner großen Menschenliebe, die auch mir so wichtig ist. Man muss die Menschen mögen und Rücksicht und Nachsicht haben mit ihren Fehlern. Perfektionismus erzeugt nur Stress und ist versteckter Egoismus.
Hatten Sie eigentlich jemals einen anderen Berufswunsch?
Ja! Ich wäre auch gern ein Gärtner geworden. Bis heute liebe ich Blumen und verschenke sie auch oft. Und wenn ich in ein großes Glashaus komme, dann sehe ich sofort, welche Blumen welk sind und Wasser brauchen. Dafür hab‘ ich eine Gabe!
Auf gewisse Art sind Sie ja ein Gärtner geworden. Sie sehen und spüren, welche Menschen Pflege und Zugewandtheit brauchen. Also: wen Sie „gießen“ müssen.
Ja, das stimmt. Ich spüre, wenn Menschen in Not sind. Wenn Kinder in Not sind, geht mir das besonders nahe. Das führt mich auch zu meiner ursprünglichen Begegnung mit dem slw, dem Kinderhilfswerk der Kapuziner in Innsbruck, wo ich vor knapp 60 Jahren zum ersten Mal als Ferienbetreuer in der Bubenburg ausgeholfen habe. Und seither bin ich dort hängen geblieben.
Seither haben Sie in diesem Kinderhilfswerk verschiedenste Positionen bekleidet – etwa als Seelsorger. Was bedeutet Ihnen diese Tätigkeit?
Das slw hilft mit, die leiblichen Wege der Barmherzigkeit zu leben und sich mit ganzer Kraft für Teilhabe und Inklusion einsetzt. Mir persönlich war und ist die Arbeit mit Menschen, die nicht auf der Sonnenseite leben, immer ein großes Anliegen. Bei meiner Tätigkeit im slw habe ich erfahren, dass viele dieser Menschen in der Religion Hilfe finden – und diese Sehnsucht nach Gott kann ich ein wenig stillen.
Höre ich richtig heraus, dass Ihnen Ihre Aufgabe als Seelsorger am meisten bedeutet?
Ja! Ganz besonders wichtig ist mir, die Menschen in ihren Herzen zu treffen. Dabei hilft mir der Satz von Papst Franziskus, der in mir stets wach ist. „Geht hinaus an die Ränder!“, hat er gesagt. Und an diesen Rändern befinden sich auch Menschen mit Behinderungen oder Menschen, die aus dem Nest gefallen sind. Für sie will ich da sein!
Sie gehen nicht nur hinaus an die Ränder, sondern als leidenschaftlicher Bergsteiger, Kletterer und Skifahrer auch hinauf in die Höhe. Was geben Ihnen die Berge?
Da möchte ich Alt-Bischof Reinhold Stecher zitieren, von dem folgender Spruch stammt: „Viele Wege führen zu Gott. Einer über die Berge.“ Die Berge sind für mich eine Herausforderung, sie ermöglichen mir eine hautnahe Begegnung mit der Natur. Für mich gibt’s nichts Schöneres, als auf einem Gipfel zu stehen und diese Weitsicht zu erleben, die einer Befreiung gleichkommt und die einen näher zu Gott bringt.
Mit 80 Jahren schaut man sicher ein Stück weit zurück im Leben. Gibt es etwas, das Sie bereuen?
Ja, es gab Momente, von denen ich mir heute denke, dass ich nicht „gscheit“ gehandelt habe. Und wo ich mir Vorwürfe mache, weil Menschen wegen mir vielleicht nicht zu Gott gefunden haben oder sich von der Kirche entfernt haben. Wenn man älter wird, beginnt man ganz automatisch, das Leben zu ordnen – und da muss ich ganz selbstkritisch sagen, dass ich sicher auch Fehler gemacht habe.
Mit 80 darf man auch nach vorne schauen. Welche Gipfel wollen Sie noch erklimmen?
Ich wünsche mir, dass ich noch möglichst lange mobil bleibe – sowohl körperlich als auch geistig. Und dass ich nach wie vor in der Seelsorge mit und bei den Menschen sein kann, um ihnen einen frohen Glauben vorzuleben und zu verkünden. Ich will ihnen zeigen, dass Religion eine sinnvolle Lebenshilfe sein kann. Dafür brenne ich – auch mit 80.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Christiane Fasching für „fidelis“, das Magazin des slw in Innsbruck.
