
FOTO: Wolfgang Terhörst
BR. MICHAEL WIES
ist Jahrgang 1982 und wurde in Coesfeld in Westfalen geboren. Er lebt als Kapuziner im Kapuzinerkloster St. Konrad in Altötting.
Br. Michael in Altötting: Durchatmen, schauen und hören
Seit Anfang des Jahres lebt Br. Michael Wies in Altötting. Der Kapuziner kommt aus Frankfurt und findet seine innere Ruhe im Glaubensleben – und mit einem besonderen Hobby.
Bruder Michael Wies redet schnell, denkt schnell und handelt schnell. Und er weiß es. „Ich bin Frankfurter Tempo gewohnt“, erklärt Br. Michael mit Verweis auf die vergangenen elf Jahre mitten in der hessischen Großstadt, wo das Kapuzinerkloster Liebfrauen liegt. Im Juniorat, als Auszubildender seines Ordens hatte er 2014 begonnen und zum Schluss die Verantwortung als Leiter des Klosters selbst, der Obdachlosen-Einrichtung Franziskustreff samt der gleichnamigen Stiftung getragen. Br. Michael hat viel bewegt in der schnelllebigen Finanzmetropole.
Doch nun wird sich der junge Kapuziner (43) ein wenig umgewöhnen müssen. Seit Anfang des Jahres verstärkt er die Gemeinschaft im Altöttinger St. Konrad-Kloster – und hat schnell gemerkt, dass in der bayerischen Provinz die Uhren etwas langsamer gehen. „Ich muss mich jetzt echt in Geduld üben“, gibt Br. Michael zu – aber auch, dass es ihm guttue nach den Frankfurter Jahren. Er genieße die Stille und die Regelmäßigkeit der Gebets‑, Essens- und Ruhezeiten in St. Konrad: „Ich merke jetzt deutlich, wie mein Körper erstmal runterfährt“. Und er folgt damit der wohlmeinenden Weisung seines Ordensoberen Br. Helmut Rakowski: „Bruder Michael, bitte hinhören, zuhören, langsam“. Er solle sich in Ruhe einarbeiten und die Brüdergemeinschaft kennenlernen.
Dafür ist er dankbar, denn als frisch ernannter Vize-Präses im SLW Bayern soll er nach und nach Präses Br. Marinus Parzinger in der Leitung der Kinder- und Jugendhilfestiftung mit ihren bayernweit 1100 Mitarbeitern in acht Einrichtungen und 37 Standorten entlasten. Der Auftrag sei anders als in Frankfurt, „und der Ort ist ganz anders, die Kultur ist anders – da ist es schon ganz gut, wenn ich jetzt ein bisschen durchatmen kann, ein wenig schauen und hören.“ Das gilt auch für die Klostergemeinschaft, in der er sich gerade einlebt, wo die älteren Mitbrüder ihm einen Vertrauensvorschuss gegeben und in den Hausvorstand gewählt haben. In St. Konrad übernimmt Bruder Michael Mitverantwortung für Pfortendienst, Sakristei, Küche und Hepdomadardienst (Vorbeter). Er könne zwar als „Jungspund“ neue Perspektiven, neuen Schwung ins Klosterleben bringen, wolle aber signalisieren: „Hey, ich bin jetzt hier kein Unruhestifter, aber vielleicht bereichern wir uns gegenseitig!“
Auch wenn Br. Michael sehr gerne in Frankfurt war und dort beruflich wie privat bestens vernetzt – gezögert hat er beim Anruf des Provinzials nicht. Versetzungen gehörten einerseits zum Kapuzinerleben dazu und die Aufgabe in Altötting mit dem SLW biete ihm andererseits neue spannende Entwicklungsmöglichkeiten in seinem Spezialgebiet Stiftungswesen. Bestens vorbereitet dafür ist Br. Michael ohnehin: Berufsausbildung als Bankkaufmann, Studium des Sozialwesens an der Katholischen Hochschule Münster (Abschluss Diplom-Sozialarbeiter und Diplom-Pädagoge) sowie jede Menge praktische Erfahrung samt Auslandseinsatz auf den Philippinen während der Ordensausbildung.
Dabei war keineswegs vorprogrammiert, dass er einmal Ordensbruder werden würde. Er sei zwar in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen und tief verwurzelt in der Spiritualität seines Geburtsortes Coesfeld im westfälischen Münsterland mit der Verehrung des Heiligen Kreuzes und der seligen Anna Katharina Emmerich sowie jahrelang engagiert als Messdienerleiter – habe aber eigentlich nach der Berufsausbildung eine Familie gründen und Kinder bekommen wollen. Die Wende kam während einer Jugendwallfahrt ins französische Vézelay 2006, wo Michael Wies die Biografien des heiligen Franziskus und der heiligen Klara kennengelernt habe. „Nach dieser Pilgerreise habe ich gemerkt, dass mich diese Suchfrage des heiligen Franziskus nicht mehr losgelassen hat: Woraus lebe ich?“
Warum er am 4. Oktober 2007 schließlich bei den Kapuzinern eingetreten ist? „Ich wusste im Herzen, wenn ich mich auseinandersetze, dann mit der franziskanischen Spiritualität“, erklärt Bruder Michael. Franziskus und die Armut, der Rand der Gesellschaft: „Das ist mein Leib- und Magenthema. Gerechtigkeitsfragen, die haben mich immer fasziniert.“
Er möchte nun erst einmal in Altötting Fuß fassen, aber mit der Zeit gerne Akzente setzen in der Lebensbegleitung und ‑beratung für Menschen, die nach franziskanischen Werten suchen. Er sei jederzeit ansprechbar: „Ich glaube, ich bin ja erkennbar“, betont Br. Michael mit Verweis auf seinen Habit, die kapuzinische Ordenstracht. Diese trägt er sehr konsequent: „Ja, ich habe da eine Sendung.“
Ausgleich findet der junge Kapuziner beim Fahrradfahren, schwimmen oder wandern: „Ich bin gerne in der Natur“. Bruder Michael ist sehr gesellig, gerne unter Menschen, genießt aber auch die ruhigen Momente: „Ich habe die letzten Wochen viel gelesen, Musik gehört und einfach viel Tee getrunken.“ Wobei wir bei seiner großen Leidenschaft im Privaten wären: Tee. Er genießt ihn nicht nur, sondern beschäftigt sich seit einigen Jahren intensiv mit den Urpflanzen des Tees in seinen Anbaugebieten. Und wenn Bruder Michael dann seine Mitbrüder auf einen Teenachmittag einlädt, verbinden sich Gelassenheit und Geselligkeit auf wunderbare Weise.
Text und Foto: Wolfgang Terhörst. Der Beitrag ist zuerst im Passauer Bistumsblatt/Altöttinger Liebfrauenbote erschienen.
