Interview

FOTO: KAPU­ZI­NER

BR. PETER NETZER

ist Öster­rei­cher und Jahr­gang 1981. Nach vie­len Jah­ren selbst­stän­di­ger Arbeit als Trai­ner und Bera­ter für Selbst­ver­tei­di­gung und Secu­ri­ty trat er 2024 ins Pos­tu­lat der Kapu­zi­ner ein. Zur­zeit lebt er im inter­na­tio­na­len Novi­zi­at der Kapu­zi­ner im ita­lie­ni­schen Tortona.

25. März 2026

Br. Peter im Noviziat: „Diesen Weg möchte ich gehen“

Vom Trai­ner für Selbst­ver­tei­di­gung ins Klos­ter zu den Kapu­zi­nern: Das Leben von Br. Peter Net­zer aus Inns­bruck brach­te so man­che Wen­dung mit. Ein Gespräch über Beru­fung, spä­te Ent­schei­dun­gen und blei­ben­de Zweifel.

Br. Peter, Sie sind in der Aus­bil­dung zum Kapu­zi­ner. In wel­cher Pha­se befin­den Sie sich gerade?

Ich absol­vie­re gera­de mein Novi­zi­at. Das ist der zwei­te Aus­bil­dungs­schritt bei uns im Orden. In die­ser Pha­se geht es pri­mär dar­um, die eige­ne Bezie­hung zu Gott zu inten­si­vie­ren und zu über­prü­fen. Und natür­lich lernt man den Orden genau­er ken­nen, etwa die Regeln und Kon­sti­tu­tio­nen sowie die Ordens­ge­schich­te. Ich lebe in Tor­to­na in Ita­li­en, in einem inter­na­tio­na­len Novi­zi­at. Das Klos­ter hier ist ein Kon­vent mit sechs bestän­di­gen Brü­dern und elf Novi­zen aus sie­ben Ländern.

Wie sieht der All­tag eines Novi­zen aus?

Unser Tages­ab­lauf rich­tet sich nach den Gebets­zei­ten. Um 6.30 Uhr haben wir das Früh­ge­bet im Chor. Danach gibt es unter der Woche am Vor­mit­tag Unter­richt. Am Nach­mit­tag Sozi­al­ar­beit, Arbei­ten im Haus oder Zeit für per­sön­li­ches Stu­di­um. Das ist der Ablauf von Diens­tag bis Frei­tag. Am Mon­tag läuft es etwas anders, er ist als Tag der Gemein­schaft ange­legt. Am Vor­mit­tag haben wir gemein­sam eucha­ris­ti­sche Anbe­tung und am Nach­mit­tag ein Bibelgespräch.

Jetzt im Novi­zi­at heißt es auch: fast kom­plett han­dy­frei leben. Ist das schwer?

Ich fin­de nicht. Ich war schon vor­her nie­mand, der wahn­sin­nig viel in sozia­len Medi­en gemacht hat. Soviel hat sich für mich also gar nicht geän­dert. Am meis­ten mer­ke ich, dass ich das Han­dy als Wör­ter­buch und Sprach­tool genutzt habe, das geht nun nicht mehr. Für mich ist die­se han­dy­freie Zone teil­wei­se eine Befrei­ung. Ich kann ein­fach sagen: Ich bin jetzt für nie­man­den erreich­bar und habe nicht den Druck, nach­zu­schau­en, ob ich jetzt eine Whats­App oder eine Mail bekom­men habe. Und es ist ja auch kein abso­lu­tes Han­dy­ver­bot: Am Wochen­en­de oder bei wich­ti­gen Ange­le­gen­hei­ten nut­ze ich es und tre­te etwa mit mei­ner Fami­lie in Kontakt.

Ich habe immer gespürt: Ich will mein Leben mehr auf den Glau­ben ausrichten

Wie sind Sie an die­sen Ort gekom­men, wo begann ihr Weg als Kapuziner?

Ich bin durch mei­ne Eltern katho­lisch sozia­li­siert wor­den. Einer der wich­tigs­ten Men­schen auf mei­nem Weg war mein Reli­gi­ons­leh­rer auf dem Gym­na­si­um, ein US-Ame­ri­ka­ner, der auch zeit­wei­se als Jesu­it gelebt hat. Er hat mir sehr viel bei­gebracht, hat mei­ne per­sön­li­che Spi­ri­tua­li­tät geprägt.

Gibt es noch wei­te­re Per­so­nen auf Ihrem Weg, die wich­tig waren?

Ja, ein alter Jesui­ten­pa­ter spielt eine wich­ti­ge Rol­le. Er hat jeden Som­mer zwei Mona­te auf einer Hüt­te in den Ber­gen ver­bracht. Dort leb­te er ohne Strom, ohne flie­ßen­des Was­ser. Er hat mir die Schön­heit der Schöp­fung näher­ge­bracht. Das prägt mich bis heute.

Nach der Schu­le haben Sie mit einem Theo­lo­gie-Stu­di­um begon­nen, sich dann aber dem Kampf­sport gewidmet.

So ist es. Ich habe mich für Theo­lo­gie inter­es­siert, war aber nicht ernst­haft bei der Sache. Der Kampf­sport und spe­zi­ell das Sys­tem Bal­in­ta­wak haben mich fas­zi­niert. Bal­in­ta­wak ist eine phil­ip­pi­ni­sche Kampf­kunst, in der ich auch die obers­te Stu­fe erreicht habe. Der Glau­be und die Kir­che haben mich in die­ser Pha­se stän­dig beglei­tet, das war nie weg, aber mein Fokus lag auf dem Kampf­sport. Gear­bei­tet habe ich in die­ser Zeit in der Security.

Wie kam es dann zum Klostereintritt?

Ich war in die­ser Zeit zwar zufrie­den, habe aber immer gespürt: Ich will mein Leben mehr auf den Glau­ben aus­rich­ten. Des­we­gen bin ich für 20 Mona­te ins Klos­ter gegan­gen, in ein Zis­ter­zi­en­ser­klos­ter. Dort habe ich gemerkt: Das Leben in einem Orden, mein Leben Gott wei­hen, das ist es, was ich will. Ich habe dann einen Orden gesucht, der das Spi­ri­tu­el­le mit einem sozia­len Cha­rak­ter ver­bin­det. Genau das habe ich mit den Kapu­zi­nern gefun­den. In Inns­bruck bin ich zum ers­ten Mal in den ech­ten Kon­takt getre­ten. Von da an traf ich mei­ne Ent­schei­dung recht schnell, denn mir war klar: Die­sen Weg möch­te ich gehen.

Wir als fran­zis­ka­ni­sche Men­schen müs­sen die Welt um uns her­um wahrnehmen

Haben Sie die­se Ent­schei­dung schon ein paar Mal angezweifelt?

Wenn Sie Got­tes­zwei­fel mei­nen: Nein, nie. Es gibt kei­ne Zwei­fel. Und was den Orden angeht: Natür­lich macht man sich über sei­nen Weg Gedan­ken. Wie kann ich mei­ne Idea­le leben, kann ich das schaf­fen? Da ging es bei mei­nen Zwei­feln nicht um den Orden an sich, son­dern um mei­nen Platz und mei­ne Beru­fung: Bin ich wür­dig, die­sen Weg zu gehen? Die­se Fra­ge stel­le ich mir, und ich wer­de sie mir immer wie­der stel­len, denn Beru­fung ist ja ein lan­ger Weg und nichts Fer­ti­ges, Abgeschlossenes.

Sie spre­chen von dem, was Sie sich vor­ge­nom­men haben. Was bedeu­tet für Sie „fran­zis­ka­nisch leben“?

Die Richt­schnur steht am Anfang unse­rer Ordens­re­gel: Wir sol­len das Evan­ge­li­um beob­ach­ten und leben. Für mich ist wich­tig: Nicht stur und so, wie wir es schon immer gemacht haben, son­dern aus­ge­rich­tet an der Lebens­rea­li­tät und der Welt des 21. Jahr­hun­derts. Wir als fran­zis­ka­ni­sche Men­schen müs­sen die Welt um uns her­um wahr­neh­men und schau­en: Was bedeu­tet Armut heu­te? Wer sind die Lepra-Kran­ken unse­rer Zeit? Wo ist unser Platz als Orden und Ordensleute?

Ist das Ihr Wunsch an den Orden und die Mit­brü­der?

Ich kann und will ande­ren nicht sagen, was sie tun sol­len. Es geht um mich. Wie kann ich es schaf­fen, dem fran­zis­ka­ni­schen Ide­al mög­lichst nahe zu kom­men? Was brau­che ich wirk­lich, und wor­auf kann ich ver­zich­ten? Wo kann ich bei Men­schen am Rand sein? Natür­lich ist es immer leicht, auf die ande­ren zu schau­en und sich dann auf­zu­re­gen. Aber das Ver­hal­ten der ande­ren ist oft ein Spie­gel für einen selber.

Wenn der Bru­der Peter von 2026 auf den Peter von vor 20 Jah­ren schau­en wür­de: Was wür­den die bei­den sich gegen­sei­tig mit­tei­len wollen?

(lacht) Der Bru­der Peter von heu­te wür­de wahr­schein­lich den Peter von damals fra­gen, wie­so er nicht schon viel frü­her auf die Idee gekom­men ist, die­sen Weg als Kapu­zi­ner zu gehen. Der Peter von damals wäre wahr­schein­lich erstaunt, wie sich das Leben in die­sen zwan­zig Jah­ren ent­wi­ckelt hat. Und viel­leicht hät­te der Peter von damals wirk­lich schon frü­her auf den Trich­ter kom­men kön­nen: Als ich zu den Zis­ter­zi­en­sern ins Klos­ter gegan­gen bin, mein­te mein Bru­der nur: „Ach, sowas habe ich mir schon lan­ge gedacht.“

Ich möch­te die­sen Weg als Kapu­zi­ner weitergehen

Bereu­en Sie es, die­sen Weg so spät gegan­gen zu sein?

Nein. Der Weg, den man geht, ist wich­tig. Natür­lich den­ke ich manch­mal: Wenn ich mit 20 die­se Ent­schei­dung getrof­fen hät­te, dann hät­te ich jetzt schon vie­le Jah­re so erfüllt wie jetzt leben kön­nen. Aber ich bin der, der ich bin. Da gehört alles dazu.

Wel­che Eigen­schaft aus dem Kampf­sport­ler-Leben kön­nen Sie auch im Klos­ter gebrauchen?

Ich wür­de sagen: Dis­zi­plin und Durch­hal­te­ver­mö­gen. Und etwas, das ich in mei­ner Secu­ri­ty-Pha­se gelernt habe: mit unvor­her­ge­se­he­nen Situa­tio­nen umgehen.

Wie geht Ihr Weg nun weiter?

Im Sep­tem­ber ste­hen nach dem Novi­zi­ats­jahr die ers­ten, zeit­lich befris­te­ten Gelüb­de an. Ob es dazu kommt, das hängt vom Wunsch des Novi­zen und der Ent­schei­dung des Pro­vin­zi­als und des Pro­vinz­ra­tes ab. Zu die­sem Zeit­punkt jetzt kann ich sagen: Ich möch­te die­sen Weg als Kapu­zi­ner wei­ter­ge­hen und wer­de dar­um ersu­chen, die Gelüb­de abzulegen.

Das Juni­o­rat der Pro­vinz ist in Salz­burg. Sie sind Öster­rei­cher. Wor­auf freu­en Sie sich am meis­ten, wenn es wie­der zurück in die Hei­mat geht?

Als ers­tes fal­len mir da die inten­si­ven und guten Gesprä­che mit den Brü­dern ein, vor allem den älte­ren Mit­brü­dern. Und, auch wenn ich mich natür­lich über­haupt nicht über die wun­der­ba­re ita­lie­ni­sche Küche bekla­gen kann: Auf ein rich­tig gutes Schwarz­brot, dar­auf freue ich mich..

Das Inter­view führ­te Tobi­as Rauser

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