
FOTO: KAPUZINER
BR. PETER NETZER
ist Österreicher und Jahrgang 1981. Nach vielen Jahren selbstständiger Arbeit als Trainer und Berater für Selbstverteidigung und Security trat er 2024 ins Postulat der Kapuziner ein. Zurzeit lebt er im internationalen Noviziat der Kapuziner im italienischen Tortona.
Br. Peter im Noviziat: „Diesen Weg möchte ich gehen“
Vom Trainer für Selbstverteidigung ins Kloster zu den Kapuzinern: Das Leben von Br. Peter Netzer aus Innsbruck brachte so manche Wendung mit. Ein Gespräch über Berufung, späte Entscheidungen und bleibende Zweifel.
Br. Peter, Sie sind in der Ausbildung zum Kapuziner. In welcher Phase befinden Sie sich gerade?
Ich absolviere gerade mein Noviziat. Das ist der zweite Ausbildungsschritt bei uns im Orden. In dieser Phase geht es primär darum, die eigene Beziehung zu Gott zu intensivieren und zu überprüfen. Und natürlich lernt man den Orden genauer kennen, etwa die Regeln und Konstitutionen sowie die Ordensgeschichte. Ich lebe in Tortona in Italien, in einem internationalen Noviziat. Das Kloster hier ist ein Konvent mit sechs beständigen Brüdern und elf Novizen aus sieben Ländern.
Wie sieht der Alltag eines Novizen aus?
Unser Tagesablauf richtet sich nach den Gebetszeiten. Um 6.30 Uhr haben wir das Frühgebet im Chor. Danach gibt es unter der Woche am Vormittag Unterricht. Am Nachmittag Sozialarbeit, Arbeiten im Haus oder Zeit für persönliches Studium. Das ist der Ablauf von Dienstag bis Freitag. Am Montag läuft es etwas anders, er ist als Tag der Gemeinschaft angelegt. Am Vormittag haben wir gemeinsam eucharistische Anbetung und am Nachmittag ein Bibelgespräch.
Jetzt im Noviziat heißt es auch: fast komplett handyfrei leben. Ist das schwer?
Ich finde nicht. Ich war schon vorher niemand, der wahnsinnig viel in sozialen Medien gemacht hat. Soviel hat sich für mich also gar nicht geändert. Am meisten merke ich, dass ich das Handy als Wörterbuch und Sprachtool genutzt habe, das geht nun nicht mehr. Für mich ist diese handyfreie Zone teilweise eine Befreiung. Ich kann einfach sagen: Ich bin jetzt für niemanden erreichbar und habe nicht den Druck, nachzuschauen, ob ich jetzt eine WhatsApp oder eine Mail bekommen habe. Und es ist ja auch kein absolutes Handyverbot: Am Wochenende oder bei wichtigen Angelegenheiten nutze ich es und trete etwa mit meiner Familie in Kontakt.
Ich habe immer gespürt: Ich will mein Leben mehr auf den Glauben ausrichten
Wie sind Sie an diesen Ort gekommen, wo begann ihr Weg als Kapuziner?
Ich bin durch meine Eltern katholisch sozialisiert worden. Einer der wichtigsten Menschen auf meinem Weg war mein Religionslehrer auf dem Gymnasium, ein US-Amerikaner, der auch zeitweise als Jesuit gelebt hat. Er hat mir sehr viel beigebracht, hat meine persönliche Spiritualität geprägt.
Gibt es noch weitere Personen auf Ihrem Weg, die wichtig waren?
Ja, ein alter Jesuitenpater spielt eine wichtige Rolle. Er hat jeden Sommer zwei Monate auf einer Hütte in den Bergen verbracht. Dort lebte er ohne Strom, ohne fließendes Wasser. Er hat mir die Schönheit der Schöpfung nähergebracht. Das prägt mich bis heute.
Nach der Schule haben Sie mit einem Theologie-Studium begonnen, sich dann aber dem Kampfsport gewidmet.
So ist es. Ich habe mich für Theologie interessiert, war aber nicht ernsthaft bei der Sache. Der Kampfsport und speziell das System Balintawak haben mich fasziniert. Balintawak ist eine philippinische Kampfkunst, in der ich auch die oberste Stufe erreicht habe. Der Glaube und die Kirche haben mich in dieser Phase ständig begleitet, das war nie weg, aber mein Fokus lag auf dem Kampfsport. Gearbeitet habe ich in dieser Zeit in der Security.
Wie kam es dann zum Klostereintritt?
Ich war in dieser Zeit zwar zufrieden, habe aber immer gespürt: Ich will mein Leben mehr auf den Glauben ausrichten. Deswegen bin ich für 20 Monate ins Kloster gegangen, in ein Zisterzienserkloster. Dort habe ich gemerkt: Das Leben in einem Orden, mein Leben Gott weihen, das ist es, was ich will. Ich habe dann einen Orden gesucht, der das Spirituelle mit einem sozialen Charakter verbindet. Genau das habe ich mit den Kapuzinern gefunden. In Innsbruck bin ich zum ersten Mal in den echten Kontakt getreten. Von da an traf ich meine Entscheidung recht schnell, denn mir war klar: Diesen Weg möchte ich gehen.
Wir als franziskanische Menschen müssen die Welt um uns herum wahrnehmen
Haben Sie diese Entscheidung schon ein paar Mal angezweifelt?
Wenn Sie Gotteszweifel meinen: Nein, nie. Es gibt keine Zweifel. Und was den Orden angeht: Natürlich macht man sich über seinen Weg Gedanken. Wie kann ich meine Ideale leben, kann ich das schaffen? Da ging es bei meinen Zweifeln nicht um den Orden an sich, sondern um meinen Platz und meine Berufung: Bin ich würdig, diesen Weg zu gehen? Diese Frage stelle ich mir, und ich werde sie mir immer wieder stellen, denn Berufung ist ja ein langer Weg und nichts Fertiges, Abgeschlossenes.
Sie sprechen von dem, was Sie sich vorgenommen haben. Was bedeutet für Sie „franziskanisch leben“?
Die Richtschnur steht am Anfang unserer Ordensregel: Wir sollen das Evangelium beobachten und leben. Für mich ist wichtig: Nicht stur und so, wie wir es schon immer gemacht haben, sondern ausgerichtet an der Lebensrealität und der Welt des 21. Jahrhunderts. Wir als franziskanische Menschen müssen die Welt um uns herum wahrnehmen und schauen: Was bedeutet Armut heute? Wer sind die Lepra-Kranken unserer Zeit? Wo ist unser Platz als Orden und Ordensleute?
Ist das Ihr Wunsch an den Orden und die Mitbrüder?
Ich kann und will anderen nicht sagen, was sie tun sollen. Es geht um mich. Wie kann ich es schaffen, dem franziskanischen Ideal möglichst nahe zu kommen? Was brauche ich wirklich, und worauf kann ich verzichten? Wo kann ich bei Menschen am Rand sein? Natürlich ist es immer leicht, auf die anderen zu schauen und sich dann aufzuregen. Aber das Verhalten der anderen ist oft ein Spiegel für einen selber.
Wenn der Bruder Peter von 2026 auf den Peter von vor 20 Jahren schauen würde: Was würden die beiden sich gegenseitig mitteilen wollen?
(lacht) Der Bruder Peter von heute würde wahrscheinlich den Peter von damals fragen, wieso er nicht schon viel früher auf die Idee gekommen ist, diesen Weg als Kapuziner zu gehen. Der Peter von damals wäre wahrscheinlich erstaunt, wie sich das Leben in diesen zwanzig Jahren entwickelt hat. Und vielleicht hätte der Peter von damals wirklich schon früher auf den Trichter kommen können: Als ich zu den Zisterziensern ins Kloster gegangen bin, meinte mein Bruder nur: „Ach, sowas habe ich mir schon lange gedacht.“
Ich möchte diesen Weg als Kapuziner weitergehen
Bereuen Sie es, diesen Weg so spät gegangen zu sein?
Nein. Der Weg, den man geht, ist wichtig. Natürlich denke ich manchmal: Wenn ich mit 20 diese Entscheidung getroffen hätte, dann hätte ich jetzt schon viele Jahre so erfüllt wie jetzt leben können. Aber ich bin der, der ich bin. Da gehört alles dazu.
Welche Eigenschaft aus dem Kampfsportler-Leben können Sie auch im Kloster gebrauchen?
Ich würde sagen: Disziplin und Durchhaltevermögen. Und etwas, das ich in meiner Security-Phase gelernt habe: mit unvorhergesehenen Situationen umgehen.
Wie geht Ihr Weg nun weiter?
Im September stehen nach dem Noviziatsjahr die ersten, zeitlich befristeten Gelübde an. Ob es dazu kommt, das hängt vom Wunsch des Novizen und der Entscheidung des Provinzials und des Provinzrates ab. Zu diesem Zeitpunkt jetzt kann ich sagen: Ich möchte diesen Weg als Kapuziner weitergehen und werde darum ersuchen, die Gelübde abzulegen.
Das Juniorat der Provinz ist in Salzburg. Sie sind Österreicher. Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn es wieder zurück in die Heimat geht?
Als erstes fallen mir da die intensiven und guten Gespräche mit den Brüdern ein, vor allem den älteren Mitbrüdern. Und, auch wenn ich mich natürlich überhaupt nicht über die wunderbare italienische Küche beklagen kann: Auf ein richtig gutes Schwarzbrot, darauf freue ich mich..
Das Interview führte Tobias Rauser
