
FOTO: KAPUZINER
BR. SEBASTIAN ENGLERT
1888–1969
Sebastian Englert: ein Kapuziner auf der Osterinsel
Über drei Jahrzehnte lebte der Kapuziner und Priester Sebastian Englert als Missionar in Chile und auf der Osterinsel. Er wirkte Zeit seines Lebens als Mensch, der Grenzen überwand.
Schon als jungen Mann zog es Sebastian Englert in die Weite. Die Entscheidung, Kapuziner zu werden, eröffnete für die damalige Zeit bereits Perspektiven, die für die gewöhnlichen Altmühltaler und auch für Priester der Diözese Eichstätt eine Grenzüberschreitung verhießen. Gehörten doch zur Bayerischen Kapuzinerprovinz neben den Franken auch Ober- und Niederbayern, Oberpfälzer, Schwaben, Saarländer und Pfälzer. Somit konnte der spätere Wirkungskreis zwischen St. Ingbert und Passau, Rosenheim und Aschaffenburg liegen – für die damalige Zeit bereits eine nicht alltägliche berufliche Aussicht.
Mit der noch jungen Aufgabe der bayerischen Kapuzinerprovinz, der Mapuche-Mission im fernen Chile, winkte nicht nur die Erfahrung eines anderen Kontinentes, sondern sogar die Erfahrung zweier Kulturen: Zunächst die der chilenischen, mit ihren spanischen Ursprüngen und den Facetten der verschiedenen europäischen Einwanderergruppen. Die zweite Kultur, für den künftigen Missionar die bestimmende, war die des Mapuche-Volkes, das sich über drei Jahrhunderte seine (auch religiöse) Freiheit in blutigen Kriegen hatte bewahren können.
Einmal in Araukanien, jenseits der Grenze, die Spanien und auch die Republik Chile bis zum Jahre 1881 hatten respektieren müssen, hat Sebastian Englert, ähnlich wie der „Indianeradvokat“ und Mitbruder Siegfried Schneider, für die belogenen, betrogenen, von ihrer Scholle vertriebenen und ausgebeuteten Indianer Partei ergriffen. Der Kampf um das Recht auf ihr angestammtes Land und damit auf ihr Lebens- und Überlebensrecht, sowie der Respekt vor der Menschenwürde und der Kultur, bestimmten fortan sein Leben.
Als Missionar war er nach Araukanien gekommen. Überzeugt, dem frommen Mapuche-Volk „frohe Botschaft“ zu bringen. Der Respekt vor dem Mapuche-Volk verlangte es, seine Sprache zu sprechen. Weil Englert nicht nur ein wissenschaftlicher Beobachter war, sondern mit dem Herzen hinhörte, ging ihm die Welt, auch die Glaubenswelt des Mapuche-Volkes auf. Das ließ ihn ein weiteres Mal die üblichen Grenzen überschreiten. Die angestammte Religion des Mapuche-Volkes hatte im Denken des Missionars Sebastian Englert ihren Wert, seine Tätigkeit als Missionar diente der Vertiefung der bereits vorhandenen Glaubenserfahrung dieses Volkes.
Im Jahr 1937 baten die chilenischen Bischöfe das Apostolische Vikariat, auch die Osterinsel zu übernehmen. Der Kapuzinerpater Sebastian Englert begab sich in das neue Missionsgebiet, auch wenn das einer freiwilligen Verbannung gleichkam. Doch zuvor hatte die Osterinsel sein wissenschaftliches Interesse geweckt. Sebastian Englert war als Mitglied der „Studienkommission Osterinsel“ der Universität Santiago 1935 dorthin delegiert worden.
Das Wort Verbannung ist wörtlich zu nehmen. Missionar sein auf der Osterinsel hieß: Leben auf einem Eiland von ganzen 18 Quadratkilometern, das mit Unterbrechungen nur einmal im Jahr von der chilenischen Marine angelaufen wurde. Eine Insel, fast 4000 Kilometer vom Festland entfernt, damals ohne Funk. Die Verbindung zu den Mitbrüdern, zur Heimat und interessierten wissenschaftlichen Kreisen war somit auf den jährlich einmal stattfindenden Postempfang und Postversand eingeschränkt.
Die Bevölkerung von Rapanui, wie die Einheimischen ihre Insel nennen, stammt aus Polynesien. Die in ihrer Fülle auf der Welt einmaligen Grabdenkmäler und figürlichen Steinkolosse zeugen von einem hohen kulturellen Niveau. 1722 entdeckte der niederländische Seefahrer Jakob Roggeween die Insel. Fast fünfzig Jahre später (1770) wurde sie durch den Vizekönig von Peru im Namen Spaniens in Besitz genommen. Das geschah mit der feierlichen Errichtung von drei Kreuzen auf den drei Berghügeln der Insel. Zwar wollte Karl III. von Spanien Missionare schicken, aber es blieb beim Vorsatz.
Der erste, der auf der Osterinsel missionierte, war fast ein Jahrhundert später der Laienbruder Eugenio Eyraud von der Gemeinschaft der Missionare von den Heiligsten Herzen, denen das Apostolische Vikariat von Tahiti anvertraut war. Eyraud fand ein gelehriges Volk, aber der Kontakt mit den „Zivilisierten“ hatte den kulturellen und sozialen Niedergang bereits eingeläutet. Die Bevölkerung wurde gespalten, bekämpfte sich gegenseitig und musste mit ansehen, wie vermutlich mehr als 1000 Mann zwischen 1850 und 1862 von Seeräubern als Sklaven zum Verkauf in Peru deportiert wurden, andere unter Vorspiegelung falscher Tatsachen als Arbeitskräfte angeworben wurden.
So war die Inselbevölkerung war von etwa 5000 auf 1800 Menschen im Jahr 1864 zurückgegangen. Nach weiteren fünf Jahren, aufgrund einer Epidemie, zählte P. Roussel, der Bruder Eyraud als Priester zeitweilig aushalf, 650 Personen auf der Insel. Seelsorglich musste die Inselbevölkerung sich weitgehend selber helfen. Katechisten wie Nicolás Pakarati und sein Sohn Timoteo bildeten die einzige Konstante. Priester kamen lediglich als Marinekapläne und Aushilfskräfte jeweils für kurze Zeit. So waren 1917 zwei Kapuziner auf die Insel gekommen und hatten während eines kurzen Aufenthaltes das erste Haus für Leprakranke errichtet.
Mit dem Kapuziner Sebastian Englert beginnt auf der Insel kontinuierliche Seelsorge an den im Jahre 1935 gezählten 453 Einwohnern. Seine wissenschaftliche Arbeit in Sprachforschung, Geologie, Ethnologie, Genealogie sowie in der Registrierung und Zuordnung der Grabmale (Ahus)und der figürlichen Steinkolosse (Moai) ist weltweit anerkannt. Die Folge waren zahlreiche Ehrungen, etwa der 0´Higgins-Orden Chiles, der Olaf-Orden Norwegens und das Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
Dem Menschen und Seelsorger Sebastian Englert hat der bekannte Forscher Thor Heyerdahl in seinem Buch „Aku-Aku“ ein bleibendes Denkmal gesetzt. Er schreibt: „Mir ist plötzlich klar geworden, dass ich der größten Persönlichkeit gegenüberstand, der ich je im Leben begegnet war, einem Mann, dem sein Glaube lebendiger Ernst war und nicht nur schöne Worte der Erbauung zur Verwendung innerhalb der Kirchentür eingab.“
Quelle: Othmar Noggler
Kurzvita
Geboren wurde Anton Franz Seraph Englert im Jahr 1888 n Dillingen/Donau, später zog er mit seiner Familie nach Eichstätt. Mit 19 Jahren tritt er in den Kapuzinerorden ein, 1912 wird er zum Priester geweiht. Sebastian Englert starb am 8. Januar 1969 auf seiner ersten Vortragsreise nach der Ankunft auf der Osterinsel. Im Totenbuch der bayerischen Kapuzinerprovinz ist folgendes über ihn zu lesen: „Am 8. Januar starb in New Orleans (USA) P. Sebastian von Dillingen im 81. Lebensjahr, 62.Ordensjahr und 57. Priesterjahr. Er wirkte in den letzten 33 Jahren seines Lebens auf der Osterinsel als Seelsorger und Gelehrter.“
