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12. Sep­tem­ber 2025

Sebastian Englert: ein Kapuziner auf der Osterinsel

Über drei Jahr­zehn­te leb­te der Kapu­zi­ner und Pries­ter Sebas­ti­an Eng­lert als Mis­sio­nar in Chi­le und auf der Oster­in­sel. Er wirk­te Zeit sei­nes Lebens als Mensch, der Gren­zen überwand.

Schon als jun­gen Mann zog es Sebas­ti­an Eng­lert in die Wei­te. Die Ent­schei­dung, Kapu­zi­ner zu wer­den, eröff­ne­te für die dama­li­ge Zeit bereits Per­spek­ti­ven, die für die gewöhn­li­chen Alt­mühl­ta­ler und auch für Pries­ter der Diö­ze­se Eich­stätt eine Grenz­über­schrei­tung ver­hie­ßen. Gehör­ten doch zur Baye­ri­schen Kapu­zi­ner­pro­vinz neben den Fran­ken auch Ober- und Nie­der­bay­ern, Ober­pfäl­zer, Schwa­ben, Saar­län­der und Pfäl­zer. Somit konn­te der spä­te­re Wir­kungs­kreis zwi­schen St. Ing­bert und Pas­sau, Rosen­heim und Aschaf­fen­burg lie­gen – für die dama­li­ge Zeit bereits eine nicht all­täg­li­che beruf­li­che Aussicht.

Mit der noch jun­gen Auf­ga­be der baye­ri­schen Kapu­zi­ner­pro­vinz, der Mapu­che-Mis­si­on im fer­nen Chi­le, wink­te nicht nur die Erfah­rung eines ande­ren Kon­ti­nen­tes, son­dern sogar die Erfah­rung zwei­er Kul­tu­ren: Zunächst die der chi­le­ni­schen, mit ihren spa­ni­schen Ursprün­gen und den Facet­ten der ver­schie­de­nen euro­päi­schen Ein­wan­de­rer­grup­pen. Die zwei­te Kul­tur, für den künf­ti­gen Mis­sio­nar die bestim­men­de, war die des Mapu­che-Vol­kes, das sich über drei Jahr­hun­der­te sei­ne (auch reli­giö­se) Frei­heit in blu­ti­gen Krie­gen hat­te bewah­ren können.

Ein­mal in Arau­ka­ni­en, jen­seits der Gren­ze, die Spa­ni­en und auch die Repu­blik Chi­le bis zum Jah­re 1881 hat­ten respek­tie­ren müs­sen, hat Sebas­ti­an Eng­lert, ähn­lich wie der „India­ner­ad­vo­kat“ und Mit­bru­der Sieg­fried Schnei­der, für die belo­ge­nen, betro­ge­nen, von ihrer Schol­le ver­trie­be­nen und aus­ge­beu­te­ten India­ner Par­tei ergrif­fen. Der Kampf um das Recht auf ihr ange­stamm­tes Land und damit auf ihr Lebens- und Über­le­bens­recht, sowie der Respekt vor der Men­schen­wür­de und der Kul­tur, bestimm­ten fort­an sein Leben.

Als Mis­sio­nar war er nach Arau­ka­ni­en gekom­men. Über­zeugt, dem from­men Mapu­che-Volk „fro­he Bot­schaft“ zu brin­gen. Der Respekt vor dem Mapu­che-Volk ver­lang­te es, sei­ne Spra­che zu spre­chen. Weil Eng­lert nicht nur ein wis­sen­schaft­li­cher Beob­ach­ter war, son­dern mit dem Her­zen hin­hör­te, ging ihm die Welt, auch die Glau­bens­welt des Mapu­che-Vol­kes auf. Das ließ ihn ein wei­te­res Mal die übli­chen Gren­zen über­schrei­ten. Die ange­stamm­te Reli­gi­on des Mapu­che-Vol­kes hat­te im Den­ken des Mis­sio­nars Sebas­ti­an Eng­lert ihren Wert, sei­ne Tätig­keit als Mis­sio­nar dien­te der Ver­tie­fung der bereits vor­han­de­nen Glau­bens­er­fah­rung die­ses Volkes.

Im Jahr 1937 baten die chi­le­ni­schen Bischö­fe das Apos­to­li­sche Vika­ri­at, auch die Oster­in­sel zu über­neh­men. Der Kapu­zi­ner­pa­ter Sebas­ti­an Eng­lert begab sich in das neue Mis­si­ons­ge­biet, auch wenn das einer frei­wil­li­gen Ver­ban­nung gleich­kam. Doch zuvor hat­te die Oster­in­sel sein wis­sen­schaft­li­ches Inter­es­se geweckt. Sebas­ti­an Eng­lert war als Mit­glied der „Stu­di­en­kom­mis­si­on Oster­in­sel“ der Uni­ver­si­tät Sant­ia­go 1935 dort­hin dele­giert worden.

Das Wort Ver­ban­nung ist wört­lich zu neh­men. Mis­sio­nar sein auf der Oster­in­sel hieß: Leben auf einem Eiland von gan­zen 18 Qua­drat­ki­lo­me­tern, das mit Unter­bre­chun­gen nur ein­mal im Jahr von der chi­le­ni­schen Mari­ne ange­lau­fen wur­de. Eine Insel, fast 4000 Kilo­me­ter vom Fest­land ent­fernt, damals ohne Funk. Die Ver­bin­dung zu den Mit­brü­dern, zur Hei­mat und inter­es­sier­ten wis­sen­schaft­li­chen Krei­sen war somit auf den jähr­lich ein­mal statt­fin­den­den Post­emp­fang und Post­ver­sand eingeschränkt.

Die Bevöl­ke­rung von Rapa­nui, wie die Ein­hei­mi­schen ihre Insel nen­nen, stammt aus Poly­ne­si­en. Die in ihrer Fül­le auf der Welt ein­ma­li­gen Grab­denk­mä­ler und figür­li­chen Stein­ko­los­se zeu­gen von einem hohen kul­tu­rel­len Niveau. 1722 ent­deck­te der nie­der­län­di­sche See­fah­rer Jakob Rog­ge­ween die Insel. Fast fünf­zig Jah­re spä­ter (1770) wur­de sie durch den Vize­kö­nig von Peru im Namen Spa­ni­ens in Besitz genom­men. Das geschah mit der fei­er­li­chen Errich­tung von drei Kreu­zen auf den drei Berg­hü­geln der Insel. Zwar woll­te Karl III. von Spa­ni­en Mis­sio­na­re schi­cken, aber es blieb beim Vorsatz.

Der ers­te, der auf der Oster­in­sel mis­sio­nier­te, war fast ein Jahr­hun­dert spä­ter der Lai­en­bru­der Euge­nio Eyraud von der Gemein­schaft der Mis­sio­na­re von den Hei­ligs­ten Her­zen, denen das Apos­to­li­sche Vika­ri­at von Tahi­ti anver­traut war. Eyraud fand ein geleh­ri­ges Volk, aber der Kon­takt mit den „Zivi­li­sier­ten“ hat­te den kul­tu­rel­len und sozia­len Nie­der­gang bereits ein­ge­läu­tet. Die Bevöl­ke­rung wur­de gespal­ten, bekämpf­te sich gegen­sei­tig und muss­te mit anse­hen, wie ver­mut­lich mehr als 1000 Mann zwi­schen 1850 und 1862 von See­räu­bern als Skla­ven zum Ver­kauf in Peru depor­tiert wur­den, ande­re unter Vor­spie­ge­lung fal­scher Tat­sa­chen als Arbeits­kräf­te ange­wor­ben wurden.

So war die Insel­be­völ­ke­rung war von etwa 5000 auf 1800 Men­schen im Jahr 1864 zurück­ge­gan­gen. Nach wei­te­ren fünf Jah­ren, auf­grund einer Epi­de­mie, zähl­te P. Rous­sel, der Bru­der Eyraud als Pries­ter zeit­wei­lig aus­half, 650 Per­so­nen auf der Insel. Seel­sorg­lich muss­te die Insel­be­völ­ke­rung sich weit­ge­hend sel­ber hel­fen. Kate­chis­ten wie Nicolás Paka­ra­ti und sein Sohn Timo­teo bil­de­ten die ein­zi­ge Kon­stan­te. Pries­ter kamen ledig­lich als Mari­ne­ka­plä­ne und Aus­hilfs­kräf­te jeweils für kur­ze Zeit. So waren 1917 zwei Kapu­zi­ner auf die Insel gekom­men und hat­ten wäh­rend eines kur­zen Auf­ent­hal­tes das ers­te Haus für Lepra­kran­ke errichtet.

Mit dem Kapu­zi­ner Sebas­ti­an Eng­lert beginnt auf der Insel kon­ti­nu­ier­li­che Seel­sor­ge an den im Jah­re 1935 gezähl­ten 453 Ein­woh­nern. Sei­ne wis­sen­schaft­li­che Arbeit in Sprach­for­schung, Geo­lo­gie, Eth­no­lo­gie, Genea­lo­gie sowie in der Regis­trie­rung und Zuord­nung der Grab­ma­le (Ahus)und der figür­li­chen Stein­ko­los­se (Moai) ist welt­weit aner­kannt. Die Fol­ge waren zahl­rei­che Ehrun­gen, etwa der 0´Higgins-Orden Chi­les, der Olaf-Orden Nor­we­gens und das Bun­des­ver­dienst­kreuz der Bun­des­re­pu­blik Deutschland.

Dem Men­schen und Seel­sor­ger Sebas­ti­an Eng­lert hat der bekann­te For­scher Thor Heyer­dahl in sei­nem Buch „Aku-Aku“ ein blei­ben­des Denk­mal gesetzt. Er schreibt: „Mir ist plötz­lich klar gewor­den, dass ich der größ­ten Per­sön­lich­keit gegen­über­stand, der ich je im Leben begeg­net war, einem Mann, dem sein Glau­be leben­di­ger Ernst war und nicht nur schö­ne Wor­te der Erbau­ung zur Ver­wen­dung inner­halb der Kir­chen­tür eingab.“

Quel­le: Oth­mar Noggler

 

Kurz­vi­ta

Gebo­ren wur­de Anton Franz Seraph Eng­lert im Jahr 1888 n Dillingen/Donau, spä­ter zog er mit sei­ner Fami­lie nach Eich­stätt. Mit 19 Jah­ren tritt er in den Kapu­zi­ner­or­den ein, 1912 wird er zum Pries­ter geweiht. Sebas­ti­an Eng­lert starb am 8. Janu­ar 1969 auf sei­ner ers­ten Vor­trags­rei­se nach der Ankunft auf der Oster­in­sel. Im Toten­buch der baye­ri­schen Kapu­zi­ner­pro­vinz ist fol­gen­des über ihn zu lesen: „Am 8. Janu­ar starb in New Orleans (USA) P. Sebas­ti­an von Dil­lin­gen im 81. Lebens­jahr, 62.Ordensjahr und 57. Pries­ter­jahr. Er wirk­te in den letz­ten 33 Jah­ren sei­nes Lebens auf der Oster­in­sel als Seel­sor­ger und Gelehrter.“

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