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BR. VINZENZ VON PAUL

ist Jahr­gang 1952 und seit 1981 Kapu­zi­ner. Er lebt und arbei­tet im Wall­fahrts­ort Altötting. 

10. Dezem­ber 2025

Der Mesner von Sankt Anna in Altötting

Jeden Mor­gen öff­net Bru­der Vin­zenz die Pfor­ten der Alt­öt­tin­ger Sankt-Anna-Basi­li­ka und beginnt sei­nen Dienst. Tag für Tag, seit über vier­zig Jah­ren. Trotz Krank­heit, Krü­cken und einer Geschich­te, die ganz anders hät­te enden können.

Er nennt sie sei­ne „Alte Dame“ oder „den Tem­pel“. Hel­le Mau­er­bö­gen, dar­un­ter kunst­vol­le Sei­ten­al­tä­re und ein blank geputz­ter Mar­mor­bo­den füh­ren nach vor­ne zum präch­ti­gen Haupt­al­tar mit dem Bild­nis der hei­li­gen Mut­ter Anna. Wer die Wall­fahrts­ba­si­li­ka von Alt­öt­ting betritt, möch­te ent­we­der instink­tiv zu sin­gen begin­nen oder in stau­nen­dem Schwei­gen die Schön­heit die­ser Kir­che genie­ßen. Nur zwei Jah­re, von 1910 bis 1912, hat der Bau des gigan­ti­schen Got­tes­hau­ses gedau­ert. Damals hat­te man mehr Platz für die zahl­lo­sen Men­schen gebraucht, die zur Gna­den­mut­ter von Alt­öt­ting gepil­gert kamen. Obwohl die ober­baye­ri­sche Klein­stadt noch immer der größ­te Wall­fahrts­ort im deutsch­spra­chi­gen Raum ist, begrüßt den Besu­cher heu­te oft Stil­le. Bru­der Vin­zenz kennt noch ande­re Zei­ten. Seit über vier­zig Jah­ren betreut der Kapu­zi­ner die Basi­li­ka als Mes­ner. Wer ein wenig dort ver­weilt, wird ihn wohl frü­her oder spä­ter ent­de­cken. Mal in sei­ner dun­kel­brau­nen Kut­te, mal in einem rauch­blau­en Hemd und Arbeits­schür­ze. Wie er einen Got­tes­dienst vor­be­rei­tet, sich um die Blu­men küm­mert, für einen Fest­tag schmückt, ein­fach nach dem Rech­ten schaut.

„In den Ruhestand gehe ich erst im Himmel“

Jeden Mor­gen in aller Frü­he schließt er die guss­ei­ser­nen Pfor­ten der Basi­li­ka auf, jeden Abend sperrt er sie wie­der ab. Die Stun­den dazwi­schen sind gefüllt mit den unter­schied­lichs­ten Arbei­ten, klös­ter­li­chen Gebets­zei­ten, kur­zen Espres­so-Besu­chen bei sei­nen Freun­den in den Wall­fahrts­lä­den, vie­len Arzt­ter­mi­nen. „In den Ruhe­stand gehe ich erst im Him­mel“, erklärt der 73-Jäh­ri­ge auf die Fra­ge, ob er denn immer noch als Mes­ner arbei­te. Eini­ge Male wäre es fast so weit gewe­sen – mit dem Him­mel und dem Ruhe­stand. Sein gan­zes Leben schon kämpft Bru­der Vin­zenz mit einer zer­brech­li­chen Gesund­heit, oft sieht man ihn wegen sei­nes star­ken Schwin­dels oder den Schmer­zen in den Bei­nen mit Krü­cken gehen, auch die Lun­ge und das Herz machen Pro­ble­me. Der Kapu­zi­ner nimmt das meist mit Gelas­sen­heit und einem Lachen. „Wenn ihr bis Sams­tag nichts von mir hört, bin ich oben beim Chef“, mein­te er leicht grin­send, als er im ver­gan­ge­nen Dezem­ber ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert wur­de und man nicht sicher war, ob er es schaf­fen wür­de. Sei­ne Haupt­sor­ge war damals, dass die Weih­nachts­bäu­me in der Basi­li­ka ordent­lich auf­ge­stellt würden.

Die ersten Monate ging es nur ums Überleben

Alt­öt­ting ist dank­bar, dass „der Chef oben“ für Bru­der Vin­zenz vor­erst noch ande­re Plä­ne hat. Auch wenn der gebür­ti­ge All­gäu­er sich nach wie vor nur als „Kur­gast“ bezeich­net, ist er doch aus dem Wall­fahrts­ort schon lan­ge nicht mehr weg­zu­den­ken. Dabei war es alles ande­re als abseh­bar, dass sein Weg ein­mal hier­her füh­ren wür­de. Bru­der Vin­zenz wur­de im Sep­tem­ber 1952 als Horst Mül­ler in Oberst­dorf gebo­ren. Bereits nach weni­gen Tagen erkrankt er schwer an einer Mit­tel­ohr- und Lun­gen­ent­zün­dung und Keuch­hus­ten. Die ers­ten Mona­te sei­nes Lebens ver­bringt er haupt­säch­lich im Kran­ken­haus, dort wird er im Mai 1953 evan­ge­lisch not­ge­tauft, erholt sich dann aber über­ra­schend und darf wie­der nach Hau­se. Lan­ge bleibt er jedoch auch dies­mal nicht. Die fami­liä­re Situa­ti­on ist so schwie­rig, dass das Jugend­amt den Klei­nen bald wie­der aus der Fami­lie her­aus­nimmt und in das Kin­der­heim der Dil­lin­ger Fran­zis­ka­ne­rin­nen nach Kalz­ho­fen bringt. Auch sei­ne vier Jah­re älte­re Halb­schwes­ter lebt für kur­ze Zeit dort, kehrt aber bald zur Mut­ter zurück.

Der jun­ge Horst bleibt. Bis auf gele­gent­li­che Besu­che in den Feri­en als er älter ist, wächst er ganz bei den Schwes­tern auf. Bis heu­te hat er sie in dank­ba­rer und guter Erin­ne­rung. „Die war‘n schon guad“, meint er. So „guad“, dass er sich als Kind manch­mal dach­te, wenn er ein Mäd­chen wäre, wür­de er auch Schwes­ter wer­den. „Da hab‘ ich noch nicht gewusst, dass es auch Kapu­zi­ner gibt“, lacht er. Bis 1960 lebt er im soge­nann­ten Vet­ter­haus St. Anna, dann wech­selt er nach neben­an zu den Grö­ße­ren. Immer bleibt er „das Sor­gen­kind“, ist stän­dig krank, eher ruhig, schüch­tern, brav. Ab und zu, sel­ten, kommt die Mut­ter zu Besuch, der Vater nie. „Hab‘ ihn gern mögen“, sagt er trotz­dem über ihn.

Zwischen Schwestern, Mönchen und viel Wäsche 

Wäh­rend er mit einer Man­del­ent­zün­dung für eine Woche im Kran­ken­haus liegt, ver­an­lasst die Mut­ter einen Heim­wech­sel nach Immenstadt. Dort gibt es eine evan­ge­li­sche Schu­le, die er besu­chen soll. Ohne Abschied von den Kin­dern und Schwes­tern aus Kalz­ho­fen wird Horst direkt in die neue Unter­kunft gebracht. „Das war hart“, erin­nert er sich. Er geht ent­ge­gen dem Wunsch der Mut­ter auf die katho­li­sche Schu­le und ent­schei­det sich bald, kom­plett zur katho­li­schen Kir­che über­zu­tre­ten. Fast täg­lich ist er bei den Kapu­zi­nern im Klos­ter gegen­über zu Besuch, minis­triert in der Früh­mes­se, hilft im Gar­ten oder in der Küche. 1968 beginnt er eine Aus­bil­dung in Dürr­lau­in­gen, zunächst als Weber, spä­ter wech­selt er in die Wäsche­rei. Nach sei­ner Gesel­len­prü­fung als Wäscher und Plät­ter tritt er eine Stel­le im Kran­ken­haus der Barm­her­zi­gen Schwes­tern in Immenstadt an. Dort bleibt er neun Jah­re. In einem eige­nen Schre­ber­gar­ten baut er Gemü­se an und ver­schenkt es, in sei­ner Frei­zeit arbei­tet er als Sani­tä­ter, im Sozi­al­dienst und auf Sta­ti­on beim Roten Kreuz.

Den Gedan­ken ins Klos­ter zu gehen, sagt er im Rück­blick, hat­te er eigent­lich schon immer. Und auch wenn die Schwes­tern in Immenstadt ihn nur unger­ne gehen las­sen und die Mut­ter sei­ne Ent­schei­dung nicht unter­stützt, tritt er am 1. März 1981 ins Kapu­zi­ner­klos­ter St. Kon­rad in Alt­öt­ting ein und nimmt den Ordens­na­men Vin­zenz an. Andert­halb Jah­re spä­ter legt er die Zeit­li­che, 1985 schließ­lich die Ewi­ge Pro­fess ab. Danach wird ihm in der Mün­che­ner Pfar­rei St. Joseph der Pfor­ten­dienst über­tra­gen, eine Umge­bung, in der er sich zuneh­mend unwohl fühlt. „Das war eine har­te Prü­fung“, sagt er heu­te über die­se Mona­te. Als man nach einer Visi­ta­ti­on fragt, ob er zurück nach Alt­öt­ting möch­te, ant­wor­tet er schlicht: „Wenn man mich braucht.“

„Nur ein staubiger Bruder“

Und man braucht ihn. Er wird Mes­ner in der Basi­li­ka und über­nimmt unter den Brü­dern den Kran­ken­dienst. Für bei­des ist er bis heu­te, inzwi­schen mit Unter­stüt­zung, zustän­dig. Am schöns­ten sei es, so sagt er, „wenn der Tem­pel voll ist“.  Wer einen Blick in sein Reich – die geräu­mi­ge Sakris­tei mit Stuck­de­cken und lan­gen Schrän­ken vol­ler Mess­ge­wän­der und lit­ur­gi­scher Gerä­te, den gro­ßen Kel­ler mit alten Hei­li­gen­bil­dern, die weit­läu­fi­ge, son­nen­hel­le Empo­re – wer­fen darf, ist beein­druckt von der akku­ra­ten Ord­nung, die alles aus­strahlt. Jede kirch­li­che Fest­zeit, jeder Fei­er­tag wird sorg­fäl­tig vor­be­rei­tet, meh­re­re klei­ne Jah­res­krip­pen erzäh­len bibli­sche Geschich­ten, die 600 Christ­baum­ku­geln wer­den nach Gebrauch ein­zeln abge­wischt und vor­sich­tig ver­staut, vier­zig gro­ße Blu­men­stö­cke zum Über­win­tern in den Kel­ler gebracht. Alles hier hat sei­nen Platz.

Wie auch Bru­der Vin­zenz selbst. Man spürt, dass die­ser Mann weiß, wo er hin­ge­hört, Frie­den hat. Pil­ger­mas­sen und Kar­di­nä­le, Kon­zer­te und Kon­gres­se, Päps­te und Poli­zei­ein­sät­ze: Bru­der Vin­zenz hat schon Vie­les gese­hen und nur wenig bringt den Kapu­zi­ner mit der tie­fen Stim­me und dem vol­len Bart aus der Ruhe. „Rem­mi­dem­mi“ manch­mal, schlech­tes Bier oder unpünkt­li­che Zele­bran­ten. Alles Übri­ge erle­digt sein bis­wei­len kan­tig-der­ber Humor, unter dem sich eine ein­fa­che, ech­te Herz­lich­keit, eine tie­fe Dank­bar­keit, ein urwüch­si­ger Glau­be, ein kind­li­ches Gott­ver­trau­en ver­birgt. Man spürt es, wenn er mit klei­nen Kin­dern scherzt, aus den Tie­fen sei­ner Habit-Tasche einen All­gäu­er Käse zau­bert, den er aus sei­nem Som­mer­ur­laub in der Hei­mat als Geschenk mit­ge­bracht hat, mit einem Hän­de­druck sein Gebet ver­spricht. Dabei ist ihm, auch wenn er in der loka­len Pres­se und Öffent­lich­keit gut bekannt ist, gro­ße Auf­merk­sam­keit sicht­lich unan­ge­nehm. Und „nur ein stau­bi­ger Bru­der“, kor­ri­giert er, wenn jemand ihn in sei­nem Habit für einen Pries­ter hält.

Im Schatten der „Alten Dame“

Neben der Tür, die von der Sakris­tei in den Altar­raum führt, steht ein Stuhl, auf dem er bei Got­tes­diens­ten oft sitzt und alles im Blick behält. Hier wird er ein­mal ster­ben, scherzt er ab und zu. Und zeigt dem einen oder ande­ren ein wenig stolz den Gink­go-Baum, den er vor eini­ger Zeit auf dem Klos­ter­fried­hof gepflanzt hat und lie­be­voll pflegt. Gleich dane­ben, im Schat­ten der „Alten Dame“, soll ein­mal sein Grab sein, ein schmuck­lo­ses Stein­kreuz dar­auf wie auf den Grä­bern neben­an. Das Ster­ben scheint für Bru­der Vin­zenz so natür­lich und unkom­pli­ziert wie das Leben. Ein Leben, das nicht ihm selbst, son­dern ganz Gott und dem Dienst an sei­ner Kir­che und den Men­schen gehört hat. Tag für Tag, Jahr für Jahr, ein­fach und ohne vie­le Wor­te. Viel­leicht ist ihm der Gedan­ke an den Tod des­halb so leicht. Weil er auch dort, wie im Leben, weiß, wo sein Platz ist. Im Tem­pel. In Got­tes Gegen­wart. Beim Chef.

Text: Anna­lia Machuy, Fotos: Bern­hard Spoettel

Der Arti­kel ist zuerst im GRAN­DI­OS Maga­zin erschie­nen – in der Aus­ga­be 9/2025 zum The­ma „Demut“

Zum Maga­zin: GRAN­DI­OS ist ein mul­ti­me­dia­les Maga­zin der GRAN­DI­OS Stif­tung. Die­se Treu­hand­stif­tung ist ein Ver­bund von Unter­neh­mern aus der Wirt­schaft, der Medi­en­welt und der Kul­tur, mit Sitz in Bonn und Regens­burg. Als Stif­tung möch­te sie vor allem Neue­van­ge­li­sie­rung und Bil­dungs­in­itia­ti­ven för­dern. Das Maga­zin will inspi­rie­ren, her­aus­for­dern, geis­ti­ge Impul­se und Denk­an­stö­ße geben, Ori­en­tie­rung schaf­fen und Selbst­re­fle­xi­on ermög­li­chen. Es  rich­tet sich an alle – unab­hän­gig von ihrer Glau­bens­ori­en­tie­rung. Mehr Infos auf grandios.online.

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