BR. VINZENZ VON PAUL
ist Jahrgang 1952 und seit 1981 Kapuziner. Er lebt und arbeitet im Wallfahrtsort Altötting.
Der Mesner von Sankt Anna in Altötting
Jeden Morgen öffnet Bruder Vinzenz die Pforten der Altöttinger Sankt-Anna-Basilika und beginnt seinen Dienst. Tag für Tag, seit über vierzig Jahren. Trotz Krankheit, Krücken und einer Geschichte, die ganz anders hätte enden können.
Er nennt sie seine „Alte Dame“ oder „den Tempel“. Helle Mauerbögen, darunter kunstvolle Seitenaltäre und ein blank geputzter Marmorboden führen nach vorne zum prächtigen Hauptaltar mit dem Bildnis der heiligen Mutter Anna. Wer die Wallfahrtsbasilika von Altötting betritt, möchte entweder instinktiv zu singen beginnen oder in staunendem Schweigen die Schönheit dieser Kirche genießen. Nur zwei Jahre, von 1910 bis 1912, hat der Bau des gigantischen Gotteshauses gedauert. Damals hatte man mehr Platz für die zahllosen Menschen gebraucht, die zur Gnadenmutter von Altötting gepilgert kamen. Obwohl die oberbayerische Kleinstadt noch immer der größte Wallfahrtsort im deutschsprachigen Raum ist, begrüßt den Besucher heute oft Stille. Bruder Vinzenz kennt noch andere Zeiten. Seit über vierzig Jahren betreut der Kapuziner die Basilika als Mesner. Wer ein wenig dort verweilt, wird ihn wohl früher oder später entdecken. Mal in seiner dunkelbraunen Kutte, mal in einem rauchblauen Hemd und Arbeitsschürze. Wie er einen Gottesdienst vorbereitet, sich um die Blumen kümmert, für einen Festtag schmückt, einfach nach dem Rechten schaut.
„In den Ruhestand gehe ich erst im Himmel“
Jeden Morgen in aller Frühe schließt er die gusseisernen Pforten der Basilika auf, jeden Abend sperrt er sie wieder ab. Die Stunden dazwischen sind gefüllt mit den unterschiedlichsten Arbeiten, klösterlichen Gebetszeiten, kurzen Espresso-Besuchen bei seinen Freunden in den Wallfahrtsläden, vielen Arztterminen. „In den Ruhestand gehe ich erst im Himmel“, erklärt der 73-Jährige auf die Frage, ob er denn immer noch als Mesner arbeite. Einige Male wäre es fast so weit gewesen – mit dem Himmel und dem Ruhestand. Sein ganzes Leben schon kämpft Bruder Vinzenz mit einer zerbrechlichen Gesundheit, oft sieht man ihn wegen seines starken Schwindels oder den Schmerzen in den Beinen mit Krücken gehen, auch die Lunge und das Herz machen Probleme. Der Kapuziner nimmt das meist mit Gelassenheit und einem Lachen. „Wenn ihr bis Samstag nichts von mir hört, bin ich oben beim Chef“, meinte er leicht grinsend, als er im vergangenen Dezember ins Krankenhaus eingeliefert wurde und man nicht sicher war, ob er es schaffen würde. Seine Hauptsorge war damals, dass die Weihnachtsbäume in der Basilika ordentlich aufgestellt würden.
Die ersten Monate ging es nur ums Überleben
Altötting ist dankbar, dass „der Chef oben“ für Bruder Vinzenz vorerst noch andere Pläne hat. Auch wenn der gebürtige Allgäuer sich nach wie vor nur als „Kurgast“ bezeichnet, ist er doch aus dem Wallfahrtsort schon lange nicht mehr wegzudenken. Dabei war es alles andere als absehbar, dass sein Weg einmal hierher führen würde. Bruder Vinzenz wurde im September 1952 als Horst Müller in Oberstdorf geboren. Bereits nach wenigen Tagen erkrankt er schwer an einer Mittelohr- und Lungenentzündung und Keuchhusten. Die ersten Monate seines Lebens verbringt er hauptsächlich im Krankenhaus, dort wird er im Mai 1953 evangelisch notgetauft, erholt sich dann aber überraschend und darf wieder nach Hause. Lange bleibt er jedoch auch diesmal nicht. Die familiäre Situation ist so schwierig, dass das Jugendamt den Kleinen bald wieder aus der Familie herausnimmt und in das Kinderheim der Dillinger Franziskanerinnen nach Kalzhofen bringt. Auch seine vier Jahre ältere Halbschwester lebt für kurze Zeit dort, kehrt aber bald zur Mutter zurück.
Der junge Horst bleibt. Bis auf gelegentliche Besuche in den Ferien als er älter ist, wächst er ganz bei den Schwestern auf. Bis heute hat er sie in dankbarer und guter Erinnerung. „Die war‘n schon guad“, meint er. So „guad“, dass er sich als Kind manchmal dachte, wenn er ein Mädchen wäre, würde er auch Schwester werden. „Da hab‘ ich noch nicht gewusst, dass es auch Kapuziner gibt“, lacht er. Bis 1960 lebt er im sogenannten Vetterhaus St. Anna, dann wechselt er nach nebenan zu den Größeren. Immer bleibt er „das Sorgenkind“, ist ständig krank, eher ruhig, schüchtern, brav. Ab und zu, selten, kommt die Mutter zu Besuch, der Vater nie. „Hab‘ ihn gern mögen“, sagt er trotzdem über ihn.
Zwischen Schwestern, Mönchen und viel Wäsche
Während er mit einer Mandelentzündung für eine Woche im Krankenhaus liegt, veranlasst die Mutter einen Heimwechsel nach Immenstadt. Dort gibt es eine evangelische Schule, die er besuchen soll. Ohne Abschied von den Kindern und Schwestern aus Kalzhofen wird Horst direkt in die neue Unterkunft gebracht. „Das war hart“, erinnert er sich. Er geht entgegen dem Wunsch der Mutter auf die katholische Schule und entscheidet sich bald, komplett zur katholischen Kirche überzutreten. Fast täglich ist er bei den Kapuzinern im Kloster gegenüber zu Besuch, ministriert in der Frühmesse, hilft im Garten oder in der Küche. 1968 beginnt er eine Ausbildung in Dürrlauingen, zunächst als Weber, später wechselt er in die Wäscherei. Nach seiner Gesellenprüfung als Wäscher und Plätter tritt er eine Stelle im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Immenstadt an. Dort bleibt er neun Jahre. In einem eigenen Schrebergarten baut er Gemüse an und verschenkt es, in seiner Freizeit arbeitet er als Sanitäter, im Sozialdienst und auf Station beim Roten Kreuz.
Den Gedanken ins Kloster zu gehen, sagt er im Rückblick, hatte er eigentlich schon immer. Und auch wenn die Schwestern in Immenstadt ihn nur ungerne gehen lassen und die Mutter seine Entscheidung nicht unterstützt, tritt er am 1. März 1981 ins Kapuzinerkloster St. Konrad in Altötting ein und nimmt den Ordensnamen Vinzenz an. Anderthalb Jahre später legt er die Zeitliche, 1985 schließlich die Ewige Profess ab. Danach wird ihm in der Münchener Pfarrei St. Joseph der Pfortendienst übertragen, eine Umgebung, in der er sich zunehmend unwohl fühlt. „Das war eine harte Prüfung“, sagt er heute über diese Monate. Als man nach einer Visitation fragt, ob er zurück nach Altötting möchte, antwortet er schlicht: „Wenn man mich braucht.“
„Nur ein staubiger Bruder“
Und man braucht ihn. Er wird Mesner in der Basilika und übernimmt unter den Brüdern den Krankendienst. Für beides ist er bis heute, inzwischen mit Unterstützung, zuständig. Am schönsten sei es, so sagt er, „wenn der Tempel voll ist“. Wer einen Blick in sein Reich – die geräumige Sakristei mit Stuckdecken und langen Schränken voller Messgewänder und liturgischer Geräte, den großen Keller mit alten Heiligenbildern, die weitläufige, sonnenhelle Empore – werfen darf, ist beeindruckt von der akkuraten Ordnung, die alles ausstrahlt. Jede kirchliche Festzeit, jeder Feiertag wird sorgfältig vorbereitet, mehrere kleine Jahreskrippen erzählen biblische Geschichten, die 600 Christbaumkugeln werden nach Gebrauch einzeln abgewischt und vorsichtig verstaut, vierzig große Blumenstöcke zum Überwintern in den Keller gebracht. Alles hier hat seinen Platz.
Wie auch Bruder Vinzenz selbst. Man spürt, dass dieser Mann weiß, wo er hingehört, Frieden hat. Pilgermassen und Kardinäle, Konzerte und Kongresse, Päpste und Polizeieinsätze: Bruder Vinzenz hat schon Vieles gesehen und nur wenig bringt den Kapuziner mit der tiefen Stimme und dem vollen Bart aus der Ruhe. „Remmidemmi“ manchmal, schlechtes Bier oder unpünktliche Zelebranten. Alles Übrige erledigt sein bisweilen kantig-derber Humor, unter dem sich eine einfache, echte Herzlichkeit, eine tiefe Dankbarkeit, ein urwüchsiger Glaube, ein kindliches Gottvertrauen verbirgt. Man spürt es, wenn er mit kleinen Kindern scherzt, aus den Tiefen seiner Habit-Tasche einen Allgäuer Käse zaubert, den er aus seinem Sommerurlaub in der Heimat als Geschenk mitgebracht hat, mit einem Händedruck sein Gebet verspricht. Dabei ist ihm, auch wenn er in der lokalen Presse und Öffentlichkeit gut bekannt ist, große Aufmerksamkeit sichtlich unangenehm. Und „nur ein staubiger Bruder“, korrigiert er, wenn jemand ihn in seinem Habit für einen Priester hält.
Im Schatten der „Alten Dame“
Neben der Tür, die von der Sakristei in den Altarraum führt, steht ein Stuhl, auf dem er bei Gottesdiensten oft sitzt und alles im Blick behält. Hier wird er einmal sterben, scherzt er ab und zu. Und zeigt dem einen oder anderen ein wenig stolz den Ginkgo-Baum, den er vor einiger Zeit auf dem Klosterfriedhof gepflanzt hat und liebevoll pflegt. Gleich daneben, im Schatten der „Alten Dame“, soll einmal sein Grab sein, ein schmuckloses Steinkreuz darauf wie auf den Gräbern nebenan. Das Sterben scheint für Bruder Vinzenz so natürlich und unkompliziert wie das Leben. Ein Leben, das nicht ihm selbst, sondern ganz Gott und dem Dienst an seiner Kirche und den Menschen gehört hat. Tag für Tag, Jahr für Jahr, einfach und ohne viele Worte. Vielleicht ist ihm der Gedanke an den Tod deshalb so leicht. Weil er auch dort, wie im Leben, weiß, wo sein Platz ist. Im Tempel. In Gottes Gegenwart. Beim Chef.
Text: Annalia Machuy, Fotos: Bernhard Spoettel
Der Artikel ist zuerst im GRANDIOS Magazin erschienen – in der Ausgabe 9/2025 zum Thema „Demut“.
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