
FOTO: Kapuziner/David Kolkmann
Der Sonnengesang und das Gespür für das Wesentliche
Der Sonnengesang ist Weltliteratur. Br. Marinus Parzinger, Kapuziner im bayerischen Altötting, sagt, warum ihn der Text beeindruckt und berichtet von einer Verbindung mit Bruder Konrad.
Der Sonnengesang des heiligen Franziskus ist ein Text, der mich staunen lässt. Über Br. Franz, der von Krankheiten geplagt es fertigbringt, seinen Gott zu loben durch alle Geschöpfe und dabei eine bewundernswerte Dankbarkeit ausstrahlt. Der Text entstand in altitalienischer Sprache im Winter 1224/25, als Franziskus krank in einer Hütte bei San Damiano lag. Er ist Frucht am Abend seines Lebens, sein Vermächtnis.
Der Sonnengesang zählt zur Weltliteratur, er ist Antwort des Poverello auf die Frage nach Sinn, nach dem Wofür und Wozu in seinem Leben. Ich glaube, dass jeder Mensch darauf eine Antwort braucht. Franz drückte im Sonnengesang seine Ehrfurcht, Dankbarkeit und Lebensfreude aus. Tiefsinnig-schön, ja poetisch, bezeugt er seinen Glauben. Gläubig kann er selbst zu Krankheit, Leid und Tod „Ja“ sagen. Franz von Assisi lebte ein bewegtes Leben. Durch Begegnungen am Weg ist er der geworden, als der er verehrt wird. Im Sonnengesang finden diese Erfahrungen ihren Ausdruck.
Das Loblied der Kreaturen weitet den Blick für die Schöpfung, für Beziehungen und Verflechtungen und einer wechselseitigen Abhängigkeit und ruft zur Verantwortung. Der Sonnengesang lässt mich erschrecken angesichts der Umweltzerstörung und fortschreitender Ausbeutung der natürlichen Ressourcen.
Papst Franziskus hebt sein Beispiel hervor und argumentiert in der Enzyklika Laudato Si von ihm her.
Ich glaube, dass Franziskus das Beispiel schlechthin für die Achtsamkeit gegenüber dem Schwachen und für eine froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie ist. Er ist der heilige Patron all derer, die im Bereich der Ökologie forschen und arbeiten, und wird auch von vielen Nichtchristen geliebt. Er zeigte eine besondere Aufmerksamkeit gegenüber der Schöpfung Gottes und gegenüber den Ärmsten und den Einsamsten. Er liebte die Fröhlichkeit und war wegen seines Frohsinns, seiner großzügigen Hingabe und seines weiten Herzens beliebt. Er war ein Mystiker und ein Pilger, der in Einfachheit und in einer wunderbaren Harmonie mit Gott, mit den anderen, mit der Natur und mit sich selbst lebte. An ihm wird man gewahr, bis zu welchem Punkt die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede untrennbar miteinander verbunden sind.
Ich sehe auch eine Verwandtschaft zwischen Franz von Assisi und dem heiligen Bruder Konrad, der hier in Altötting, wo ich lebe, verehrt wird. In einem Brief im Jahr 1872 schreibt Br. Konrad:
Ich möchte gar oft alle Geschöpfe anrufen, dass sie mir doch meinen lieben Gott lieben helfen.
Hier zeigt der Kapuziner das Geheimnis seiner Gottesbeziehung. Br. Konrad hat gewählt! Er stellte Gott an die erste Stelle in seinem Leben. Er hatte einen Sensus für Gottes Präsenz in der Welt. Er hatte ein Gespür für das Wesentliche. So wurde sein Leben weit und tief.
Das geht mich an. Franziskus gibt uns mit dem Sonnengesang einen Impuls, um tiefer zu sehen und ein Gespür für das Wesentliche zu bekommen.
