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FOTO: KAPUZINER/BR. NIKLAUS KUSTER

Vogelpredigt des Franziskus

Skulp­tur von Fio­ren­zo Bac­ci neben der Kir­che San­ta Maria von Rivo­tor­to bei Assisi

10. August 2026

Die Vogelpredigt des heiligen Franziskus

Schöpfungs‑, Men­schen- und Tier­lie­be ver­bin­den sich im Leben und Wir­ken des hei­li­gen Fran­zis­kus. Ganz kon­kret: im Motiv der Vogel­pre­digt. Ein Impuls des Kapu­zi­ners Br. Niklaus Kuster. 

Die Skulp­tur steht sin­nen­fäl­lig bei der Kir­che San­ta Maria von Rivo­tor­to, in der ita­lie­ni­schen Gemein­de Assi­si: Geer­det und beflü­gelt blickt Fran­zis­kus von Assi­si sin­gend zum Him­mel, von einem Rei­gen tan­zen­der Kin­der und von flat­tern­den Vögeln umringt. Die Bot­schaft des Künst­lers Fio­ren­zo Bac­ci ist unüber­hör­bar: Schöpfungs‑, Men­schen- und Tier­lie­be ver­bin­den sich im Leben des Got­tes­freun­des untrennbar.

Bevor es Barock­künst­lern gefal­len soll­te, den Pover­el­lo mit Kreuz und Toten­kopf als aus­ge­mer­gel­ten Aske­ten in fins­te­rer Zeit zu malen, war die Vogel­pre­digt das häu­figs­te Motiv, mit dem der Bru­der dar­ge­stellt wur­de. Sein Leben und sei­ne Bot­schaft haben ihren Ort mit­ten in der geschaf­fe­nen Welt, deren Got­tes­lob alle Geschöp­fe ein­be­zie­hen soll. Ein­zig das Evan­ge­li­ar in den Hän­den des Bru­ders konn­te als Attri­but mit den Vögeln mit­hal­ten. Das ältes­te Fres­ko vom Hei­li­gen in sei­ner Gra­bes­kir­che, Basi­li­ka San Fran­ces­co, ver­bin­det bei­de Moti­ve: Von einem Gefähr­ten beglei­tet, trägt Fran­zis­kus das Evan­ge­li­um beherzt durch die Welt und rich­tet die fro­he Bot­schaft auch an die Vogel­welt. Dass die Skulp­tur in Rivo­tor­to vor Assis­is Kulis­se steht, könn­te bio­gra­fisch nicht stim­mi­ger sein. Erst der Bruch mit der Stadt und das Leben vor ihren Mau­ern als »Bru­der, der durch die Welt zieht«, taucht Fran­zis­kus der­art in die Schöp­fung ein, dass auch die Tie­re zu sei­nen Geschwis­tern werden.

Schritte in ein neues Leben

Vögel beglei­ten das gan­ze Wan­der­le­ben des Bru­ders. Im Kino­film »Bru­der Son­ne – Schwes­ter Mond« lässt Fran­co Zef­fi­rel­li 1972 einen Spat­zen den Auf­takt set­zen. Der klei­ne Vogel weckt auf dem Fens­ter­sims mit sei­nem Gesang die Lebens­freu­de des Gene­sen­den neu, der durch Krieg, Ker­ker und schwe­re Krank­heit tief erschüt­tert und über Mona­te ans Bett gebun­den war. Fran­zis­kus ver­lässt sein Bett wacke­lig auf den Bei­nen und wird vom Vögel­chen ans Fens­ter und auf den Zie­gel­first des dar­un­ter­lie­gen­den Daches gelockt. Es sind die ers­ten Schrit­te in ein neu­es Leben. Als Fran­zis­kus in die­sem Film spä­ter mit ers­ten Gefähr­ten vor Papst Inno­zenz III. steht und die­ser die Armut der Brü­der nicht ver­ste­hen kann, zitiert Fran­zis­kus die Berg­pre­digt Jesu: »Lernt von den Vögeln des Him­mels: Sie säen nicht und ern­ten nicht! Der himm­li­sche Vater sorgt für sie …«. Tat­säch­lich rufen sowohl Gefähr­ten wie die Bio­gra­fen des Pover­el­lo in Erin­ne­rung, wie ermu­ti­gend Fran­zis­kus sei­nen Brü­dern das Leben und Sin­gen der Vögel vor Augen stell­te. So kommt eine Text­samm­lung, in die Erin­ne­run­gen von Bru­der Leo ein­flos­sen, auf die Ver­wandt­schaft der Brü­der mit Ler­chen zu spre­chen: »Fran­zis­kus pfleg­te von der Ler­che zu sagen: ›Schwes­ter Ler­che hat eine Kapu­ze wie wir Brü­der und ist ein demü­ti­ger Vogel, der sich auf den Wegen der Welt ein paar Getrei­de­kör­ner sucht … Im Flug lobt sie Gott, wie gute Ordens­leu­te das Irdi­sche im Blick und zugleich dem Him­mel zuge­wandt. Ihr Feder­kleid ist braun wie die Erde und ermu­tigt uns, kei­ne far­bi­gen und fei­nen Klei­der haben zu wol­len‹.« Die­ser Nähe zu »den Schwes­tern Ler­chen« wegen »lieb­te er sie sehr und sah sie ger­ne« (Per 14: FQ 1103).

Die Vogel­pre­digt wird von den Bio­gra­fen ein­hel­lig erzählt und auf den frü­hes­ten Tafel­bil­dern der­art pro­mi­nent als her­aus­ra­gen­de Sze­ne sei­nes Lebens dar­ge­stellt, dass am Fak­tum nicht zu zwei­feln ist (1 C 49: FQ 234–235). Aller­dings spricht aus der für meh­re­re Orte bezeug­ten Geschich­te nicht Natur­ro­man­tik, son­dern ein Ernst­neh­men des Evan­ge­li­ums, wie es uns ver­gleich­bar ein­zig bei iri­schen Mön­chen des Früh­mit­tel­al­ters begeg­net. Sand­te Jesus sei­ne Jün­ger in Gali­läa aus, um Frie­den in die Häu­ser, Dör­fer und Städ­te zu tra­gen, wei­tet sich der Auf­trag nach Ostern: Der Auf­er­stan­de­ne sen­det sei­nen Kreis bis »an die Gren­zen der Erde« (Mt 28), um »das Evan­ge­li­um allen Geschöp­fen zu ver­kün­den « (Mt 16). Pau­lus legt im Römer­brief nach: »Die gan­ze Schöp­fung war­tet sehn­lich dar­auf, dass wir Men­schen uns als Söh­ne und Töch­ter Got­tes erwei­sen « (Röm 8). Fran­zis­kus lernt, als Sohn Got­tes und Jün­ger Jesu so zu leben, dass die Schöp­fung auf­at­men kann und mit ihm gemein­sam ins Got­tes­lob einstimmt.

Zahlreiche Episoden mit Vögeln

Unter den Tier­ge­schich­ten, die das Wan­der­le­ben des Bru­ders prä­gen (2 C 56: FQ 332), gesel­len sich wei­te­re Epi­so­den mit Vögeln zu den Vogel­pre­dig­ten. Auf La Ver­na gewöhnt sich ein Fal­ke an die Gebets­zei­ten des Bru­ders und flat­tert jeweils auf einen Baum­ast über sei­ner Höh­le, wenn Fran­zis­kus sie­ben Mal am Tag und ein­mal in der Nacht das Got­tes­lob singt (2 C 168: FQ 392). Auf dem See von Rie­ti wird Fran­zis­kus von einem Fischer ein jun­ger Was­ser­vo­gel geschenkt, dem der Bru­der mit den Hän­den ein Nest formt, bis er sich beru­higt, ihn dann seg­net und frei in sei­nen Lebens­raum zurück­keh­ren lässt (2 C 167: FQ 391). Das­sel­be soll in Sie­na, wo Fran­zis­kus im Früh­ling 1226 schwer krank gepflegt wird, mit einem gefan­ge­nen Fasan gesche­hen. Der Vogel freun­det sich mit ihm an (2 C 169: FQ 392).

Die Visi­on auf La Ver­na wird im Früh­herbst 1224 von Vögeln vor­be­rei­tet, die Fran­zis­kus bei sei­ner mys­ti­schen Tabor-Erfah­rung näher­ste­hen als die Brü­der: »In aller Frü­he nun, beim Mor­gen­rot, als er gera­de beim Gebet weil­te, erschie­nen Vögel ver­schie­de­ner Gat­tun­gen über der Zel­le, wo er wohn­te, nicht alle gleich­zei­tig zusam­men, son­dern zuerst kam einer, sang sei­ne lieb­li­che Wei­se und flog wie­der weg; dann kam ein ande­rer, sang und flog wie­der weg; und so mach­ten es alle. Fran­zis­kus war dar­über höchst ver­wun­dert … Da wur­de ihm von Gott im Geis­te gesagt: ›Dies ist ein Zei­chen, dass der Herr dir in die­ser Zel­le Gutes tun und dir vie­le Trös­tun­gen schen­ken wird‹.« (Per 118: FQ 1203).

So sehr sich Fran­zis­kus den Vögeln ver­bun­den fühlt, er erwähnt sie in sei­nem Son­nen­ge­sang erstaun­li­cher­wei­se nicht. Das Schöp­fungs­lied nennt kei­ne Tie­re, weil des­sen Urver­si­on die­se wie auch Pflan­zen und Men­schen durch die vier Urele­men­te »mit allen Geschöp­fen« ein­be­zieht: Alle Lebe­we­sen bestehen aus Erde, atmen Luft, brau­chen Was­ser und tra­gen Ener­gie in sich. Eine Vor­form des Son­nen­ge­sangs nennt die Vögel jedoch pro­mi­nent als Ver­tre­ter der gan­zen Tier­welt. Die »Ein­la­dung zum Got­tes­lob«, vom Pover­el­lo in der Ere­mi­ta­ge Romi­ta von Cesi gedich­tet und für die Brü­der auf eine Holz­ta­fel geschrie­ben, singt in einer Pas­sa­ge: »11 Alle Geschöp­fe, lob­preist den Herrn. 12 Alle Vögel des Him­mels, lobt den Herrn. 13 Alle Kin­der, lobt den Herrn. 14 Jüng­lin­ge und Jung­frau­en, lobt den Herrn!« (FQ 14).

Fran­zis­kus will Anfang Okto­ber 1226 ster­bend den Son­nen­ge­sang hören. Sei­ne Brü­der erfül­len ihm den Wunsch und machen dann eine berüh­ren­de Erfah­rung: »Am spä­ten Sams­tag­abend nach der Ves­per vor der Nacht, in wel­cher der seli­ge Fran­zis­kus zum Herrn ging, flo­gen vie­le Vögel, die man Ler­chen nennt, nicht sehr hoch über dem Dach des Hau­ses, in wel­chem unser Bru­der ruh­te, und zogen sin­gend eine kreis­för­mi­ge Bahn. Wir, die wir mit Fran­zis­kus zusam­men gewe­sen sind, bezeu­gen dies und haben es auf­ge­schrie­ben« (Per 14: FQ 1103). Fran­zis­kus woll­te nackt auf der Mut­ter Erde ster­ben und die Welt so ver­las­sen, wie er in sie gebo­ren wor­den war. Und die Vögel des Him­mels, die sein Wan­der­le­ben beglei­te­ten, kün­dig­ten den Brü­dern in Fran­zis­kus’ eige­ner Ster­be­stun­de sei­nen Ein­zug in den Him­mel an.

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