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„Erhebet eure Herzen, nicht eure Handys!“
Gefährdete Jugend und digitale Diät: Regeln für den Umgang mit dem Smartphone helfen, mehr Kontrolle und Leistungsfähigkeit sowie Zeit für Stille zu gewinnen. Schon kleine Schritte sind hilfreich.
Von Papst Franziskus ist folgende Geschichte überliefert: In einer Ansprache kritisierte er Gläubige und Priester, die während eines Gottesdienstes ihre Smartphones für Fotos benutzten, mit den Worten: „Erhebet eure Herzen, nicht eure Handys!“. Dieser Satz, der dazu mahnt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, zeigt auf, was in den unterschiedlichsten Situationen des Lebens jeder kennt: Handys dominieren den Alltag. Viel zu oft schauen wir in unsere Handflächen, statt in die Augen des Gegenübers. Das hat Konsequenzen – für Beziehungen und Gesundheit.
„Das Phänomen, das sicher viele aus der Familie oder dem Freundeskreis kennen, beschäftigt mich seit einiger Zeit: Hat einer in einer Gruppe das Smartphone in der Hand, dauert es keine Minute, bis fast alle ihr Gerät fest im Blick haben“, sagt Br. Christophorus Goedereis, der als Kapuziner im niederländischen Velp lebt.
Das Emmaus-Kloster ist ein Ort der Stille, an dem auch Gäste übernachten können. Die Kapuziner-Gemeinschaft vor Ort hat sich intensiv mit der Handynutzung auseinandergesetzt und auch Regeln aufgestellt – für sich und die Gäste. Denn: Handys neben dem Suppenteller, Klingeln während intensiver Gespräche, summende Benachrichtigungstöne im Gebetsraum und Gottesdienst, Beschallung der gesamten Umgebung mit Musik oder Videotelefonat per Lautsprecher: All das beschäftigt Familien und Freundeskreise – und auch die Ordensleute und ihre Gäste in Velp.
Wir brauchen im Umgang untereinander eine Art Handyetikette.“
Br. Christophorus will den Nutzen des Smartphones gar nicht in Abrede stellen. Gerade in einer internationalen Gemeinschaft gehören Übersetzungs-Apps zu den genialen und unabdingbaren Helfern im Alltag. „Auch ich bin ein Power-User und nutze dieses Gerät. Doch wir brauchen im Umgang damit und vor allem für den Umgang untereinander eine Art Handyetikette“, sagt Br. Christophorus. Für den Ordensmann kann der Hinweis des Knigge-Rates eine Richtschnur sein: Anwesende haben immer Vorrang vor Nichtanwesenden. „Das lässt sich doch wunderbar auf das Handy übertragen.“
Es gibt zahlreiche Vorteile des kleinen Kastens: die Routenführung in einer fremden Stadt, der bewegte Kontakt zu Freunden in der Heimat, Fotos und Videos, Musik und Podcasts. Auf der anderen Seite können die Ablenkung und ständige Erreichbarkeit negative Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen und die Gesundheit haben. Einer, der sich mit diesem Thema beschäftigt, ist Professor Jörg Fegert, ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Ulm. Der Psychologe ist Experte auf dem Gebiet der Handynutzung und beschäftigt sich mit Folgen für junge Menschen. Ob Handy- und Social-Media-Konsum negative Auswirkungen haben, hängt laut dem Kinder- und Jugendpsychiater von der Entwicklungsphase und der eigenen Vorgeschichte ab. Nicht immer sei der Zusammenhang jedoch eindeutig: „Eine Korrelation bedeutet noch keine Kausalität.“ Heißt: Wenn schlechte psychische Gesundheit und übermäßiger Handykonsum zusammenfallen, könnten auch andere Faktoren die Ursache sein.
Wie kann ich mein eigenes Verhalten überprüfen? Wissenschaftler Fegert verweist auf die Empfehlung des Bundesinstituts für öffentliche Gesundheit für die tägliche Social-Media-Zeit: zwei Stunden am Tag für Erwachsene sollten nicht überschritten werden. Fegert rät, sich als Nutzerin und Nutzer folgende Fragen zu stellen: Wie fühle ich mich, wenn ich am Handy oder in sozialen Medien herumgescrollt habe? Schlecht oder unzufrieden? Sinkt mein Selbstwert? Oder helfen mir die sozialen Medien, mich zu identifizieren und verstanden zu fühlen? „Jeder muss für sich reflektieren, ob ihm der Handykonsum eher schadet, als dass er nützt, Maßnahmen ergreifen und Regeln aufstellen, um die Nutzung einzuschränken“, sagt Fegert.
Für Kinder ist die Studienlage klarer: „Zahlreiche Untersuchungen belegen mittlerweile einen Zusammenhang zwischen intensiver oder gar suchtähnlicher Nutzung von Social Media und psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen“, berichtet Professor Fegert. Eine ausgedehnte Nutzungsdauer kann sich dabei negativ auf wichtige Entwicklungsbereiche auswirken – darunter körperliche Aktivität, Erholungsphasen, soziale Kompetenzen, Problemlösungsfähigkeiten, sowie die erfolgreiche Bewältigung entwicklungspsychologischer Aufgaben. „Nicht zuletzt bergen soziale Medien ein hohes Risiko von Cybermobbing, Hasskommentaren, sexualisierter Gewalt und Ausbeutung, sowie Desinformation“, sagt der Wissenschaftler.
Professor Fegert will keine „analoge-gegen-digitale-Welt-Debatte“ führen, denn für ihn steht fest: „Das reale Leben und Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen erfolgt in einer digitalen Welt.“ Für ihn führen generelle Verbotsdiskussionen aus diesem Grund nicht zum Ziel. Ein Teil der Lösung könnten – neben Regulierung durch den Gesetzgeber – sogenannte „Besinnungsphasen“ sein. Also Zeiten, in denen man Distanz zum eingeschliffenen Alltag bekommt. „Heranwachsende müssen im Selbstmanagement und im Umgang mit sozialen Medien, zum Beispiel durch Selbsterfahrungen mit digitaler Abstinenz und Konsumreduktion, sensibilisiert werden“, fordert er.
Mit etwas Kontrolle und Einschränkung des Handykonsums könnten wir viel gewinnen: Fokus auf den Mitmenschen und Zeit für Stille.“
Solche Selbsterfahrungen können auch Erwachsenen helfen, ihren Handy- und Social-Media-Konsum zu überdenken. Möglichkeiten und Ideen gibt es genug. Radikale Lösungen sind meist wenig erfolgversprechend, vielmehr können kleine Schritte neue Freiheiten schaffen. Das zeigt eine Studie des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit (FBZ) der Ruhr-Universität Bochum aus dem Jahr 2022: Schon eine Stunde weniger Handyzeit am Tag reichte bei einer einwöchigen Studie aus, um sich langfristig besser zu fühlen. Die überschaubare Reduktion der täglichen Nutzung hatte positive Effekte auf den Lebensstil und das Wohlbefinden der Teilnehmenden. Noch Monate nach dem einwöchigen Experiment nutzten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihr Handy im Schnitt 45 Minuten weniger als vor der Studie. Depressions- und Angstsymptome sowie der Nikotinkonsum gingen zurück. Viele Studien empfehlen vor allem einen Punkt: die Schaffung handyfreier Zonen und Aktivitäten – vor allem im Schlafzimmer.
„Unsere Welt ist laut geworden, auch dort, wo es besser still und ruhig zugehen sollte“, sagt Br. Christophorus. „Mit etwas Kontrolle und Einschränkung des Handykonsums könnten wir viel gewinnen: Fokus auf den Mitmenschen und Zeit für Stille.“ Denn wer jede Pause mit dem Smartphone füllt, verlernt, Stille auszuhalten. Man könnte auch sagen: Das größte Opfer des Smartphones ist nicht nur unsere Zeit, sondern die Stille. Im Emmaus-Kloster in Velp gelten seit einiger Zeit konkrete Regeln für die Smartphone-Nutzung, etwa: kein Telefon im Speiseraum, keine Piepstöne und grundsätzlich keine Lautsprecherfunktion. „Diese Regeln tun uns als Brüder-Gemeinschaft und unseren Gästen gut. Sie sorgen dafür, dass unser Kloster ein Ort der Stille bleibt. Ich bin mir sicher: Ein ausgeschaltetes Handy ist manchmal der beste Weg zu echter Gegenwart“, sagt Br. Christophorus.
Text: Tobias Rauser
