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25. Febru­ar 2026

„Erhebet eure Herzen, nicht eure Handys!“

Gefähr­de­te Jugend und digi­ta­le Diät: Regeln für den Umgang mit dem Smart­phone hel­fen, mehr Kon­trol­le und Leis­tungs­fä­hig­keit sowie Zeit für Stil­le zu gewin­nen. Schon klei­ne Schrit­te sind hilfreich.

Von Papst Fran­zis­kus ist fol­gen­de Geschich­te über­lie­fert: In einer Anspra­che kri­ti­sier­te er Gläu­bi­ge und Pries­ter, die wäh­rend eines Got­tes­diens­tes ihre Smart­phones für Fotos benutz­ten, mit den Wor­ten: „Erhe­bet eure Her­zen, nicht eure Han­dys!“. Die­ser Satz, der dazu mahnt, sich auf das Wesent­li­che zu kon­zen­trie­ren, zeigt auf, was in den unter­schied­lichs­ten Situa­tio­nen des Lebens jeder kennt: Han­dys domi­nie­ren den All­tag. Viel zu oft schau­en wir in unse­re Hand­flä­chen, statt in die Augen des Gegen­übers. Das hat Kon­se­quen­zen – für Bezie­hun­gen und Gesundheit.

„Das Phä­no­men, das sicher vie­le aus der Fami­lie oder dem Freun­des­kreis ken­nen, beschäf­tigt mich seit eini­ger Zeit: Hat einer in einer Grup­pe das Smart­phone in der Hand, dau­ert es kei­ne Minu­te, bis fast alle ihr Gerät fest im Blick haben“, sagt Br. Chris­to­pho­rus Goe­de­r­eis, der als Kapu­zi­ner im nie­der­län­di­schen Velp lebt.

Das Emma­us-Klos­ter ist ein Ort der Stil­le, an dem auch Gäs­te über­nach­ten kön­nen. Die Kapu­zi­ner-Gemein­schaft vor Ort hat sich inten­siv mit der Han­dy­nut­zung aus­ein­an­der­ge­setzt und auch Regeln auf­ge­stellt – für sich und die Gäs­te. Denn: Han­dys neben dem Sup­pen­tel­ler, Klin­geln wäh­rend inten­si­ver Gesprä­che, sum­men­de Benach­rich­ti­gungs­tö­ne im Gebets­raum und Got­tes­dienst, Beschal­lung der gesam­ten Umge­bung mit Musik oder Video­te­le­fo­nat per Laut­spre­cher: All das beschäf­tigt Fami­li­en und Freun­des­krei­se – und auch die Ordens­leu­te und ihre Gäs­te in Velp.

Wir brau­chen im Umgang unter­ein­an­der eine Art Handyetikette.“

Br. Chris­to­pho­rus will den Nut­zen des Smart­phones gar nicht in Abre­de stel­len. Gera­de in einer inter­na­tio­na­len Gemein­schaft gehö­ren Über­set­zungs-Apps zu den genia­len und unab­ding­ba­ren Hel­fern im All­tag. „Auch ich bin ein Power-User und nut­ze die­ses Gerät. Doch wir brau­chen im Umgang damit und vor allem für den Umgang unter­ein­an­der eine Art Han­dy­e­ti­ket­te“, sagt Br. Chris­to­pho­rus. Für den Ordens­mann kann der Hin­weis des Knig­ge-Rates eine Richt­schnur sein: Anwe­sen­de haben immer Vor­rang vor Nicht­an­we­sen­den. „Das lässt sich doch wun­der­bar auf das Han­dy übertragen.“

Es gibt zahl­rei­che Vor­tei­le des klei­nen Kas­tens: die Rou­ten­füh­rung in einer frem­den Stadt, der beweg­te Kon­takt zu Freun­den in der Hei­mat, Fotos und Vide­os, Musik und Pod­casts. Auf der ande­ren Sei­te kön­nen die Ablen­kung und stän­di­ge Erreich­bar­keit nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen und die Gesund­heit haben. Einer, der sich mit die­sem The­ma beschäf­tigt, ist Pro­fes­sor Jörg Fegert, ärzt­li­cher Direk­tor am Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Ulm. Der Psy­cho­lo­ge ist Exper­te auf dem Gebiet der Han­dy­nut­zung und beschäf­tigt sich mit Fol­gen für jun­ge Men­schen. Ob Han­dy- und Social-Media-Kon­sum nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen haben, hängt laut dem Kin­der- und Jugend­psych­ia­ter von der Ent­wick­lungs­pha­se und der eige­nen Vor­ge­schich­te ab. Nicht immer sei der Zusam­men­hang jedoch ein­deu­tig: „Eine Kor­re­la­ti­on bedeu­tet noch kei­ne Kau­sa­li­tät.“ Heißt: Wenn schlech­te psy­chi­sche Gesund­heit und über­mä­ßi­ger Han­dy­kon­sum zusam­men­fal­len, könn­ten auch ande­re Fak­to­ren die Ursa­che sein. 

Wie kann ich mein eige­nes Ver­hal­ten über­prü­fen? Wis­sen­schaft­ler Fegert ver­weist auf die Emp­feh­lung des Bun­des­in­sti­tuts für öffent­li­che Gesund­heit für die täg­li­che Social-Media-Zeit: zwei Stun­den am Tag für Erwach­se­ne soll­ten nicht über­schrit­ten wer­den. Fegert rät, sich als Nut­ze­rin und Nut­zer fol­gen­de Fra­gen zu stel­len: Wie füh­le ich mich, wenn ich am Han­dy oder in sozia­len Medi­en her­um­ge­scrollt habe? Schlecht oder unzu­frie­den? Sinkt mein Selbst­wert? Oder hel­fen mir die sozia­len Medi­en, mich zu iden­ti­fi­zie­ren und ver­stan­den zu füh­len? „Jeder muss für sich reflek­tie­ren, ob ihm der Han­dy­kon­sum eher scha­det, als dass er nützt, Maß­nah­men ergrei­fen und Regeln auf­stel­len, um die Nut­zung ein­zu­schrän­ken“, sagt Fegert. 

Standpunkte

DIGITALE DIÄT

15 Tipps zur Reduzierung Ihrer Handynutzung

  1. Legen Sie handyfreie Aktivitäten oder Räume fest: kein Handy am Tisch beim Essen, Kaffee/Tee am Morgen ohne Handy, Spaziergänge ohne Telefon in der Tasche, handyfreies Schlafzimmer, Hängematte im Garten, Gebetsecke

  2. Legen Sie handyfreie Zeiten fest: kein Smartphone vor 9 Uhr in der Früh, kein Handy nach 22 Uhr

  3. Entwickeln Sie in handyfreien Zeiten neue Rituale: ein Buch lesen, ein Instrument spielen, Kochen, Musik hören, Sport machen

  4. Legen Sie für die sozialen Medien Zeiten fest: Insta nur von 9 bis 10 und von 21 bis 22 Uhr

  5. Tragen Sie eine Uhr, damit Sie seltener aufs Handy schauen müssen

  6. Antworten Sie nicht sofort auf Nachrichten über ihren Messenger, sondern gesammelt: am Mittag und am Abend

  7. Schalten Sie die Kopplung zu Messenger-Diensten ihrer Smartwatch aus

  8. Stellen Sie Whatsapp/Signal auf lautlos

  9. Stellen Sie aus, dass andere sehen, ob Sie eine Nachricht gelesen haben und wann Sie zuletzt online waren

  10. Schalten Sie alle Push-Nachrichten auf Ihrem Handy aus

  11. Nutzen Sie den Flugmodus, um echte Offline-Zeiten zu genießen

  12. Legen Sie Ihr Handy beiseite, wenn Sie einen Film oder eine Serie schauen (kein „second screen“)

  13. Löschen Sie zehn Tage lang jeden Tag eine App auf Ihrem Handy. Wiederholen Sie das alle drei Monate

  14. Tracken Sie Ihre Nutzungszeit (die meisten Handys haben diese Funktion) und versuchen Sie, die Zeit langsam zu reduzieren

  15. Machen Sie einmal im Monat einen kompletten, handyfreien Tag (morgens und abends je fünf (!) Minuten Nachrichten checken ist erlaubt)

Für Kin­der ist die Stu­di­en­la­ge kla­rer: „Zahl­rei­che Unter­su­chun­gen bele­gen mitt­ler­wei­le einen Zusam­men­hang zwi­schen inten­si­ver oder gar sucht­ähn­li­cher Nut­zung von Social Media und psy­chi­schen Belas­tun­gen bei Kin­dern und Jugend­li­chen“, berich­tet Pro­fes­sor Fegert. Eine aus­ge­dehn­te Nut­zungs­dau­er kann sich dabei nega­tiv auf wich­ti­ge Ent­wick­lungs­be­rei­che aus­wir­ken – dar­un­ter kör­per­li­che Akti­vi­tät, Erho­lungs­pha­sen, sozia­le Kom­pe­ten­zen, Pro­blem­lö­sungs­fä­hig­kei­ten, sowie die erfolg­rei­che Bewäl­ti­gung ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­scher Auf­ga­ben. „Nicht zuletzt ber­gen sozia­le Medi­en ein hohes Risi­ko von Cyber­mob­bing, Hass­kom­men­ta­ren, sexua­li­sier­ter Gewalt und Aus­beu­tung, sowie Des­in­for­ma­ti­on“, sagt der Wissenschaftler.

Pro­fes­sor Fegert will kei­ne „ana­lo­ge-gegen-digi­ta­le-Welt-Debat­te“ füh­ren, denn für ihn steht fest: „Das rea­le Leben und Auf­wach­sen von Kin­dern und Jugend­li­chen erfolgt in einer digi­ta­len Welt.“ Für ihn füh­ren gene­rel­le Ver­bots­dis­kus­sio­nen aus die­sem Grund nicht zum Ziel. Ein Teil der Lösung könn­ten – neben Regu­lie­rung durch den Gesetz­ge­ber – soge­nann­te „Besin­nungs­pha­sen“ sein. Also Zei­ten, in denen man Distanz zum ein­ge­schlif­fe­nen All­tag bekommt. „Her­an­wach­sen­de müs­sen im Selbst­ma­nage­ment und im Umgang mit sozia­len Medi­en, zum Bei­spiel durch Selbst­er­fah­run­gen mit digi­ta­ler Abs­ti­nenz und Kon­sum­re­duk­ti­on, sen­si­bi­li­siert wer­den“, for­dert er. 

Mit etwas Kon­trol­le und Ein­schrän­kung des Han­dy­kon­sums könn­ten wir viel gewin­nen: Fokus auf den Mit­men­schen und Zeit für Stille.“

Sol­che Selbst­er­fah­run­gen kön­nen auch Erwach­se­nen hel­fen, ihren Han­dy- und Social-Media-Kon­sum zu über­den­ken. Mög­lich­kei­ten und Ideen gibt es genug. Radi­ka­le Lösun­gen sind meist wenig erfolg­ver­spre­chend, viel­mehr kön­nen klei­ne Schrit­te neue Frei­hei­ten schaf­fen. Das zeigt eine Stu­die des For­schungs- und Behand­lungs­zen­trums für psy­chi­sche Gesund­heit (FBZ) der Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum aus dem Jahr 2022: Schon eine Stun­de weni­ger Han­dy­zeit am Tag reich­te bei einer ein­wö­chi­gen Stu­die aus, um sich lang­fris­tig bes­ser zu füh­len. Die über­schau­ba­re Reduk­ti­on der täg­li­chen Nut­zung hat­te posi­ti­ve Effek­te auf den Lebens­stil und das Wohl­be­fin­den der Teil­neh­men­den. Noch Mona­te nach dem ein­wö­chi­gen Expe­ri­ment nutz­ten die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer ihr Han­dy im Schnitt 45 Minu­ten weni­ger als vor der Stu­die. Depres­si­ons- und Angst­sym­pto­me sowie der Niko­tin­kon­sum gin­gen zurück. Vie­le Stu­di­en emp­feh­len vor allem einen Punkt: die Schaf­fung han­dy­frei­er Zonen und Akti­vi­tä­ten – vor allem im Schlafzimmer.

„Unse­re Welt ist laut gewor­den, auch dort, wo es bes­ser still und ruhig zuge­hen soll­te“, sagt Br. Chris­to­pho­rus. „Mit etwas Kon­trol­le und Ein­schrän­kung des Han­dy­kon­sums könn­ten wir viel gewin­nen: Fokus auf den Mit­men­schen und Zeit für Stil­le.“ Denn wer jede Pau­se mit dem Smart­phone füllt, ver­lernt, Stil­le aus­zu­hal­ten. Man könn­te auch sagen: Das größ­te Opfer des Smart­phones ist nicht nur unse­re Zeit, son­dern die Stil­le. Im Emma­us-Klos­ter in Velp gel­ten seit eini­ger Zeit kon­kre­te Regeln für die Smart­phone-Nut­zung, etwa: kein Tele­fon im Spei­se­raum, kei­ne Pieps­tö­ne und grund­sätz­lich kei­ne Laut­spre­cher­funk­ti­on. „Die­se Regeln tun uns als Brü­der-Gemein­schaft und unse­ren Gäs­ten gut. Sie sor­gen dafür, dass unser Klos­ter ein Ort der Stil­le bleibt. Ich bin mir sicher: Ein aus­ge­schal­te­tes Han­dy ist manch­mal der bes­te Weg zu ech­ter Gegen­wart“, sagt Br. Christophorus.

Text: Tobi­as Rauser

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