Interview

FOTO: KAPUZINER/ANITA LEDERSBERGER

BR. ROMUALD HÜLSKEN

ist Jahr­gang 1959 und seit 1979 Kapu­zi­ner. Der Ordens­mann und Pries­ter lebt im Kapu­zi­ner­klos­ter in Cle­mens­werth im Emsland. 

26. Sep­tem­ber 2025

Erntedankfest: „Die Wertschätzung geht verloren“

Im Okto­ber fei­ern Chris­ten das Ern­te­dank­fest. Br. Romu­ald Hüls­ken ist auf einem Bau­ern­hof auf­ge­wach­sen und spricht über Gier, die Lie­be zur Schöp­fung und den Auf­trag zum Teilen. 

Bru­der Romu­ald, Sie sind auf einem Bau­ern­hof gebo­ren. Was war das für ein Ort?

Br. Romu­ald Hüls­ken: Der klei­ne Ort heißt Hammin­keln, er liegt am Nie­der­rhein zwi­schen Bocholt und Wesel. Es han­delt sich um einen Bau­ern­hof der mitt­le­ren Grö­ße, etwa 50 Hekt­ar Land. Mei­ne Fami­lie betrieb dort Milch­wirt­schaft und Ackerbau.

Soll­ten Sie den Hof übernehmen?

Ich habe drei Geschwis­ter, ein Bru­der hat die­se Auf­ga­be über­nom­men. Eigent­lich war ich dafür vor­ge­se­hen, denn ich war der Ältes­te. Aber ich hat­te nie wirk­lich Inter­es­se an der Über­nah­me, des­we­gen war das schnell geklärt. Ich bin spä­ter auf das Gym­na­si­um bei den Kapu­zi­nern in Bocholt gegan­gen, habe dort Abitur gemacht und bin danach in den Orden eingetreten.

Es geht dar­um, die Klei­nig­kei­ten und Ein­zel­hei­ten der Schöp­fung wahrzunehmen.“

Wel­che Bedeu­tung hat­te die Ern­te für Ihre Familie?

Natür­lich war das wirt­schaft­lich die wich­tigs­te Zeit. Zual­ler­erst war die Ern­te­zeit aller­dings eine anstren­gen­de Arbeits­zeit. Da muss­ten auch wir Kin­der ran, par­al­lel zur Schu­le, wenn nicht gera­de Feri­en waren. Da mei­ne Mut­ter Leh­re­rin war, muss­ten wir auch in die­ser Zeit ver­nünf­tig unse­re Haus­auf­ga­ben machen. Doch trotz der Arbeit ist mir die­se Zeit leb­haft in Erin­ne­rung. Ich kann mich gut erin­nern, wie es immer am Nach­mit­tag Kaf­fee und selbst­ge­mach­ten Pflau­men­ku­chen von mei­ner Mut­ter gab, ein Ritu­al, dass uns durch die mühe­vol­len Tage begleitete.

Wie hat ihre bäu­er­li­che Her­kunft den Blick auf die Schöp­fung geprägt?

Ich schaue genau­er hin. Ich lie­be es, die Schöp­fung zu beob­ach­ten, die Natur und beson­ders Tie­re. Schon als Kind habe ich die Bezie­hun­gen zwi­schen den Tie­ren beson­ders unter die Lupe genom­men – das mache ich heu­te immer noch gern. Der Gang des Tages bei Blu­men und Pflan­zen, die Ver­än­de­run­gen im Jah­res­lauf in der Land­schaft. Das alles fas­zi­niert mich bis heu­te. Es geht dar­um, die Klei­nig­kei­ten und Ein­zel­hei­ten der Schöp­fung wahrzunehmen.

Was bedeu­tet das Ern­te­dank­fest für Sie?

Erst ein­mal muss ich sagen: Das Ern­te­dank­fest ist jetzt nichts exklu­siv Katho­li­sches. Es gibt die­se Art der Dank­bar­keit gegen­über den Gaben der Schöp­fung in ver­schie­de­nen Reli­gio­nen, etwa im Juden­tum. Es geht dar­um: Wenn die Ern­te ein­ge­bracht ist, dan­ken wir Men­schen dem Herr­gott für die Früch­te der Erde und der mensch­li­chen Arbeit. Das zeigt sich kon­kret, in dem wir Tei­le der Ern­te mit in die Kir­che bringen.

Wir schau­en vor lau­ter Dau­er-Ver­füg­bar­keit nicht mehr so genau hin.“

War­um ist das wichtig? 

Die Gaben der Erde und die Arbeit der­je­ni­gen, die Früch­te und Wei­zen ern­ten, das Brot backen und ver­kau­fen: Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich. In ande­ren Tei­len der Welt und frü­her auch hier in Euro­pa gibt und gab es immer wie­der Hun­ger­nö­te. Sich des­sen bewusst zu wer­den, dass das täg­li­che Brot kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit ist, das ist das Ziel die­ses Fes­tes. Wir leben auch heu­te noch von den Früch­ten der Erde und dem Ein­satz der Land­wir­te. Die Kar­tof­feln wach­sen nicht in den Rega­len der Discounter. 

Hat das Bewusst­sein dafür abgenommen?

Ja, natür­lich. Die Wert­schät­zung geht ver­lo­ren. Und der Kon­takt zur Schöp­fung direkt fehlt immer mehr, denn wir schau­en vor lau­ter Dau­er-Ver­füg­bar­keit nicht mehr so genau hin. 

Wie erhal­ten Sie per­sön­lich die Wert­schät­zung für das täg­li­che Brot?

Ich ver­su­che, das Essen bewusst wahr­zu­neh­men. Eine selbst­ge­mach­te Mar­me­la­de zu genie­ßen. Das bedeu­tet, sich auch etwas Zeit zu neh­men für die Mahl­zeit. Viel­leicht auch: ein Gebet zu sprechen.

Fran­zis­kus sagt: Gott ist am Werk und er beschenkt uns mit den Gaben sei­ner Schöpfung.“

Hat Land­wirt­schaft etwas Spi­ri­tu­el­les für Sie?

Das hängt sehr stark vom Blick­win­kel ab. Natür­lich zählt auch der Aspekt der Wirt­schaft­lich­keit, aber das allei­ne ver­engt den Blick. In der Land­wirt­schaft und in der Arbeit als Bau­er habe ich engen Kon­takt mit dem Herr­gott. Allein, weil ich, bei aller Tech­nik, auch auf das Wet­ter ange­wie­sen bin. Eini­ges ist auch heu­te noch außer­halb mei­ner Kon­trol­le und Verfügbarkeit.

Wel­che Rol­le spielt der Hei­li­ge Fran­zis­kus in die­sen Überlegungen?

Fran­zis­kus hat durch sei­nen Son­nen­ge­sang eine sehr inten­si­ve Bezie­hung zur Schöp­fung gezeigt. Für die dama­li­ge Zeit war sein Zugang etwas ganz Außer­ge­wöhn­li­ches, denn im 13. Jahr­hun­dert wur­de die Schöp­fung von den meis­ten Men­schen eher als Geg­ner betrach­tet. Der Mensch war sei­ner Umwelt aus­ge­lie­fert. Wenn die Win­ter hart waren, dann hat man gefro­ren, wenn die Ern­te schlecht war, bedeu­te­te dies Hun­ger. Doch Fran­zis­kus hat in der Schöp­fung die Hand­schrift Got­tes gese­hen. Er sagt: Gott ist am Werk und er beschenkt uns mit den Gaben sei­ner Schöp­fung. Und genau das ist ja der Punkt: Wir haben das Pri­vi­leg, von die­ser Schöp­fung leben zu dür­fen. Es kommt dar­auf an, wie wir mit der Erde umge­hen. Heut­zu­ta­ge fällt uns die Gier auf die Füße – etwa durch den Klimawandel.

Wenn Sie auf die Land­wirt­schaft von heu­te bli­cken, was wäre Ihr Impuls? 

Das fin­de ich sehr schwie­rig zu beant­wor­ten und ich traue mir kei­ne Ant­wort zu. Die Land­wir­te ste­hen unter hohem Druck, sie sol­len für die Gesell­schaft mög­lichst viel und bil­li­ge Lebens­mit­tel lie­fern. Aber bit­te öko­lo­gisch. Und ohne Pes­ti­zi­de. Dies erscheint mir fast als Qua­dra­tur des Krei­ses und da wird es sehr schwierig.

Und dem Konsumenten?

Nicht so viel ein­kau­fen, Abfall ver­mei­den, das ist sicher der wich­tigs­te Rat! Und viel­leicht: Sel­ber kochen! Das schafft einen ganz ande­ren Zugang. Die Wert­schät­zung steigt mit der Zeit, die ich in die Zube­rei­tung einer Mahl­zeit inves­tie­re. Und, das möch­te ich hier mal sagen: Auch Män­ner soll­ten sich mit dem The­ma beschäf­ti­gen. Ich kom­me lei­der aus einer Gene­ra­ti­on, da war Kochen abso­lut kein Män­ner­the­ma – und es tut mir ein biss­chen leid, dass ich das nicht rich­tig gelernt habe. Aber da hat sich in den letz­ten Jah­ren zum Glück viel zum Posi­ti­ven verändert.

Zum Schluss: Geht beim Ern­te­dank­fest auch ums Teilen?

Das ist so. Ern­te­dank lädt auf jeden Fall zum Tei­len ein. Wenn ich den Ern­te­dank-Altar sehe, in sei­ner Viel­falt, dann ist das auch ein Auf­trag, die Gaben der Schöp­fung wei­ter­zu­ge­ben. Denn es reicht für alle, wenn wir nicht nur an uns sel­ber denken. 

Das Inter­view führ­te Tobi­as Rauser

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