
FOTO: KAPUZINER/ANITA LEDERSBERGER
BR. ROMUALD HÜLSKEN
ist Jahrgang 1959 und seit 1979 Kapuziner. Der Ordensmann und Priester lebt im Kapuzinerkloster in Clemenswerth im Emsland.
Erntedankfest: „Die Wertschätzung geht verloren“
Im Oktober feiern Christen das Erntedankfest. Br. Romuald Hülsken ist auf einem Bauernhof aufgewachsen und spricht über Gier, die Liebe zur Schöpfung und den Auftrag zum Teilen.
Bruder Romuald, Sie sind auf einem Bauernhof geboren. Was war das für ein Ort?
Br. Romuald Hülsken: Der kleine Ort heißt Hamminkeln, er liegt am Niederrhein zwischen Bocholt und Wesel. Es handelt sich um einen Bauernhof der mittleren Größe, etwa 50 Hektar Land. Meine Familie betrieb dort Milchwirtschaft und Ackerbau.
Sollten Sie den Hof übernehmen?
Ich habe drei Geschwister, ein Bruder hat diese Aufgabe übernommen. Eigentlich war ich dafür vorgesehen, denn ich war der Älteste. Aber ich hatte nie wirklich Interesse an der Übernahme, deswegen war das schnell geklärt. Ich bin später auf das Gymnasium bei den Kapuzinern in Bocholt gegangen, habe dort Abitur gemacht und bin danach in den Orden eingetreten.
Es geht darum, die Kleinigkeiten und Einzelheiten der Schöpfung wahrzunehmen.“
Welche Bedeutung hatte die Ernte für Ihre Familie?
Natürlich war das wirtschaftlich die wichtigste Zeit. Zuallererst war die Erntezeit allerdings eine anstrengende Arbeitszeit. Da mussten auch wir Kinder ran, parallel zur Schule, wenn nicht gerade Ferien waren. Da meine Mutter Lehrerin war, mussten wir auch in dieser Zeit vernünftig unsere Hausaufgaben machen. Doch trotz der Arbeit ist mir diese Zeit lebhaft in Erinnerung. Ich kann mich gut erinnern, wie es immer am Nachmittag Kaffee und selbstgemachten Pflaumenkuchen von meiner Mutter gab, ein Ritual, dass uns durch die mühevollen Tage begleitete.
Wie hat ihre bäuerliche Herkunft den Blick auf die Schöpfung geprägt?
Ich schaue genauer hin. Ich liebe es, die Schöpfung zu beobachten, die Natur und besonders Tiere. Schon als Kind habe ich die Beziehungen zwischen den Tieren besonders unter die Lupe genommen – das mache ich heute immer noch gern. Der Gang des Tages bei Blumen und Pflanzen, die Veränderungen im Jahreslauf in der Landschaft. Das alles fasziniert mich bis heute. Es geht darum, die Kleinigkeiten und Einzelheiten der Schöpfung wahrzunehmen.
Was bedeutet das Erntedankfest für Sie?
Erst einmal muss ich sagen: Das Erntedankfest ist jetzt nichts exklusiv Katholisches. Es gibt diese Art der Dankbarkeit gegenüber den Gaben der Schöpfung in verschiedenen Religionen, etwa im Judentum. Es geht darum: Wenn die Ernte eingebracht ist, danken wir Menschen dem Herrgott für die Früchte der Erde und der menschlichen Arbeit. Das zeigt sich konkret, in dem wir Teile der Ernte mit in die Kirche bringen.
Wir schauen vor lauter Dauer-Verfügbarkeit nicht mehr so genau hin.“
Warum ist das wichtig?
Die Gaben der Erde und die Arbeit derjenigen, die Früchte und Weizen ernten, das Brot backen und verkaufen: Das ist nicht selbstverständlich. In anderen Teilen der Welt und früher auch hier in Europa gibt und gab es immer wieder Hungernöte. Sich dessen bewusst zu werden, dass das tägliche Brot keine Selbstverständlichkeit ist, das ist das Ziel dieses Festes. Wir leben auch heute noch von den Früchten der Erde und dem Einsatz der Landwirte. Die Kartoffeln wachsen nicht in den Regalen der Discounter.
Hat das Bewusstsein dafür abgenommen?
Ja, natürlich. Die Wertschätzung geht verloren. Und der Kontakt zur Schöpfung direkt fehlt immer mehr, denn wir schauen vor lauter Dauer-Verfügbarkeit nicht mehr so genau hin.
Wie erhalten Sie persönlich die Wertschätzung für das tägliche Brot?
Ich versuche, das Essen bewusst wahrzunehmen. Eine selbstgemachte Marmelade zu genießen. Das bedeutet, sich auch etwas Zeit zu nehmen für die Mahlzeit. Vielleicht auch: ein Gebet zu sprechen.
Franziskus sagt: Gott ist am Werk und er beschenkt uns mit den Gaben seiner Schöpfung.“
Hat Landwirtschaft etwas Spirituelles für Sie?
Das hängt sehr stark vom Blickwinkel ab. Natürlich zählt auch der Aspekt der Wirtschaftlichkeit, aber das alleine verengt den Blick. In der Landwirtschaft und in der Arbeit als Bauer habe ich engen Kontakt mit dem Herrgott. Allein, weil ich, bei aller Technik, auch auf das Wetter angewiesen bin. Einiges ist auch heute noch außerhalb meiner Kontrolle und Verfügbarkeit.
Welche Rolle spielt der Heilige Franziskus in diesen Überlegungen?
Franziskus hat durch seinen Sonnengesang eine sehr intensive Beziehung zur Schöpfung gezeigt. Für die damalige Zeit war sein Zugang etwas ganz Außergewöhnliches, denn im 13. Jahrhundert wurde die Schöpfung von den meisten Menschen eher als Gegner betrachtet. Der Mensch war seiner Umwelt ausgeliefert. Wenn die Winter hart waren, dann hat man gefroren, wenn die Ernte schlecht war, bedeutete dies Hunger. Doch Franziskus hat in der Schöpfung die Handschrift Gottes gesehen. Er sagt: Gott ist am Werk und er beschenkt uns mit den Gaben seiner Schöpfung. Und genau das ist ja der Punkt: Wir haben das Privileg, von dieser Schöpfung leben zu dürfen. Es kommt darauf an, wie wir mit der Erde umgehen. Heutzutage fällt uns die Gier auf die Füße – etwa durch den Klimawandel.
Wenn Sie auf die Landwirtschaft von heute blicken, was wäre Ihr Impuls?
Das finde ich sehr schwierig zu beantworten und ich traue mir keine Antwort zu. Die Landwirte stehen unter hohem Druck, sie sollen für die Gesellschaft möglichst viel und billige Lebensmittel liefern. Aber bitte ökologisch. Und ohne Pestizide. Dies erscheint mir fast als Quadratur des Kreises und da wird es sehr schwierig.
Und dem Konsumenten?
Nicht so viel einkaufen, Abfall vermeiden, das ist sicher der wichtigste Rat! Und vielleicht: Selber kochen! Das schafft einen ganz anderen Zugang. Die Wertschätzung steigt mit der Zeit, die ich in die Zubereitung einer Mahlzeit investiere. Und, das möchte ich hier mal sagen: Auch Männer sollten sich mit dem Thema beschäftigen. Ich komme leider aus einer Generation, da war Kochen absolut kein Männerthema – und es tut mir ein bisschen leid, dass ich das nicht richtig gelernt habe. Aber da hat sich in den letzten Jahren zum Glück viel zum Positiven verändert.
Zum Schluss: Geht beim Erntedankfest auch ums Teilen?
Das ist so. Erntedank lädt auf jeden Fall zum Teilen ein. Wenn ich den Erntedank-Altar sehe, in seiner Vielfalt, dann ist das auch ein Auftrag, die Gaben der Schöpfung weiterzugeben. Denn es reicht für alle, wenn wir nicht nur an uns selber denken.
Das Interview führte Tobias Rauser
