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1. Okto­ber 2026

Im Gebet zur Begegnung mit Gott. Eine Anleitung.

Wie lässt sich Gott im All­tag erfah­ren? Das kon­tem­pla­ti­ve Gebet öff­net einen Weg zu mehr inne­rer Ruhe, geist­li­cher Tie­fe und einer leben­di­gen Got­tes­be­zie­hung. Eine ers­te Ein­füh­rung in fünf Schritten. 

Der Christ von mor­gen wird ein Mys­ti­ker sein, einer, der etwas erfah­ren hat, oder er wird nicht mehr sein.“ Die­se pro­phe­ti­schen Wor­te aus den 1960er Jah­ren stam­men von Karl Rah­ner. Sei­ner Ein­schät­zung nach ist Christ­sein ohne per­sön­li­che Got­tes­er­fah­rung schlicht­weg zum Schei­tern verurteilt.

Wie zutref­fend Rah­ners Pro­gno­se ist, lässt sich heu­te, Jahr­zehn­te spä­ter, klar erken­nen. Glau­be ist für vie­le Chris­ten irrele­vant gewor­den. Sie haben nie einen per­sön­li­chen Zugang zu Gott gefun­den. Ver­liert der Glau­be an Rele­vanz, lee­ren sich logi­scher­wei­se die Kirchen.

Die Sehn­sucht nach Tran­szen­denz bleibt jedoch vie­ler­orts in modi­fi­zier­ter Form bestehen und zeigt sich in man­nig­fal­ti­gen exo­te­ri­schen Prak­ti­ken und Medi­ta­ti­ons­me­tho­den asia­ti­scher Prä­gung. Sogar das exzes­si­ve Kon­su­mie­ren mate­ri­el­ler Güter allein kann schon sinn­stif­tend wir­ken. Wer jedoch sei­ne Got­tes­be­zie­hung nicht auf­ge­ben, son­dern viel­mehr inten­si­vie­ren will, wird nach einem, sei­nem Natu­rell ent­spre­chen­den Glau­bens­weg suchen müssen.

Das kon­tem­pla­ti­ve Gebet ist ein sol­cher Weg und oben­drein ein beson­ders kost­ba­rer Schatz der spi­ri­tu­el­len Lebens­ge­stal­tung. Das kon­tem­pla­ti­ve Gebet ähnelt sehr dem Jesus- bezie­hungs­wei­se Her­zens­ge­bet sowie den ver­schie­de­nen christ­li­chen Medi­ta­ti­ons­for­men, fokus­siert aber nicht auf Kon­zen­tra­ti­on, son­dern auf Los­las­sen und Hin­ge­ben. Wer kon­tem­pla­tiv beten möch­te, kann zwi­schen dem Gebet der Samm­lung (Cen­te­ring Pray­er) und dem Ruhe­ge­bet (hesy­chas­ti­sches Gebet) wäh­len. Das Gebet der Samm­lung wur­de vom Trap­pis­ten­mönch Tho­mas Kea­ting Ende der 1970er Jah­re ent­wi­ckelt. „Die Wol­ke des Nicht­wis­sens“ (um 1390), das Werk eines unbe­kann­ten, mys­tisch begab­ten Mön­ches, bil­det die Grund­la­ge dafür. Das Ruhe­ge­bet geht auf Johan­nes Cas­si­an zurück und wur­de in unse­rer Zeit durch Pfar­rer Peter Dyck­hoff bekannt gemacht. Obwohl sich die Gene­se bei­der Gebets­for­men unter­schei­det, wei­sen sie die glei­che Struk­tur auf, die sich gut in fünf Schrit­ten dar­stel­len lässt.

Standpunkte

KONTEMPLATIV BETEN

Eine erste Anleitung in fünf Schritten

  1. Passiv werden: Idealerweise beten Sie in einem ruhigen Raum, wo Sie ungestört sind und sich wohlfühlen. Beten Sie regelmäßig am selben Ort, können Sie sich dort eine Gebetsecke einrichten. Das erleichtert das Ruhigwerden und Ausrichten auf Gott. Meiden Sie unmittelbar vor dem Gebet Stress und Hektik, so kommen Sie leichter zur Ruhe. Sie sitzen auf einem Stuhl, achten auf eine einigermaßen gerade Körperhaltung und schließen Ihre Augen. Die 20-minütige Gebetszeit beginnen Sie mit einer Verneigung, einem Kreuzzeichen oder einem kurzen Gebet. Um diese Zeit nicht zu überschreiten, empfiehlt es sich, einen Wecker zu stellen bzw. die TimerFunktion des Handys zu aktivieren.

  2. Innerlich beten: Nach diesem Eröffnungsritus nehmen Sie Ihr Gebetswort auf und wiederholen es innerlich. Mögliche Gebetsworte sind: „Abba“, „Maranatha“, „Jesus Christus“, „Herr, erbarme dich“ oder „Mein Gott und mein Alles“. Sie wiederholen es sanft, ohne sich dabei stark zu konzentrieren oder gar anzustrengen. Kontemplativ beten heißt, nichts leisten zu müssen!

  3. Gedanken und Gefühle loslassen: Kontemplativ beten, heißt auch loslassen! Sie lassen alles los, was Ihre Aufmerksamkeit fokussieren will – seien es Gedanken oder Gefühle. Sobald Sie sich dessen bewusst sind, nehmen Sie Ihr Gebetswort wieder auf und beten einfach weiter, ohne sich zu ärgern oder frustriert zu werden. Gedanken und Gefühle bleiben beim Beten nicht aus!

  4. Sich Gott hingeben: In enger Relation zum Loslassen steht die Hingabe. Indem Sie Ihre Gedanken und Gefühle loslassen, schenken Sie sich Gott bzw. Christus hin. Dieser Akt der Hingabe ist von entscheidender Wichtigkeit, weil durch ihn das vollzogen wird, was das Leben Christi am besten charakterisiert, nämlich im Einklang mit dem Willen seines himmlischen Vaters zu leben. Ziel der Hingabe ist es, Ihre persönliche Gottesbeziehung zu intensivieren.

  5. Aktiv werden: Wenn die Gebetszeit vorüber ist, bleiben Sie noch etwas ruhig sitzen, machen ein paar tiefe Atemzüge, öffnen langsam Ihre Augen und beenden Sie die Zeit mit einem Kreuzzeichen oder einer Verneigung. Ein abruptes Umschalten vom Passivmodus in den Aktivmodus tut nicht gut! Danach starten Sie wieder mit neuer Zuversicht und frischem Elan in den Alltag.

Es gibt vie­le Wege, Gott zu erfah­ren. Ein mög­li­cher Weg ist, kon­tem­pla­tiv zu beten. Es ist ein ein­fa­cher Weg, der in sei­ner Schlicht­heit einen per­sön­li­chen Zugang zu Gott ermög­licht und die Bezie­hung zu ihm zu ver­tie­fen ver­mag. Wich­tig ist, regel­mä­ßig zu beten und nach Mög­lich­keit an einem Ein­übungs­kurs in die­se Gebets­form teilzunehmen.

 

Zum Autor: P. Clemens Koch OSB lebt in der Abtei Michaelbeuern. Dort ist er Leiter des Exerzitien- und Bildungshauses, Exerzitienbegleiter, Geistlicher Begleiter und Begleiter im Ruhegebet.

Der Text ist zuerst in cap! erschie­nen, dem Maga­zin der Kapuziner. 

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