
FOTO: KAPUZINER/ANITA LEDERSBERGER
BR. HELMUT RAKOWSKI
trat 1981 in den Kapuzinerorden ein und wurde 1989 zum Priester geweiht. 2022 und 2025 wählten ihn seine Mitbrüder auf dem Provinzkapitel zum Provinzial.
„In Treue zu Franziskus wollen wir beweglich bleiben“
Kapuziner verbringen ihr Ordensleben in verschiedenen Klöstern, nicht an einem Ort. Warum die Beweglichkeit auch in der Haltung zur franziskanischen DNA gehört, erklärt Provinzial Br. Helmut Rakowski.
Br. Helmut, warum bleiben Kapuziner nicht für immer an einem Ort, sondern ziehen nach ein paar Jahren weiter?
Br. Helmut Rakowski: Franziskus hat sich vom Wanderleben Jesu und seiner Apostel inspirieren lassen und ist ihrem Beispiel gefolgt. In Treue zu Franziskus wollen wir ebenfalls beweglich bleiben. Das heißt: Bewusst auf feste und garantierte Machtpositionen verzichten. Es geht bei der Beweglichkeit auch nur teilweise um Orte und genauso auch um Haltungen.
Also keine „stabilitas“ wie bei den Benediktinern?
Genau. Die monastische Lebensform zog sich bewusst aus der Welt zurück. Eine Abtei mit ihren Strukturen bildete das himmlische Jerusalem nach, in dem die Mönche geschützt vor der Welt ein Leben nach dem Evangelium leben können. Das führte mit der Zeit zu wirtschaftlicher und politischer Macht. Franz von Assisi wollte eine arme Kirche und verzichtete auf Eigentum, auch auf eigene Häuser. Damit die Brüder sich nichts aneigneten, sollten sie immer wieder weiterziehen.
Wer entscheidet über Versetzungen der Brüder bei den Kapuzinern?
Der Provinzialminister und sein Rat planen Versetzungen und sprechen sie dann mit den betroffenen Brüdern ab.
Ist das eine schwierige Aufgabe für Sie? Gerade stehen nach dem Provinzkapitel ja wieder Entscheidungen an.
Es ist schwierig, weil wir knapp an Personal sind und die Bedürfnisse vor Ort und die Wünsche der Brüder auch kollidieren können. Manchem macht eine angetragene Aufgabe auch Angst, weil die Dienste sich nur noch auf wenige Schultern verteilen.
Wie liefen Versetzungen früher ab, wie heute? Welche Rolle spielt hier das Gelübde des „Gehorsams“?
Ganz früher verschickte der Provinzial eine Nachricht und teilte dem entsprechenden Bruder den neuen Ort und die neue Aufgabe mit. Damals waren die Klöster alle ähnlich gebaut und die Aufgaben glichen sich an den verschiedenen Orten. Aber schon lange gibt es Gespräche mit den betroffenen Gemeinschaften und Brüdern. Wenn eine angedachte Versetzung nicht möglich ist, dann beginnt man auch wieder von vorne mit den Gesprächen. Der „Gehorsam“ bedeutet, dass wir aufeinander hören und auch auf Gottes Willen in einer Anfrage. Oft stellen Brüder die eigenen Bedürfnisse hinten an, um eine allgemeine Not der Gemeinschaft zu bedienen. Da gibt es eine große Offenheit.
Gibt es eine Regelung, nach wie vielen Jahren ein Wechsel geschehen soll?
Früher zog man oft alle drei Jahre zum nächsten Ort. Heute wünschen sich die Brüder genauso wie die Menschen vor Ort längere Zeitfenster – sechs bis neun Jahre etwa. Es kommt aber auch vor, dass Krankheiten, Tod oder andere Ereignisse plötzlich eine Umstrukturierung notwendig machen. Die Ausbildungshäuser haben Priorität, aber auch unser Seniorenkloster in Werne. Wichtig ist, dass Leitungsaufgaben bei uns eine zeitliche Grenze haben. Nach sechs beziehungsweise höchstens neun Jahren muss ein Wechsel erfolgen. Dann zieht auch ein Guardian, das ist der Leiter der Gemeinschaft, in der Regel weiter an einen neuen Ort.
Was bedeutet es für die Versetzungen, wenn es immer weniger Klöster gibt? Und Ländergrenzen, wie in unserer Vier-Länder-Provinz?
Weniger Klöster bedeuten natürlich weniger Auswahl. Die einzelnen Orte ähneln sich immer weniger und sind spezifischer. Zwei Beispiele: Nicht jeder Bruder hält es in der Unruhe und im Trubel der Frankfurter City aus, oder in einem kontemplativen Kloster wie in Irdning in der Steiermark. Traditionell waren wir sehr landsmannschaftlich geprägt. Da war es nicht leicht, den Bayern nach Westfalen und den Badener nach Bayern zu schicken. Bei den Jüngeren gelingt das selbstverständlicher. Unsere Vier-Länder-Provinz bietet auch neue Chancen. Nicht zuletzt: Trotz EU gibt es auch bürokratische und natürlich sprachliche Hürden.
Was macht das mit Ihnen persönlich, dieses ständige Weiterziehen?
Ich merke, dass nach einer bestimmten Anzahl von Jahren der Wunsch nach Neuem auftaucht. Ich wurde meistens gefragt, ob ich mir vorstellen könnte an diesen oder jenen Ort zu gehen. Der Abschied war immer schmerzhaft, aber ich habe immer auch neue Aufgaben und neue Freunde entdeckt. Und dann war beim nächsten Mal erneut der Abschied schwer. Spannend ist auch, dass bei jedem Umzug eine „Reduzierung“ ansteht. Auch bei uns sammelt sich mit der Zeit viel Kram an. Beim Zügeln sortiert man sich dann neu und zieht mit leichtem Gepäck weiter.
Wie erleben Sie Ihre Mitbrüder bei diesem Thema?
Mit dem Alter fällt das Weiterziehen verständlicherweise immer schwerer. Aber es gibt viel Bereitschaft. In unserer Provinz gibt es insgesamt eine große Offenheit für Veränderungen.
Und wenn jemand unabkömmlich ist?
Es gibt Aufgaben, die auf lange Zeit angelegt sind. Dazu gehört etwa eine Lehrtätigkeit. Aber es gibt auch andere Konstellationen, die Versetzungen unwahrscheinlich machen. Wichtig ist, dass wir uns bemühen, dass wir zumindest von der Haltung her beweglich bleiben. Die Transparenz im Umgang mit (Macht-)Positionen entspricht dabei dem Uranliegen des Franz von Assisi.
Der Mensch sehnt sich doch nach Heimat, was ist Ihnen Heimat?
Das Ordensleben versucht ja, die Sehnsucht nach der „ewigen Heimat“ wachzuhalten und sich nicht allzu sehr im Hier und Jetzt zu verlieren. Als Menschen finden wir in jedem Kloster Brüder. Wir kennen uns, bilden eine Familie und versuchen überall nach den gleichen Grundsätzen zu leben. Wichtig sind aber auch Freundschaften, die, wenn sie gute Freunde sind, auch über Entfernungen bestehen bleiben. Gleichzeitig bietet jeder neue Ort auch die Möglichkeit neuer Begegnungen.
Verstehen Sie die Trauer, manchmal den Ärger, vor Ort, wenn ein geliebter, gut integrierter Bruder den Ort verlassen muss?
Verstehen kann ich das. Auch wenn manchmal Unterschriftenaktionen oder verbale Reaktionen auch persönlich unangenehm sind. Schwierig ist es vor allem, wenn wir nach kurzer Zeit bereits wieder Veränderungen vornehmen müssen. Aber ich will auch sagen: Das machen wir nicht mit Freude. Der Personalpool ist sehr gering und Ausfälle durch Krankheit, Tod oder andere Ereignisse können nicht ohne Probleme ausgeglichen werden. Da müssen wir Prioritäten setzen. Langfristig hilft da nur, wenn Gemeinden und Familien junge Männer ermutigen, den Weg als Kapuziner zu wählen.
