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Dr. Matthias Deliano
Biologe und Neurophysiologe am Leibniz-Institut Magdeburg
Interview mit Matthias Deliano: Warum braucht der Mensch Stille?
Inmitten einer Welt ständiger Reizüberflutung gewinnt die Stille eine neue Bedeutung. Doch was passiert eigentlich in unserem Gehirn, wenn es still wird? Antworten des Neurowissenschaftlers Matthias Deliano.
Herr Deliano, Sie erforschen die Vorgänge im menschlichen Gehirn. Wie sind Sie persönlich auf das Thema Stille gestoßen – und was fasziniert Sie daran?
Matthias Deliano: Es ist tatsächlich wenig erforscht, ein bisschen exotisch sozusagen. Wir schauen immer auf Reize und Reizreaktionszusammenhänge, aber nicht auf Stille. Mich hat immer fasziniert, dass ein Gehirn auch eine eigene Aktivität hat, also nicht nur von außen von Reizen getrieben ist, sondern eine Autonomie besitzt.
In einer Welt voller Reize und Geräusche: Warum ist es aus Ihrer Sicht gerade heute wichtig, sich mit Stille zu beschäftigen?
Unser körperliches Spüren und Erleben, wenn wir bei uns sind und in uns hineinspüren, das ist eine ganz reiche Quelle. Dieses bewusste Spüren des Körpers wird oft durch äußere Reize sehr stark abgelenkt. Stille ist nicht einfach ein leerer Raum oder ein Nichts. Es ist ein Erleben von etwas. Dieses Spüren wieder mehr zu kultivieren, ist für uns heute wichtig.
Was passiert im Gehirn, wenn wir Stille erleben? Gibt es Veränderungen der neuronalen Aktivität?
Unter Stille verändert sich die Hirnaktivität. Wenn keine Reizeingänge da sind, wird die Eigenaktivität des Gehirns sichtbar. Es produziert aus sich heraus Aktivität. Das erleben wir, wenn wir zur Stille kommen. Dann sind da Gedanken in unserem Kopf, wir spüren auf einmal unseren Körper. Da sind Dinge, die gar nicht reizabhängig sind, aber Teil unseres Lebensprozesses. Es zeigen sich große Veränderungen der Hirnaktivität.
Gibt es bestimmte Hirnregionen, die besonders auf Stille reagieren oder davon profitieren?
Es gibt ganze Netzwerke, die im Gehirn verteilt sind, die dann auf einmal ins Schwingen kommen, wenn wir keine Reize von außen bekommen, keine Aufgaben, mit denen wir beschäftigt sind, sondern „nichts tun“, wenn man so will.
Hat Stille Auswirkungen auf unsere Konzentration, unser emotionales Gleichgewicht oder unser Stresslevel?
Wenn Menschen zur Ruhe kommen und in sich Stille finden, das zeigen Studien, hat das viele positive Auswirkungen auf die Psyche. Für mich ist das ein wichtiger Punkt. Ich glaube, dass wir dann erst anfangen zu spüren, was um uns und in uns ist. Das körperliche Spüren wird stärker.
Spielt Stille auch eine Rolle für die Gedächtnisbildung und für die Verarbeitung von Erinnerungen?
Ja, auf jeden Fall. Wenn keine Reize da sind, beginnen in der Hirnrinde große Zellpopulationen miteinander zu schwingen. Man geht davon aus, dass das wichtig ist für die Gedächtniskonsolidierung, um die synaptischen Verbindungen so auszurichten, dass sie ein sinnvolles Gedächtnis unterstützen. Diese Momente spielen eine ganz wichtige Rolle beim Lernen und beim Gedächtnis.
Wie untersucht man Stille in einem neurobiologischen Labor?
Wir haben einen großen Raum, der ist völlig schallgeschirmt. Da ist es schon mal sehr still drin. Manchmal sehr angenehm, sich da einfach reinzusetzen und die Tür zu schließen. Denn dann sind die äußeren Reize abgeschirmt. Methodisch verwenden wir vor allem die Elektroenzephalographie, bekannt als EEG, mit ganz vielen Elektroden auf dem Kopf. Damit messen wir die Hirnströme. Was wir auch anwenden, ist die Magnetenzephalographie. Da messen wir dann nicht die elektrischen Spannungen, sondern die Magnetfelder, die das Gehirn produziert. So können wir eine gewisse Einsicht darüber erhalten, wie das Gehirn zeitlich aktiv ist. Es zeigen sich dann ganz viele Schwingungen und zeitliche Phänomene. Auch die Kernspintomographie nutzen wir hier im Haus, aber weniger für diese Forschung.
Gab es Aha-Momente während Ihrer Arbeit zur Stille?
Für mich ist der Aha-Moment, wenn ich sehe, wie sehr sich die Gesamtaktivität im Gehirn bei Stille verändert. Dass das nicht nur irgendein lokaler Effekt ist oder dass da einfach nur Aktivitäten weniger werden, sondern dass sich die gesamte Hirnaktivität umorganisiert. Das finde ich schon sehr spannend und auch überraschend.
Wie verändert sich unser Verhältnis zur Stille in einer zunehmend digitalen und reizüberfluteten Welt?
Da ist natürlich eine Menge Ablenkung. Ich glaube aber, das ist nicht automatisch. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, da geht auch die Energie hin. Das Prinzip der Smartphones ist es, unser Aufmerksamkeits- und Belohnungssystem zu kapern. In einer Weise, dass wir in einer Art abhängigem Zustand sind. Es fällt uns immer schwerer, uns davon zu lösen. Da können Momente der Stille sehr hilfreich sein. Sie geben uns unsere Selbstwirksamkeit zurück.
Welche Rolle könnte Stille in Bildung, Therapie oder sogar in der Arbeitswelt spielen?
Ich glaube, dass das ganz wichtig ist und unterschätzt wird. Stille finden in der Therapie ist manchmal schwierig, weil es kein Automatismus ist. Also man kann nicht einfach die Reize wegnehmen und die Leute in einen ruhigen Raum setzen und sagen: „Hier ist jetzt Stille.“ Man muss begreifen, dass Stille etwas ist, was man erlebt. Die Frage ist, wie man Menschen hilft, zu diesen Momenten der Stille zu finden. Wenn das gelingt, dann ist das auf jeden Fall therapeutisch relevant, denn daraus erwachsen Veränderungsschritte..
Was würden Sie Menschen raten, die Stille bewusst in ihr Leben integrieren möchten?
Der einfachste Rat ist: Rausgehen in die Natur. Sich nichts vornehmen und einfach gehen oder irgendwo hinsetzen. Viele Menschen halten das gar nicht mehr aus. Diese Erfahrung ist wichtig, zu spüren: Ich bin da. Meine innere Getriebenheit – was ist denn das eigentlich? Und sich bewusst dem zuzuwenden. Nicht mit Druck, sondern auf eine liebevolle Art. Sehen: Was ist denn da? Und anzunehmen, was da gerade ist. Auch wenn es sich vielleicht hektisch anfühlt. Dieses zu akzeptieren, das ist der erste Weg zur Stille..
Vielen Dank für das Gespräch!
Zur Person:
Dr. Matthias Deliano leitet am Leibniz-Institut Magdeburg die Arbeitsgruppe Translationale Verhaltensphysiologie. Der Biologe und Neurophysiologe forscht zur Verhaltensphysiologie beim Lernen. Mit der Psychologin Franziska Bischoff und dem Neurochirurgen und Schmerztherapeuten Lars Büntjen untersucht er die neurophysiologischen Grundlagen von Achtsamkeit und ihre Wirkung auf Schmerz- und Stresszustände.
Das Interview führte Br. Christian Albert. Es ist Teil der großen Titelgeschichte „Stille“ in cap!, dem Magazin der Kapuziner, das Ende November erscheint.
