Interview

FOTO: PRI­VAT

Dr. Matthias Deliano

Bio­lo­ge und Neu­ro­phy­sio­lo­ge am Leib­niz-Insti­tut Magdeburg

24. Novem­ber 2025

Interview mit Matthias Deliano: Warum braucht der Mensch Stille?

Inmit­ten einer Welt stän­di­ger Reiz­über­flu­tung gewinnt die Stil­le eine neue Bedeu­tung. Doch was pas­siert eigent­lich in unse­rem Gehirn, wenn es still wird? Ant­wor­ten des Neu­ro­wis­sen­schaft­lers Mat­thi­as Deliano.

Herr Delia­no, Sie erfor­schen die Vor­gän­ge im mensch­li­chen Gehirn. Wie sind Sie per­sön­lich auf das The­ma Stil­le gesto­ßen – und was fas­zi­niert Sie daran?
Mat­thi­as Delia­no: Es ist tat­säch­lich wenig erforscht, ein biss­chen exo­tisch sozu­sa­gen. Wir schau­en immer auf Rei­ze und Reiz­re­ak­ti­ons­zu­sam­men­hän­ge, aber nicht auf Stil­le. Mich hat immer fas­zi­niert, dass ein Gehirn auch eine eige­ne Akti­vi­tät hat, also nicht nur von außen von Rei­zen getrie­ben ist, son­dern eine Auto­no­mie besitzt.

In einer Welt vol­ler Rei­ze und Geräu­sche: War­um ist es aus Ihrer Sicht gera­de heu­te wich­tig, sich mit Stil­le zu beschäftigen?
Unser kör­per­li­ches Spü­ren und Erle­ben, wenn wir bei uns sind und in uns hin­ein­spü­ren, das ist eine ganz rei­che Quel­le. Die­ses bewuss­te Spü­ren des Kör­pers wird oft durch äuße­re Rei­ze sehr stark abge­lenkt. Stil­le ist nicht ein­fach ein lee­rer Raum oder ein Nichts. Es ist ein Erle­ben von etwas. Die­ses Spü­ren wie­der mehr zu kul­ti­vie­ren, ist für uns heu­te wichtig.

Was pas­siert im Gehirn, wenn wir Stil­le erle­ben? Gibt es Ver­än­de­run­gen der neu­ro­na­len Aktivität?
Unter Stil­le ver­än­dert sich die Hirn­ak­ti­vi­tät. Wenn kei­ne Reiz­ein­gän­ge da sind, wird die Eigen­ak­ti­vi­tät des Gehirns sicht­bar. Es pro­du­ziert aus sich her­aus Akti­vi­tät. Das erle­ben wir, wenn wir zur Stil­le kom­men. Dann sind da Gedan­ken in unse­rem Kopf, wir spü­ren auf ein­mal unse­ren Kör­per. Da sind Din­ge, die gar nicht reiz­ab­hän­gig sind, aber Teil unse­res Lebens­pro­zes­ses. Es zei­gen sich gro­ße Ver­än­de­run­gen der Hirnaktivität.

Gibt es bestimm­te Hirn­re­gio­nen, die beson­ders auf Stil­le reagie­ren oder davon profitieren?
Es gibt gan­ze Netz­wer­ke, die im Gehirn ver­teilt sind, die dann auf ein­mal ins Schwin­gen kom­men, wenn wir kei­ne Rei­ze von außen bekom­men, kei­ne Auf­ga­ben, mit denen wir beschäf­tigt sind, son­dern „nichts tun“, wenn man so will.

Hat Stil­le Aus­wir­kun­gen auf unse­re Kon­zen­tra­ti­on, unser emo­tio­na­les Gleich­ge­wicht oder unser Stresslevel?
Wenn Men­schen zur Ruhe kom­men und in sich Stil­le fin­den, das zei­gen Stu­di­en, hat das vie­le posi­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die Psy­che. Für mich ist das ein wich­ti­ger Punkt. Ich glau­be, dass wir dann erst anfan­gen zu spü­ren, was um uns und in uns ist. Das kör­per­li­che Spü­ren wird stärker.

Spielt Stil­le auch eine Rol­le für die Gedächt­nis­bil­dung und für die Ver­ar­bei­tung von Erinnerungen?
Ja, auf jeden Fall. Wenn kei­ne Rei­ze da sind, begin­nen in der Hirn­rin­de gro­ße Zell­po­pu­la­tio­nen mit­ein­an­der zu schwin­gen. Man geht davon aus, dass das wich­tig ist für die Gedächt­nis­kon­so­li­die­rung, um die syn­ap­ti­schen Ver­bin­dun­gen so aus­zu­rich­ten, dass sie ein sinn­vol­les Gedächt­nis unter­stüt­zen. Die­se Momen­te spie­len eine ganz wich­ti­ge Rol­le beim Ler­nen und beim Gedächtnis.

Wie unter­sucht man Stil­le in einem neu­ro­bio­lo­gi­schen Labor? 
Wir haben einen gro­ßen Raum, der ist völ­lig schall­ge­schirmt. Da ist es schon mal sehr still drin. Manch­mal sehr ange­nehm, sich da ein­fach rein­zu­set­zen und die Tür zu schlie­ßen. Denn dann sind die äuße­ren Rei­ze abge­schirmt. Metho­disch ver­wen­den wir vor allem die Elek­tro­en­ze­pha­logra­phie, bekannt als EEG, mit ganz vie­len Elek­tro­den auf dem Kopf. Damit mes­sen wir die Hirn­strö­me. Was wir auch anwen­den, ist die Magne­ten­ze­pha­logra­phie. Da mes­sen wir dann nicht die elek­tri­schen Span­nun­gen, son­dern die Magnet­fel­der, die das Gehirn pro­du­ziert. So kön­nen wir eine gewis­se Ein­sicht dar­über erhal­ten, wie das Gehirn zeit­lich aktiv ist. Es zei­gen sich dann ganz vie­le Schwin­gun­gen und zeit­li­che Phä­no­me­ne. Auch die Kern­spin­to­mo­gra­phie nut­zen wir hier im Haus, aber weni­ger für die­se Forschung.

Gab es Aha-Momen­te wäh­rend Ihrer Arbeit zur Stille?
Für mich ist der Aha-Moment, wenn ich sehe, wie sehr sich die Gesamt­ak­ti­vi­tät im Gehirn bei Stil­le ver­än­dert. Dass das nicht nur irgend­ein loka­ler Effekt ist oder dass da ein­fach nur Akti­vi­tä­ten weni­ger wer­den, son­dern dass sich die gesam­te Hirn­ak­ti­vi­tät umor­ga­ni­siert. Das fin­de ich schon sehr span­nend und auch überraschend.

Wie ver­än­dert sich unser Ver­hält­nis zur Stil­le in einer zuneh­mend digi­ta­len und reiz­über­flu­te­ten Welt?
Da ist natür­lich eine Men­ge Ablen­kung. Ich glau­be aber, das ist nicht auto­ma­tisch. Die Fra­ge ist, wie wir damit umge­hen. Wor­auf wir unse­re Auf­merk­sam­keit rich­ten, da geht auch die Ener­gie hin. Das Prin­zip der Smart­phones ist es, unser Auf­merk­sam­keits- und Beloh­nungs­sys­tem zu kapern. In einer Wei­se, dass wir in einer Art abhän­gi­gem Zustand sind. Es fällt uns immer schwe­rer, uns davon zu lösen. Da kön­nen Momen­te der Stil­le sehr hilf­reich sein. Sie geben uns unse­re Selbst­wirk­sam­keit zurück.

Wel­che Rol­le könn­te Stil­le in Bil­dung, The­ra­pie oder sogar in der Arbeits­welt spielen?
Ich glau­be, dass das ganz wich­tig ist und unter­schätzt wird. Stil­le fin­den in der The­ra­pie ist manch­mal schwie­rig, weil es kein Auto­ma­tis­mus ist. Also man kann nicht ein­fach die Rei­ze weg­neh­men und die Leu­te in einen ruhi­gen Raum set­zen und sagen: „Hier ist jetzt Stil­le.“ Man muss begrei­fen, dass Stil­le etwas ist, was man erlebt. Die Fra­ge ist, wie man Men­schen hilft, zu die­sen Momen­ten der Stil­le zu fin­den. Wenn das gelingt, dann ist das auf jeden Fall the­ra­peu­tisch rele­vant, denn dar­aus erwach­sen Veränderungsschritte..

Was wür­den Sie Men­schen raten, die Stil­le bewusst in ihr Leben inte­grie­ren möchten?
Der ein­fachs­te Rat ist: Raus­ge­hen in die Natur. Sich nichts vor­neh­men und ein­fach gehen oder irgend­wo hin­set­zen. Vie­le Men­schen hal­ten das gar nicht mehr aus. Die­se Erfah­rung ist wich­tig, zu spü­ren: Ich bin da. Mei­ne inne­re Getrie­ben­heit – was ist denn das eigent­lich? Und sich bewusst dem zuzu­wen­den. Nicht mit Druck, son­dern auf eine lie­be­vol­le Art. Sehen: Was ist denn da? Und anzu­neh­men, was da gera­de ist. Auch wenn es sich viel­leicht hek­tisch anfühlt. Die­ses zu akzep­tie­ren, das ist der ers­te Weg zur Stille..

Vie­len Dank für das Gespräch!

Zur Per­son:
Dr. Mat­thi­as Delia­no lei­tet am Leib­niz-Insti­tut Mag­de­burg die Arbeits­grup­pe Trans­la­tio­na­le Ver­hal­tens­phy­sio­lo­gie. Der Bio­lo­ge und Neu­ro­phy­sio­lo­ge forscht zur Ver­hal­tens­phy­sio­lo­gie beim Ler­nen. Mit der Psy­cho­lo­gin Fran­zis­ka Bisch­off und dem Neu­ro­chir­ur­gen und Schmerz­the­ra­peu­ten Lars Bünt­jen unter­sucht er die neu­ro­phy­sio­lo­gi­schen Grund­la­gen von Acht­sam­keit und ihre Wir­kung auf Schmerz- und Stresszustände.

Das Inter­view führ­te Br. Chris­ti­an Albert. Es ist Teil der gro­ßen Titel­ge­schich­te „Stil­le“ in cap!, dem Maga­zin der Kapu­zi­ner, das Ende Novem­ber erscheint. 

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