
FOTO: KAPUZINER/ANITA LEDERSBERGER
BR. Brian Joseph Thomas
(Jahrgang 1992) lebt als Kapuziner in Salzburg und studiert dort Theologie. Im Jahr 2024 legte er seine zeitlichen Gelübde ab.
„Jeden Tag im Advent die Türe des eigenen Herzens öffnen“
Stress statt Besinnung, Eile statt Sehnsucht: Die Adventszeit ist für viele Menschen eine besondere Herausforderung. Wie sieht Advent im Kloster aus? Br. Brian aus Salzburg im Interview.
Kapuzinerkloster Salzburg, die Adventszeit steht an. Was ist der Advent für eine Zeit?
Br. Brian Thomas: Erfahrungsgemäß eine sehr volle und geschäftige! Kurz vor dem Jahresende ballt es sich meistens. Aber der Glaube gibt natürlich einen anderen Ton vor: gespannte Sehnsucht und freudige Erwartung des Herrn. Daher versuche ich, den Advent wie eine kleine Fastenzeit zu gestalten, nur mit einem etwas anderen Akzent.
Haben Sie sich etwas vorgenommen für diese Zeit?
Fasten, Beten, Almosen geben! Das alles aber nicht als Zusatzleistung, sondern als Schule der Sehnsucht. Auf ein paar Leckereien verzichten, damit Weihnachten umso süßer wird. Unnötige Aktivität und Zerstreuung weglassen, um in der Stille auf mein Herz zu hören und dem Wort Gottes Raum zu geben. Mich gegenüber meinen Mitmenschen im Zuhören üben – damit auch Maria und Josef Platz hätten, wenn sie dann an meiner Türe stehen und klopfen.
Advent im Kloster Salzburg: Gibt es da besondere Rituale?
Im Gegensatz zu Weihnachten gibt es im Advent weniger fixe Rituale bei uns Kapuzinern. Adventliches Beisammensein bei einer Geschichte oder ein paar Adventsliedern: das gehört aber natürlich dazu. Und wir versuchen ganz allgemein, eine Atmosphäre der Stille zu wahren im Haus. Deswegen haben wir ab dem 15. Dezember auch eine gästefreie Zeit – und damit mehr Zeit für uns als Brudergemeinschaft.
Advent ist auch die Zeit der Roratemessen.
Ja, Roratemessen gehören natürlich auch zu unserem Programm! Jeden Dienstag im Advent sind die Gläubigen um 6:30 Uhr zu einer Frühmesse bei Kerzenschein und meditativer musikalischer Gestaltung eingeladen – inklusive anschließendem einfachen Frühstück bei uns im Kloster. Diese Messen sind jedes Jahr sehr gut besucht. Wahrscheinlich, weil man in der dunklen, stillen Atmosphäre am ehesten das spüren kann, was den Advent ausmachen sollte. Und das ist, neben all dem Trubel: Hinabzusteigen in die eigene Sehnsucht und sich zu öffnen für das, was Gott schenken will.
Haben eigentlich auch Kapuziner einen Adventskalender?
(lacht) Meine Mama war mein Leben lang eine passionierte und kreative Adventskalender-Bastlerin. Nachdem ich ins Kloster gegangen bin, hat es mich einiges an Überredung gekostet, sie davon abzuhalten. Denn auf einen Kalender zu verzichten, das ist für mich persönlich ein konkreter Ausdruck unseres Armutsversprechens: im Advent nicht neue Sachen anzusammeln, sondern eher alte loszuwerden!
Advent ist meist mit Stress verbunden, Weihnachten steht vor der Tür: Wo bleibt die Besinnung?
Den Stress wird man nicht einfach abschalten können. Aber vielleicht kann er zum Werkzeug der Besinnung werden? Was mich stresst, verrät mir viel darüber, was mich eigentlich bewegt, was mir wichtig ist. Die Vorbereitung von Weihnachten ist ja unter anderem deswegen für viele Menschen stressig, weil sich das Fest mit großen Erwartungen verbindet: Zeit mit geliebten Menschen verbringen, nach Hause kommen, sich an die eigene unbeschwerte Kindheit erinnern. Das kann eine Frage zur Besinnung sein: Was braucht es wirklich, um das Ersehnte vorzubereiten? Was bringe ich von diesem Jahr an Enttäuschungen und Freuden mit in die Feiertage? Wie kann ich mein Herz einstimmen? Welche Beziehungsprobleme sollten am besten vorher geklärt werden?
Haben Sie eine Lieblingsstelle aus der Bibel zum Advent?
Die Liturgie der Kirche ist in der Adventszeit unglaublich reich! Der Fokus der täglichen Messlesungen liegt auf dem Buch Jesaja, das in den schönsten Bildern die Versprechen Gottes an sein Volk beschreibt. Ein echtes Hoffnungs-Buch! Eine der schönsten Stellen: Jesaja 40,1–11.
Advent und Weihnachten bedeutet für viele auch: Einsamkeit.
Ja, das ist so. Das erlebe ich vor allem bei den Bedürftigen und Obdachlosen, mit denen ich arbeite. Ihre Situation ist häufig die Folge von zerbrochenen Beziehungen. Da ist die Weihnachtszeit oft eine schmerzliche Erinnerung an verlorene Menschen, an gescheiterte Lebensentwürfe. Da hilft kein billiger Trost. Da-sein, das Leid aushalten – auch in der eigenen Ohnmacht, das ist das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann. Vielleicht ist ja der Advent eine gute Gelegenheit, sich bei Menschen zu melden, von denen man weiß, dass sie einsam sind? Das wäre doch mal ein schöner Adventskalender: jeden Tag die Türe des eigenen Herzens für jemanden öffnen!
Wenn man nichts Eigenes besitzt: Was wünscht man sich da zu Weihnachten?
Wir Kapuziner haben zwar kein Eigentum, aber natürlich Gegenstände zum täglichen Gebrauch. Wie Kleidung, Bücher, Süßigkeiten. Da freuen wir uns, wenn wir der Gemeinschaftskasse die eine oder andere Anschaffung ersparen können. Und Schokolade und Kekse gehen gut weg bei uns im Kloster (lacht).
Was wünschst Du Dir für die Welt in diesem Advent?
Dass viele Menschen den Mut haben, die digitale Betäubung zu reduzieren und sich der Stille auszusetzen. Damit es „Stille Nacht, heilige Nacht“ werden kann, muss nämlich erstmal im eigenen Herzen aufgeräumt werden. Unsere Welt lechzt nach Frieden. Wir brauchen Menschen, die damit ernst machen, dem Friedensfürsten in ihrem Leben einen Platz zu bereiten!
Vielen Dank und eine gute Adventszeit!
