
FOTO: KAPUZINER
Br. Pavol Šajgalík
ist Jahrgang 1964. Der Kapuziner wurde am 27. Mai 2025 von Papst Leo XIV. zum Militärbischof der Slowakei ernannt.
Aus der Kirche im Untergrund zum Bischofsamt
Von einer Kirche im Untergrund zum Militärbischof: Der slowakische Kapuziner Br. Pavol Šajgalík blickt auf ein spannendes Leben in verschiedenen Kirchenwelten der Slowakei, Österreich und der Schweiz.
Freudestrahlend kommt Br. Pavol Šajgalík am 20. Juni 2026 ins Kapuzinerkloster Wesemlin in Luzern in der Schweiz, um nach seiner Bischofsweihe vom 18. Oktober 2025 seinen Abschied zu feiern und damit nachzuholen. Dazu war in den vergangenen Monaten kaum Zeit geblieben. Kirchlich wie auch gesundheitlich war der Slowake gefordert. Von 2019 bis 2025 lebte er zunächst in der Kapuzinergemeinschaft Zürich-Seebach, später im Kapuzinerkloster Wesemlin in Luzern.
Heute ist der Kapuziner Pavol Šajgalík (13.11.1964) Militärbischof in der Slowakei und damit Staatsangestellter. In den Kapuzinerorden trat er im Verborgenen ein. Hinter dem Eisernen Vorhang lebte er seinen Glauben in geheim praktizierenden Kreisen der katholischen Kirche der Tschechoslowakei. Von 2019 bis 2025 war er in der Schweiz für slowakischsprachige Katholikinnen und Katholiken zuständig.
„Ich bin aufgewachsen noch in den Zeiten des Kommunismus, also im realexistierenden Sozialismus, im Untergrund, in einer Familie, die zur Kirche gegangen ist, aber ich habe nicht so großen Wert daraufgelegt“, erzählt Bischof Pavol Šajgalík. Erst im Gymnasium habe er Freunde gehabt, bei denen er plötzlich realisiert habe, dass sie ein völlig anderes Leben führten, im Sommer gemeinsam in ein Lager gingen und im Winter Skifahren gingen.
Was waren das für Menschen? Eines Tages habe sich bei ihm einer vorgestellt, ein geheimer Priester. Das war interessant und wichtig für den Gymnasiasten. „Ein junger Mensch braucht Begleitung“ reflektiert der Kapuziner diese Jugenderfahrung. Es war damals keine Pfarreierfahrung, sondern ein Kapuziner, Bruder Johannes, der Pavol und andere Jugendliche modern begleitet hatte. Die Öffentlichkeit durfte damals nichts davon wissen. Darum haben die Brüder zivil gearbeitet. „Nicht einmal meine Eltern wussten davon, als ich Kapuziner wurde.“ Pavol Šajgalík studierte Elektrotechnik an der Hochschule, da es damals in der Tschechoslowakei keine Universitäten dazu gab, und nur im Hintergrund Theologie – sein Glaube musste geheim bleiben. Kapuziner werden wollte er, weil er so den Jugendlichen helfen konnte.
Bruder Pavol war Kapuziner, aber noch nicht Priester, als 1989 der Eiserne Vorhang fiel. Das Theologiestudium im Untergrund war lückenhaft und das Studium nicht einfach. Lachend meint heute Pavol: „Ich war auch etwas faul im Theologiestudium“. Nun, er hatte ja noch ein anderes Studium zu absolvieren und dann offiziell zu arbeiten, damit die staatlichen Stellen keinen Verdacht schöpfen konnten. Priesterweihen fanden meistens in Polen statt.
Nach der Wende durfte der junge Kapuziner in Wien weiterstudieren und dann beim berühmten Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner seinen Doktortitel machen. Sein Thema war eine vom Staat Tschechoslowakei gegründete regimetreue katholische Gruppe, die sich „Pacem im terris“ nannte – nicht mit der gleichnamigen Enzyklika von Papst Johannes XIII. zu verwechseln. In dieser Zeit wohnte er bei den Kapuzinern in Wien, damals noch eine österreichische Kapuzinerprovinz, und lernte das österreichische Kirchensystem kennen.
Nach der Wende gab es keine Tschechoslowakei mehr, aber Tschechien und die Slowakei. Pavol Šajgalík kam nach seinen Studien in Wien nach Bratislava, wo er von 1993 bis 2019 lebte. Er war unter anderem Guardian und von 1993 bis 2005 Provinz-Sekretär der Kapuziner Tschechiens. Junge Kapuziner konnten damals, weil es ältere Brüder nicht gab oder es nicht wollten, interessante Leitungsaufgaben übernehmen. Anschließend arbeitete er als Priester in der slowakischen Militärdiözese und als Kaplan der Polizei von Bratislava; eine Spezialität des slowakischen Kirchen- und Staatssystems ist, dass Priester von der Polizei angestellt und bezahlt werden.
Schweizer Missionare gingen früher in den Süden. Bruder Pavol wurde zuerst eine Mission in Kanada vorgeschlagen. Mit der Zustimmung der Ordensoberen ging es jedoch nach Zürich für die Katholische Slowakenmission. Zuerst lebte er in der Kapuzinerniederlassung in Zürich Seebach, nach dessen Auflösung gehörte er zur Gemeinschaft im Kapuzinerkloster Wesemlin in Luzern. Die Schweiz hat sich Bruder Pavol nicht ausgesucht, doch fand er dort eine sehr lebendige slowakische Gemeinschaft vor, verstreut im ganzen Land. Gewiss gab es da auch Schwierigkeiten, doch war es zuerst einmal eine gute Erfahrung für ihn.
Von der Wende waren die Brüder begeistert. Da es keine Institutionen gab, musste die Begeisterung das Leben tragen. Nach der Wende herrschte ein organisiertes Chaos. Eine neue Kirche entstand in der Slowakei zehn Jahre später nach dem Millennium. Die ehemalige Begeisterung hat sich in Institutionen verwandelt.
Für die Kapuziner entstand die Herausforderung, eine Kapuzinergemeinschaft zu werden und nicht eine Institution. In Wien erlebte Bruder Pavol erstmals eine institutionelle und traditionelle Kirche. Die Menschen gingen in die Messe, weil es Brauch ist und sich gehört. Erstmals hörte er Menschen sagen: „Diese Institution brauche ich nicht.“ Auch gab es da plötzlich Bischöfe, die es in der Slowakei vor der Wende nicht gab.
Die Schweiz mit dem dualen Kirchensystem wiederum war völlig anders. Dies zu verstehen, war zu Beginn sehr schwierig. Theoretisch scheint dem Kapuziner das duale System eine optimale Lösung zu sein. Einen großen Unterschied erlebte der Slowakenmissionar darin, dass in der Slowakei der Priester Menschen anspricht und handelt, in der Schweiz sind es die Laien, die mit Ideen kommen und den Priester beauftragen. „Manchmal funktioniert das sehr gut, manchmal ergeben sich auch Spannungen.“
In seiner aktuellen Rolle als Militärbischof hat er wenig mit Pastoral zu tun, sondern viele Verwaltungsaufgaben. Die Verantwortung umfasst auch viele Mitarbeitende. Das Ordinariat hat 16 Angestellte sowie 63 Priester und Diakone sowie Freiwillige. Spannend empfindet es Bischof Pavol, in einem Milieu zu arbeiten, wo nicht alle Menschen von der Kirche begeistert sind, aber trotzdem mit der Kirche ins Gespräch kommen. In einer Pfarrei hat man vor allem mit kirchlich interessierten Menschen zu tun. Wenn der Kapuziner bei Soldaten, Polizisten, Feuerwehrleuten sowie bei Rettungsleuten auftaucht, dann redet er zuerst einmal mit Kollegen. Da gibt es auch Kontakte mit nichtkirchlichen Menschen. So kann man Vorurteile abbauen. Diese Situationen ermöglichen einen guten Dialog mit der Welt.
Br. Pavol Šajgalík trägt ein hölzernes Kreuz als Pektorale (bischöfliches Brustkreuz). Dazu wird er oft gefragt: „Wieso tragen Sie kein goldenes Pektorale?“ Lachend antwortet er dann: „Jesus wurde ja auch nicht an einem Goldbalken gekreuzigt“. Wichtig ist ihm vor allem, Kapuziner zu sein. Auch als Bruder Bischof.
Text: Br. Adrian Müller
