Interview

FOTO: Tobi­as Rauser

BR. THEO JANSEN

ist nie­der­län­di­scher Kapu­zi­ner (Jahr­gang 1941) und lebt im Kapu­zi­ner­klos­ter in Velp als Teil einer inter­na­tio­na­len Gemein­schaft. Lan­ge Jah­re leb­te er in Rom und forsch­te und lehr­te als Pro­fes­sor unter ande­rem zur Ordens­ge­schich­te und fran­zis­ka­ni­scher Literatur. 

7. Sep­tem­ber 2026

Kapuzinerreform: „Brüder, lasst uns neu anfangen“

Im Jahr 2028 fei­ern die Kapu­zi­ner die soge­nann­te „Kapu­zi­ner­re­form“. Was es mit die­ser auf sich hat und war­um die Kon­flik­te nicht im Fokus ste­hen soll­ten, sagt Br. Theo Jan­sen aus dem Kapu­zi­ner­klos­ter Velp.

Wie ent­stand die Kapu­zi­ner­re­form im Jahr 1528, deren Jubi­lä­um für die Kapu­zi­ner im Jahr 2028 ansteht?
Br. Theo Jan­sen: Das Ers­te, was man sagen muss: Der Impuls zur Erneue­rung ist bereits in Fran­zis­kus ange­legt. Am Ende sei­nes Lebens sag­te er: „Brü­der, lasst uns neu anfan­gen.“ Die­ser Gedan­ke hat die fran­zis­ka­ni­sche Geschich­te bis heu­te beglei­tet. Die Men­schen beto­nen dabei unter­schied­li­che Aspek­te sei­nes Lebens: den Fran­zis­kus der Anfän­ge, der Mit­te sei­nes Lebens oder sei­ner letz­ten Jah­re. Es gab es immer ver­schie­de­ne Deu­tun­gen sei­nes Cha­ris­mas. Die­se Viel­falt gehört zum Reich­tum des fran­zis­ka­ni­schen Erbes. Das Cha­ris­ma des Fran­zis­kus ist so reich, dass es auf unter­schied­li­che Wei­se gelebt und ver­wirk­licht wer­den kann.

War­um ent­wi­ckel­tet sich Anfang des 16. Jahr­hun­derts eine Reform­be­we­gung, aus der die Kapu­zi­ner entstanden?
Die Kapu­zi­ner sind Teil einer all­ge­mei­nen und auch gesell­schaft­li­chen Reform­be­we­gung des 15. und 16. Jahr­hun­derts. Es war die Zeit des Über­gangs vom Mit­tel­al­ter zur Neu­zeit, die Zeit der Renais­sance. Der ein­zel­ne Mensch rück­te stär­ker in den Mit­tel­punkt. Das sieht man in der Kunst, in der Gesell­schaft und eben­so in der Kir­che. Schon lan­ge vor Luther und Cal­vin gab es Reform­be­stre­bun­gen inner­halb der Kir­che. Kon­zi­li­en beschäf­tig­ten sich mit Erneue­run­gen. In den ers­ten Jahr­zehn­ten des 16. Jahr­hun­derts ent­stan­den neue Ordens­ge­mein­schaf­ten, etwa die Thea­ti­ner oder die Jesui­ten. Die Kapu­zi­ner sind des­halb nicht iso­liert zu betrach­ten. Sie gehö­ren zu einer brei­ten Bewe­gung der Reform in Gesell­schaft, Kir­che und Orden.

Die Kapu­zi­ner waren auch nicht die ers­te fran­zis­ka­ni­sche Reformbewegung.
So ist es. Bereits zu Leb­zei­ten des Fran­zis­kus gab es unter­schied­li­che Strö­mun­gen. Ver­ein­facht gesagt las­sen sich drei Hal­tun­gen erken­nen: Die einen woll­ten mög­lichst eng an den ursprüng­li­chen Lebens­stil des Fran­zis­kus anknüp­fen. Ande­re ori­en­tier­ten sich stär­ker an der aner­kann­ten Ordens­re­gel und den kirch­li­chen Struk­tu­ren. Wie­der ande­re such­ten nach neu­en For­men, um das fran­zis­ka­ni­sche Ide­al in ver­än­der­ten Zei­ten zu leben. Drei­hun­dert Jah­re lang ver­such­te man, alle Fran­zis­ka­ner unter einer Form zusam­men­zu­hal­ten. Das gelang nie voll­stän­dig. Immer dann, wenn ver­schie­de­ne Wei­sen fran­zis­ka­ni­schen Lebens aner­kannt wur­den, ent­stand mehr Ruhe. Neben dem Jahr 1528 ist das Jahr 1517 das wich­tigs­te Datum. Zu die­sem Zeit­punkt wur­den zwei gro­ße Grup­pen offi­zi­ell aner­kannt: die Fran­zis­ka­ner-Obser­van­ten, die heu­ti­gen Fran­zis­ka­ner, und die Fran­zis­ka­ner-Mino­ri­ten. Elf Jah­re spä­ter, 1528, wur­den die Kapu­zi­ner anerkannt.

Was unter­schied die Kapu­zi­ner von den ande­ren Zweigen?
Die Kapu­zi­ner ver­stan­den sich als Gemein­schaft, die sich nicht nur an der Regel des Fran­zis­kus ori­en­tier­ten, son­dern auch sein Tes­ta­ment in den Blick nah­men. Das Tes­ta­ment war für sie die ers­te Aus­le­gung der Regel. Das ist auf jeden Fall typisch bei uns Kapuzinern.

Es gab es immer ver­schie­de­ne Deu­tun­gen sei­nes Cha­ris­mas. Die­se Viel­falt gehört zum Reich­tum des fran­zis­ka­ni­schen Erbes.

Was genau such­ten die ers­ten Kapuziner?
Die­se fran­zis­ka­ni­schen Brü­der woll­ten wie­der stär­ker die Ein­fach­heit und Armut der Anfän­ge leben. Vie­le fan­den, dass gro­ße Kon­ven­te, umfang­rei­che Struk­tu­ren und die star­ke Ein­bin­dung in kirch­li­che Auf­ga­ben den ursprüng­li­chen Geist ver­dun­kelt hat­ten. Beson­ders wich­tig war ihnen das kon­tem­pla­ti­ve Leben. Die Kapu­zi­ner beton­ten, dass jedes Apos­to­lat aus dem Gebet her­vor­ge­hen müs­se. Alles, was sie tun, soll aus der Got­tes­be­zie­hung her­aus ent­ste­hen. Wenn ein Pre­di­ger merkt, dass er nicht mehr aus die­ser inne­ren Quel­le spricht, soll er zunächst zum Gebet zurückkehren.

War das bis dahin nicht so?
Ich wür­de das so nicht sagen. Es ist viel­mehr so: Das Evan­ge­li­um ist nie end­gül­tig ver­wirk­licht. Des­halb braucht es immer wie­der neue Anfän­ge. Das gilt für jeden Orden und für die Kir­che ins­ge­samt. Erneue­rung ent­steht nicht nur aus Miss­stän­den. Sie ent­steht vor allem aus dem Wunsch, das Evan­ge­li­um inten­si­ver zu leben.

Wel­che Rol­le spiel­te Matteo da Bascio?
Matteo da Bascio war ein Fran­zis­ka­ner, der 1525 den Wunsch hat­te, wie­der als Wan­der­pre­di­ger zu leben. Er such­te eine ursprüng­li­che­re Form fran­zis­ka­ni­schen Lebens. Neben ihm waren ins­be­son­de­re Lud­wig und Rapha­el von Foss­om­bro­ne wich­tig. Sie erhiel­ten 1528 die päpst­li­che Geneh­mi­gung für eine neue fran­zis­ka­ni­sche Reform­ge­mein­schaft. Das ist der eigent­li­che Beginn der Kapu­zi­ner. Anders als oft berich­tet, war Matteo da Bascio kei­ne klas­si­sche Grün­der­fi­gur. Er kehr­te spä­ter sogar wie­der zu den Fran­zis­ka­nern zurück. Die Kapu­zi­ner ent­stan­den eher aus einer Bewe­gung her­aus als durch das Wir­ken einer ein­zel­nen Per­sön­lich­keit, so wür­de ich es formulieren.

Dabei kam es auch zu Kon­flik­ten, die ers­ten Kapu­zi­ner­brü­der wur­den verfolgt.
Jede Grup­pe war über­zeugt, den rich­ti­gen Weg zu ver­tre­ten. Das führ­te zwangs­läu­fig zu Span­nun­gen. Es gab Wider­stand, Ver­su­che, Mit­glie­der zurück­zu­ho­len, und teil­wei­se auch poli­ti­sche Ein­fluss­nah­men. Den­noch, und das ist mir wich­tig, wür­de ich die Kon­flik­te nicht über­be­to­nen. Ent­schei­dend ist für mich, dass sich trotz aller mensch­li­chen Schwä­chen etwas durch­ge­setzt hat, das über Ein­zel­in­ter­es­sen hin­aus­geht. Für mich ist das ein Zei­chen der Füh­rung Gottes.

Was genau fei­ert der Kapu­zi­ner-Orden im Jahr 1528?
Lan­ge Zeit galt 1525, der Auf­bruch Matteo da Basci­os, als Beginn der Kapu­zi­ner. Die his­to­ri­sche For­schung hat spä­ter gezeigt, dass die päpst­li­che Bul­le von 1528 der eigent­li­che ent­schei­den­de Schritt war. Erst dadurch ent­stand eine eigen­stän­di­ge Gemein­schaft mit kirch­li­cher Anerkennung.

Gibt es heu­te noch Unter­schie­de zwi­schen Fran­zis­ka­nern, Mino­ri­ten und Kapuzinern?
Ja, das wür­de ich schon sagen. Auf dem Papier stim­men wir in vie­len Punk­ten über­ein. In der Pra­xis haben sich über 500 Jah­re ver­schie­de­ne Tra­di­tio­nen ent­wi­ckelt. Ich ver­glei­che das ger­ne mit Geschwis­tern: Sie wach­sen in der­sel­ben Fami­lie auf und ent­wi­ckeln sich den­noch unter­schied­lich. So ist es auch bei den drei fran­zis­ka­ni­schen Zwei­gen des ers­ten Ordens.

Was macht das kapu­zi­ni­sche Cha­ris­ma aus Ihrer Sicht aus?
Für mich liegt die beson­de­re Iden­ti­tät der Kapu­zi­ner wei­ter­hin in der Ori­en­tie­rung an Regel und Tes­ta­ment sowie in der Ver­bin­dung von Brü­der­lich­keit, Ein­fach­heit und geist­li­cher Tiefe.

Braucht es heu­te wie­der eine Reform?
Eine schwie­ri­ge Fra­ge. Ich wür­de sagen: In der Theo­rie nein, in der Pra­xis schon. Es geht heu­te nicht mehr dar­um, neue Struk­tu­ren zu schaf­fen. Wor­um es aber schon geht: Wir müs­sen unser Pro­fil schär­fen. Die ent­schei­den­de Fra­ge ist: Steht das brü­der­li­che Leben für uns wirk­lich im Fokus? Für mich gehört das ins Zen­trum. Und dann soll­ten wir stär­ker sicht­bar machen, dass wir uns vom Hei­li­gen Geist füh­ren las­sen wollen.

Das Evan­ge­li­um ist nie end­gül­tig ver­wirk­licht. Des­halb braucht es immer wie­der neue Anfänge.

War­um braucht es die Kapu­zi­ner im 21. Jahr­hun­dert noch?
Unser klei­ner Bei­trag ist wich­tig. Wir kön­nen zei­gen, dass man als Brü­der das Evan­ge­li­um leben kann, auch in die­ser säku­la­ri­sier­ten Welt. Viel­leicht sind wir heu­te eher eine Ker­ze und kein gro­ßes Feu­er. Viel­leicht sehen nur weni­ge Men­schen, was wir tun. Aber auch ein klei­nes Licht hat sei­ne Bedeu­tung. Ich sehe es so, dass wir als Orden fle­xi­bel und ver­än­de­rungs­be­reit sein müs­sen. Hören wir auf den hei­li­gen Geist! Die Kapu­zi­ner haben kei­ne fest­ge­leg­te Auf­ga­be wie ande­re Orden, unse­re Auf­ga­be ist es, auf das zu hören, was der Geist Got­tes heu­te von uns verlangt.

War­um sind Sie ger­ne Kapuziner?
Das ist mei­ne Beru­fung. Wenn ich auf mein Leben schaue, sehe ich vie­le klei­ne Ereig­nis­se, die mich hier­her geführt haben. Für mich ist das kein Zufall. Ich habe erlebt, dass Gott einen Weg mit mir gegan­gen ist. Des­halb bin ich bis heu­te ger­ne Kapuziner.

Das Inter­view führ­te Tobi­as Rauser

 

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