
FOTO: Br. Adrian Müller
Kloster Bigorio: die Wurzeln der Schweizer Kapuziner
Das erste Kapuzinerkloster der Schweiz lockt im Tessin heute Menschen zu Ausbildungs- und Exerzitientagen in die luftige Höhe. Der besondere Ort ist eindrücklicher Zeuge kapuzinischer Spiritualität.
Von unten und aus der Ferne betrachtet, wirkt das Kloster Bigorio mit seiner imposanten Größe eher wie eine Festung als ein Kapuzinerkloster. Dabei war es das erste Kapuzinerkloster der Schweiz, gegründet 1535, wenige Jahre nachdem Papst Clemens VII. 1528 die Reformbewegung einzelner Brüder der Observanz mit der Bulle «Religionis zelus» bestätigt hatte. Allerdings erhielt das Kloster sein heutiges Aussehen erst 1760, und sein Architekt, Giuseppe Caresana da Cureglia, war ein Experte für Militärbauten. Vor diesem Umbau muss die Residenz der Brüder sehr bescheiden gewesen sein. Manche meinten sogar, sie habe eher wie ein Bauernhaus als wie ein Kloster ausgesehen.
Die ersten Kapuziner, die dorthin hinaufstiegen und sich in mitten eines wunderschönen Kastanienhains niederließen, wählten diesen Ort vermutlich aus mindestens zwei Gründen: Zum einen gab es dort eine Kirche mit einem romanischen Glockenturm, zum anderen entsprach die Abgeschiedenheit ideal ihrem streng zurückgezogenen Lebensstil. Um dieses Gotteshaus herum errichteten sie ihre einfachen Zellen aus Weidengeflecht und Lehm. Zudem bot dieser Ort den Vorteil, weit genug von den Dörfern entfernt zu sein, um eine Atmosphäre tiefer Kontemplation zu gewährleisten, und gleichzeitig nicht zu weit, sodass sie die Siedlungen während Zeiten von Epidemien leicht erreichen konnten, um Hilfe zu leisten und Almosen zu sammeln.
Um die Anfänge der Kapuziner in Bigorio ranken sich Legenden. Man erzählt sich etwa, dass im Winter 1570 so viel Schnee gefallen war, dass die Brüder ohne Nahrung dastanden. Zwei Esel, die Bernardo Coletti gehörten und mit Proviant beladen waren, stiegen von selbst durch den Schnee hinauf und erregten die Aufmerksamkeit der Brüder, indem sie «mit den Köpfen gegen die Tür stießen». Das Ereignis inspirierte die Darstellung, die noch heute die Eingangstür schmückt und zwei Engel zeigt, die sanft an der Klosterglocke ziehen. Auch eine lateinische Inschrift findet sich dort, die sinngemäß lautet: «Bei starkem Schneefall waren es die Engel, die den Brüdern in ihrer Not beistanden.» Das Bedürfnis, die Anwesenheit der Esel als himmlische Erscheinung zu deuten, ist verständlich, doch Tatsache ist auch, dass die Esel auf die Brüder wie ein Geschenk des Himmels gewirkt haben mussten.
Die Renovierung von 1760 verlieh dem Kloster sein bis heute erhaltenes und unverwechselbares Äußeres und Inneres. Als 1966 beschlossen wurde, das Kloster für Schulungen für Laien zu öffnen, betraf eine Renovierung die Sanitäranlagen, die Zentralheizung und vieles mehr. Die Zellen behielten jedoch die in den Kapuzinerkonstitutionen vorgeschriebenen begrenzten Abmessungen, und die Kirche selbst ist von schlichter Form: Sie besteht aus einem einzigen Raum mit Gewölbedecke und zwei Seitenkapellen. Diese sind, wie der Altarraum, vom Mittelschiff durch eine hölzerne Balustrade mit Holztor getrennt. Der vollständig aus Holz gefertigte Hochaltar rahmt ein schönes Bild der Madonna mit Kind ein. Der Überlieferung nach schenkte es der König von Sardinien einem seiner Höflinge, der hier in den Gründungsjahren des Klosters Kapuziner wurde.
Jahrhundertelang pflegten die Brüder des Klosters als Seelsorger eine sehr enge Beziehung zur Bevölkerung der umliegenden Dörfer, die sie besuchten, um beispielsweise zu predigen oder die Beichte zu hören. Alte Chroniken belegen, dass die Einheimischen die Brüder mehrmals unterstützten, indem sie Baumaterialien für den Ausbau bis zum Kloster hinaufbrachten. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, war es zudem unerlässlich, dass die Brüder ins Tal hinabsteigen und um Almosen bitten konnten. Ein kleines Handbuch stand den Brüdern zur Verfügung, in dem beschrieben war, wo und zu welcher Jahreszeit sie um Eier, Butter, Wein und andere lebensnotwendige Güter bitten konnten. Die örtliche Gemeinschaft zählte kaum je mehr als zehn Brüder und diente mehrmals als Noviziatskonvent.
Es waren die Brüder der italienischen Schweiz unter der Leitung ihres jungen Oberen, Pater Callisto Caldelari, die beschlossen, dieses alte Gebäude für verschiedene Aktivitäten zur Verfügung zu stellen, darunter religiöse, kulturelle und soziale. So erlebte das Haus ab der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre, nach den bereits erwähnten Renovierungsarbeiten, einen stetigen Zustrom verschiedener Gruppen, die einen oder mehrere Tage im Kloster verbrachten, um an Bildungsangeboten der Brüder oder anderer gastgebender Organisationen teilzunehmen.
Im Laufe der Zeit lebten immer weniger Kapuzinerbrüder vor Ort, und es wurden mehr Mitarbeitende von außerhalb eingestellt, die verschiedene Dienstleistungen wie Sekretariat, Kochen oder Hauswirtschaft übernahmen. Über fünfzig Jahre lang wurde das Haus von Bruder Roberto Pasotti geleitet. Seit einigen Jahren ist die Klosterkirche Santa Maria ein Wallfahrtsort, betreut von Pater Michele Ravetta, der einzige dort derzeit lebende Bruder. Die Leitung des Hauses wurde einem Laien anvertraut.
Bigorio genießt im Tessin und in der ganzen Schweiz ein hohes Ansehen und viel Anerkennung. Auch Gruppen aus dem Ausland besuchen das Haus gelegentlich. Es bietet Platz für bis zu 30 Personen. Die abgeschiedene Lage und die schlichte, ja fast asketische Architektur schaffen eine Atmosphäre, die es möglich macht, konzentriert und ohne Ablenkungen zu arbeiten. 1987 beschädigte ein Brand das Gebäude schwer, doch dank der Solidarität vieler Freunde und der Schweizer Kapuzinerprovinz konnte es nicht nur wiederhergestellt werden, sondern seinen Auf gaben ab da noch besser nachkommen als zuvor. Seit einigen Jahren wird das Kloster von einem engagierten Freundeskreis, dem Verein «Freunde von Bigorio», unterstützt. Seine Mitglieder engagieren sich regelmäßig für die Förderung und Verbesserung verschiedener Aktivitäten im Haus. Der Verein zählt derzeit über 650 Mitglieder. Eigentümer des Klosters ist weiterhin die Kapuzinervereinigung der italienischsprachigen Schweiz.
Text: Br. Mauro Jöhri
Der Text wurde ursprünglich in italienischer Sprache verfasst und von der Redaktion des Franziskuskalenders, in der der Beitrag zuerst erschienen ist, übersetzt. Der Autor, geboren 1947, war ab 1995 Provinzial der Schweizer Kapuziner und von 2006 bis 2018 Generalminister des gesamten Ordens in Rom.
