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13. August 2026

Kloster Bigorio: die Wurzeln der Schweizer Kapuziner

Das ers­te Kapu­zi­ner­klos­ter der Schweiz lockt im Tes­sin heu­te Men­schen zu Aus­bil­dungs- und Exer­zi­ti­en­ta­gen in die luf­ti­ge Höhe. Der beson­de­re Ort ist ein­drück­li­cher Zeu­ge kapu­zi­ni­scher Spiritualität. 

Von unten und aus der Fer­ne betrach­tet, wirkt das Klos­ter Bigo­rio mit sei­ner impo­san­ten Grö­ße eher wie eine Fes­tung als ein Kapu­zi­ner­klos­ter. Dabei war es das ers­te Kapu­zi­ner­klos­ter der Schweiz, gegrün­det 1535, weni­ge Jah­re nach­dem Papst Cle­mens VII. 1528 die Reform­be­we­gung ein­zel­ner Brü­der der Obser­vanz mit der Bul­le «Reli­gio­nis zelus» bestä­tigt hat­te. Aller­dings erhielt das Klos­ter sein heu­ti­ges Aus­se­hen erst 1760, und sein Archi­tekt, Giu­sep­pe Cares­a­na da Cure­glia, war ein Exper­te für Mili­tär­bau­ten. Vor die­sem Umbau muss die Resi­denz der Brü­der sehr beschei­den gewe­sen sein. Man­che mein­ten sogar, sie habe eher wie ein Bau­ern­haus als wie ein Klos­ter ausgesehen.

Die ers­ten Kapu­zi­ner, die dort­hin hin­auf­stie­gen und sich in mit­ten eines wun­der­schö­nen Kas­ta­ni­en­hains nie­der­lie­ßen, wähl­ten die­sen Ort ver­mut­lich aus min­des­tens zwei Grün­den: Zum einen gab es dort eine Kir­che mit einem roma­ni­schen Glo­cken­turm, zum ande­ren ent­sprach die Abge­schie­den­heit ide­al ihrem streng zurück­ge­zo­ge­nen Lebens­stil. Um die­ses Got­tes­haus her­um errich­te­ten sie ihre ein­fa­chen Zel­len aus Wei­den­ge­flecht und Lehm. Zudem bot die­ser Ort den Vor­teil, weit genug von den Dör­fern ent­fernt zu sein, um eine Atmo­sphä­re tie­fer Kon­tem­pla­ti­on zu gewähr­leis­ten, und gleich­zei­tig nicht zu weit, sodass sie die Sied­lun­gen wäh­rend Zei­ten von Epi­de­mien leicht errei­chen konn­ten, um Hil­fe zu leis­ten und Almo­sen zu sammeln.

Um die Anfän­ge der Kapu­zi­ner in Bigo­rio ran­ken sich Legen­den. Man erzählt sich etwa, dass im Win­ter 1570 so viel Schnee gefal­len war, dass die Brü­der ohne Nah­rung dastan­den. Zwei Esel, die Ber­nar­do Colet­ti gehör­ten und mit Pro­vi­ant bela­den waren, stie­gen von selbst durch den Schnee hin­auf und erreg­ten die Auf­merk­sam­keit der Brü­der, indem sie «mit den Köp­fen gegen die Tür stie­ßen». Das Ereig­nis inspi­rier­te die Dar­stel­lung, die noch heu­te die Ein­gangs­tür schmückt und zwei Engel zeigt, die sanft an der Klos­ter­glo­cke zie­hen. Auch eine latei­ni­sche Inschrift fin­det sich dort, die sinn­ge­mäß lau­tet: «Bei star­kem Schnee­fall waren es die Engel, die den Brü­dern in ihrer Not bei­stan­den.» Das Bedürf­nis, die Anwe­sen­heit der Esel als himm­li­sche Erschei­nung zu deu­ten, ist ver­ständ­lich, doch Tat­sa­che ist auch, dass die Esel auf die Brü­der wie ein Geschenk des Him­mels gewirkt haben mussten.

Die Reno­vie­rung von 1760 ver­lieh dem Klos­ter sein bis heu­te erhal­te­nes und unver­wech­sel­ba­res Äuße­res und Inne­res. Als 1966 beschlos­sen wur­de, das Klos­ter für Schu­lun­gen für Lai­en zu öff­nen, betraf eine Reno­vie­rung die Sani­tär­an­la­gen, die Zen­tral­hei­zung und vie­les mehr. Die Zel­len behiel­ten jedoch die in den Kapu­zi­ner­kon­sti­tu­tio­nen vor­ge­schrie­be­nen begrenz­ten Abmes­sun­gen, und die Kir­che selbst ist von schlich­ter Form: Sie besteht aus einem ein­zi­gen Raum mit Gewöl­be­de­cke und zwei Sei­ten­ka­pel­len. Die­se sind, wie der Altar­raum, vom Mit­tel­schiff durch eine höl­zer­ne Balus­tra­de mit Holz­tor getrennt. Der voll­stän­dig aus Holz gefer­tig­te Hoch­al­tar rahmt ein schö­nes Bild der Madon­na mit Kind ein. Der Über­lie­fe­rung nach schenk­te es der König von Sar­di­ni­en einem sei­ner Höf­lin­ge, der hier in den Grün­dungs­jah­ren des Klos­ters Kapu­zi­ner wurde.

Jahr­hun­der­te­lang pfleg­ten die Brü­der des Klos­ters als Seel­sor­ger eine sehr enge Bezie­hung zur Bevöl­ke­rung der umlie­gen­den Dör­fer, die sie besuch­ten, um bei­spiels­wei­se zu pre­di­gen oder die Beich­te zu hören. Alte Chro­ni­ken bele­gen, dass die Ein­hei­mi­schen die Brü­der mehr­mals unter­stütz­ten, indem sie Bau­ma­te­ria­li­en für den Aus­bau bis zum Klos­ter hin­auf­brach­ten. Um ihren Lebens­un­ter­halt zu sichern, war es zudem uner­läss­lich, dass die Brü­der ins Tal hin­ab­stei­gen und um Almo­sen bit­ten konn­ten. Ein klei­nes Hand­buch stand den Brü­dern zur Ver­fü­gung, in dem beschrie­ben war, wo und zu wel­cher Jah­res­zeit sie um Eier, But­ter, Wein und ande­re lebens­not­wen­di­ge Güter bit­ten konn­ten. Die ört­li­che Gemein­schaft zähl­te kaum je mehr als zehn Brü­der und dien­te mehr­mals als Noviziatskonvent.

Es waren die Brü­der der ita­lie­ni­schen Schweiz unter der Lei­tung ihres jun­gen Obe­ren, Pater Cal­lis­to Cal­del­ari, die beschlos­sen, die­ses alte Gebäu­de für ver­schie­de­ne Akti­vi­tä­ten zur Ver­fü­gung zu stel­len, dar­un­ter reli­giö­se, kul­tu­rel­le und sozia­le. So erleb­te das Haus ab der zwei­ten Hälf­te der Sech­zi­ger­jah­re, nach den bereits erwähn­ten Reno­vie­rungs­ar­bei­ten, einen ste­ti­gen Zustrom ver­schie­de­ner Grup­pen, die einen oder meh­re­re Tage im Klos­ter ver­brach­ten, um an Bil­dungs­an­ge­bo­ten der Brü­der oder ande­rer gast­ge­ben­der Orga­ni­sa­tio­nen teilzunehmen.

Im Lau­fe der Zeit leb­ten immer weni­ger Kapu­zi­ner­brü­der vor Ort, und es wur­den mehr Mit­ar­bei­ten­de von außer­halb ein­ge­stellt, die ver­schie­de­ne Dienst­leis­tun­gen wie Sekre­ta­ri­at, Kochen oder Haus­wirt­schaft über­nah­men. Über fünf­zig Jah­re lang wur­de das Haus von Bru­der Rober­to Pasot­ti gelei­tet. Seit eini­gen Jah­ren ist die Klos­ter­kir­che San­ta Maria ein Wall­fahrts­ort, betreut von Pater Miche­le Ravet­ta, der ein­zi­ge dort der­zeit leben­de Bru­der. Die Lei­tung des Hau­ses wur­de einem Lai­en anvertraut.

Bigo­rio genießt im Tes­sin und in der gan­zen Schweiz ein hohes Anse­hen und viel Aner­ken­nung. Auch Grup­pen aus dem Aus­land besu­chen das Haus gele­gent­lich. Es bie­tet Platz für bis zu 30 Per­so­nen. Die abge­schie­de­ne Lage und die schlich­te, ja fast aske­ti­sche Archi­tek­tur schaf­fen eine Atmo­sphä­re, die es mög­lich macht, kon­zen­triert und ohne Ablen­kun­gen zu arbei­ten. 1987 beschä­dig­te ein Brand das Gebäu­de schwer, doch dank der Soli­da­ri­tät vie­ler Freun­de und der Schwei­zer Kapu­zi­ner­pro­vinz konn­te es nicht nur wie­der­her­ge­stellt wer­den, son­dern sei­nen Auf gaben ab da noch bes­ser nach­kom­men als zuvor. Seit eini­gen Jah­ren wird das Klos­ter von einem enga­gier­ten Freun­des­kreis, dem Ver­ein «Freun­de von Bigo­rio», unter­stützt. Sei­ne Mit­glie­der enga­gie­ren sich regel­mä­ßig für die För­de­rung und Ver­bes­se­rung ver­schie­de­ner Akti­vi­tä­ten im Haus. Der Ver­ein zählt der­zeit über 650 Mit­glie­der. Eigen­tü­mer des Klos­ters ist wei­ter­hin die Kapu­zi­ner­ver­ei­ni­gung der ita­lie­nisch­spra­chi­gen Schweiz. 

Text: Br. Mau­ro Jöhri

Der Text wur­de ursprüng­lich in ita­lie­ni­scher Spra­che ver­fasst und von der Redak­ti­on des Fran­zis­kus­ka­len­ders, in der der Bei­trag zuerst erschie­nen ist, über­setzt. Der Autor, gebo­ren 1947, war ab 1995 Pro­vin­zi­al der Schwei­zer Kapu­zi­ner und von 2006 bis 2018 Gene­ral­mi­nis­ter des gesam­ten Ordens in Rom. 

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