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6. Novem­ber 2025

Leidenschaftliche Liebe: Der Himmel kann warten

Die lei­den­schaft­li­che Lie­be fas­zi­niert, berauscht, ist unge­heu­er kraft­voll. Ist sie eine Kon­kur­renz zur Got­tes­lie­be? Ein Bei­trag der Theo­lo­gin Mar­ti­na Kreid­ler-Kos aus Osnabrück. 

Hand aufs Herz, wenn wir von Lei­den­schaft reden, dann am liebs­ten von einer Lie­be, die uns erwischt, ohne uns zu fra­gen, die uns packt und nicht mehr los­lässt, die uns schüt­telt, beu­telt, bren­nen lässt, die uns zum Nar­ren hält und uns von Kopf bis Fuß und bis in die letz­te Faser unse­res Her­zens selig macht. Die­se glü­hen­de Sehn­sucht in See­le, Herz und Leib! Es ist die­se Lei­den­schaft, die uns am meis­ten fas­zi­niert und bean­sprucht, am tiefs­ten ver­stört und berauscht, am gründ­lichs­ten glück­lich oder unglück­lich macht. Und der im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes eine unge­heu­re Kraft innewohnt.

Die­se Kraft ist tat­säch­lich ihre Stär­ke. Kein Film wird ein Kas­sen­schla­ger ohne lei­den­schaft­li­che Momen­te. „Sex sells“, das wis­sen Wer­be­stra­te­gen nur all­zu gut, und über kein ande­res The­ma kön­nen Freun­din­nen län­ger quat­schen, ein Dorf aus­führ­li­cher tuscheln, Spots oder Nach­rich­ten höhe­re Quo­ten erzie­len. Nichts mobi­li­siert uns so, wie die ero­ti­sche, lei­den­schaft­li­che Lie­be: Dafür las­sen wir alles ste­hen und lie­gen, wir rei­sen bis ans Ende der Welt, wir holen ein­an­der die Ster­ne vom Him­mel – ohne auch nur ein­mal nach der Effi­zi­enz zu fra­gen. Da ist die­ser eine Mensch und wir wür­den alles für ihn tun.

Wie gut, dass es die­se star­ke, exklu­si­ve Form der Lie­be gibt. Zunei­gung kann ich zu vie­len Men­schen ent­wi­ckeln, Freund­schaf­ten kön­nen in man­che Rich­tun­gen gepflegt wer­den. Lei­den­schaft­li­che Lie­be dage­gen ist abso­lut und exklu­siv. Wer gera­de bis über bei­de Ohren ver­liebt ist, ver­liebt sich nicht noch ein­mal. Im bes­ten Fall gilt das für ein gan­zes Leben. Dort, wo die Lie­be exklu­siv wird, ent­fal­tet sie ihre gan­ze Kraft. Sie ver­langt und genießt und beschützt immer ein ein­zel­nes Gegen­über. Und das auf rät­sel­haf­te Wei­se: „Was ist so Beson­de­res an ihm?“ oder „Was fin­dest du nur an ihr?“, das kön­nen immer nur die ande­ren fra­gen. Ob die­ser Mensch groß ist oder klein, dick oder dünn, blond oder schwarz – er oder sie ist auf alle Fäl­le gold­rich­tig. Nie ist man Gott dank­ba­rer für sei­ne gelun­ge­ne Schöp­fung, nie hält man den Schöp­fer für groß­ar­ti­ger, als wenn man in den Armen des gelieb­ten Men­schen liegt.

Und doch ist es selt­sam. Die lei­den­schaft­li­che Lie­be ist durch alle Zei­ten hin­durch als Kon­kur­ren­tin zur Got­tes­lie­be betrach­tet wor­den. Das hat ver­mut­lich mit ihrer Tota­li­tät zu tun: Es gibt Momen­te, da ist Sehn­sucht gestillt, da gibt es das voll­kom­me­ne Glück. Da brau­chen wir nichts mehr als nur die­sen einen Men­schen, um mit dem Leben im Rei­nen zu sein. Es gibt Momen­te, da muss selbst der Him­mel war­ten, weil zwei Men­schen sich genug sind. Aber wer weiß, viel­leicht steht der Him­mel ja ger­ne zurück, wenn es um die Lie­be geht? Wo Gott selbst doch die Lie­be ist.

Ver­mut­lich liegt das Pro­blem tat­säch­lich auf unse­rer und nicht auf Got­tes Sei­te. Wir sind und waren immer dabei, lei­den­schaft­li­che Lie­be zu zen­sie­ren, zu bän­di­gen, zu sank­tio­nie­ren. Und sicher: Es gibt so viel Miss­brauch, so viel Gewalt, so unge­heu­re Zer­stö­run­gen, die sie eben auch anrich­ten kann. Aber in ihrem Kern ist die­se Lie­be der Lie­be Got­tes sehr, sehr ähn­lich. Sagt sie doch auch: Ich lie­be dich so, wie du bist und ich lie­be dich ganz.

In Umbri­en ist lan­ge nach Franz und Kla­ra ein Volks­lied ent­stan­den, das von die­ser Ver­mu­tung erzählt. Auch wenn sie nichts mit dem his­to­ri­schen Fran­zis­kus zu tun hat, trägt die­se Legen­de eine tie­fe Wahr­heit in sich. Eines Tages sag­te Fran­zis­kus wei­nend zu sei­nem Herrn:

Ich lie­be die Son­ne und die Sterne.
Ich lie­be Kla­ra und die Schwestern.
Ich lie­be das Herz der Menschen
und alle schö­nen Din­ge, mein Gott.
Du sollst mir verzeihen,
denn nur dich soll­te ich lieben

Jesus schau­te Fran­zis­kus lan­ge an und sag­te dann zu ihm:

Ich lie­be die Son­ne und die Sterne.
Ich lie­be Kla­ra und die Schwestern.
Ich lie­be das Herz der Menschen
und alle schö­nen Din­ge, mein Franziskus.
Du sollst nicht mehr weinen,
denn ich lie­be das­sel­be wie du.

Viel­leicht ist das der Schlüs­sel, mit dem wir die lei­den­schaft­li­che Lie­be weder zäh­men noch klein­re­den, weder ver­dam­men noch über­hö­hen müs­sen: Wo sie hin­fällt, wo sie ergrif­fen und gestal­tet wird, wo sie erlit­ten, erneu­ert, behü­tet, genos­sen, gefei­ert, gelebt wird, da ist Gott spür­bar. Da bekom­men wir Men­schen­kin­der eine lei­se Ahnung davon, wie stark sei­ne Lie­be zu uns wirk­lich ist. O ja, der Him­mel kann auf Lie­ben­de war­ten. Er mag es sogar tun. Weil er schon längst mit­ten unter ihnen ist.

 

Zur Per­son: Mar­ti­na Kreid­ler-Kos ist Theo­lo­gin und Lei­te­rin des Seel­sor­ge­amts im Bis­tum Osna­brück. Sie ist Exper­tin für fran­zis­ka­nisch-kla­ria­ni­sche Spi­ri­tua­li­tät und Autorin zahl­rei­cher Bücher. Ihr Text ist zuerst in cap! erschie­nen, dem Maga­zin der Kapuziner. 

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