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Leidenschaftliche Liebe: Der Himmel kann warten
Die leidenschaftliche Liebe fasziniert, berauscht, ist ungeheuer kraftvoll. Ist sie eine Konkurrenz zur Gottesliebe? Ein Beitrag der Theologin Martina Kreidler-Kos aus Osnabrück.
Hand aufs Herz, wenn wir von Leidenschaft reden, dann am liebsten von einer Liebe, die uns erwischt, ohne uns zu fragen, die uns packt und nicht mehr loslässt, die uns schüttelt, beutelt, brennen lässt, die uns zum Narren hält und uns von Kopf bis Fuß und bis in die letzte Faser unseres Herzens selig macht. Diese glühende Sehnsucht in Seele, Herz und Leib! Es ist diese Leidenschaft, die uns am meisten fasziniert und beansprucht, am tiefsten verstört und berauscht, am gründlichsten glücklich oder unglücklich macht. Und der im wahrsten Sinne des Wortes eine ungeheure Kraft innewohnt.
Diese Kraft ist tatsächlich ihre Stärke. Kein Film wird ein Kassenschlager ohne leidenschaftliche Momente. „Sex sells“, das wissen Werbestrategen nur allzu gut, und über kein anderes Thema können Freundinnen länger quatschen, ein Dorf ausführlicher tuscheln, Spots oder Nachrichten höhere Quoten erzielen. Nichts mobilisiert uns so, wie die erotische, leidenschaftliche Liebe: Dafür lassen wir alles stehen und liegen, wir reisen bis ans Ende der Welt, wir holen einander die Sterne vom Himmel – ohne auch nur einmal nach der Effizienz zu fragen. Da ist dieser eine Mensch und wir würden alles für ihn tun.
Wie gut, dass es diese starke, exklusive Form der Liebe gibt. Zuneigung kann ich zu vielen Menschen entwickeln, Freundschaften können in manche Richtungen gepflegt werden. Leidenschaftliche Liebe dagegen ist absolut und exklusiv. Wer gerade bis über beide Ohren verliebt ist, verliebt sich nicht noch einmal. Im besten Fall gilt das für ein ganzes Leben. Dort, wo die Liebe exklusiv wird, entfaltet sie ihre ganze Kraft. Sie verlangt und genießt und beschützt immer ein einzelnes Gegenüber. Und das auf rätselhafte Weise: „Was ist so Besonderes an ihm?“ oder „Was findest du nur an ihr?“, das können immer nur die anderen fragen. Ob dieser Mensch groß ist oder klein, dick oder dünn, blond oder schwarz – er oder sie ist auf alle Fälle goldrichtig. Nie ist man Gott dankbarer für seine gelungene Schöpfung, nie hält man den Schöpfer für großartiger, als wenn man in den Armen des geliebten Menschen liegt.
Und doch ist es seltsam. Die leidenschaftliche Liebe ist durch alle Zeiten hindurch als Konkurrentin zur Gottesliebe betrachtet worden. Das hat vermutlich mit ihrer Totalität zu tun: Es gibt Momente, da ist Sehnsucht gestillt, da gibt es das vollkommene Glück. Da brauchen wir nichts mehr als nur diesen einen Menschen, um mit dem Leben im Reinen zu sein. Es gibt Momente, da muss selbst der Himmel warten, weil zwei Menschen sich genug sind. Aber wer weiß, vielleicht steht der Himmel ja gerne zurück, wenn es um die Liebe geht? Wo Gott selbst doch die Liebe ist.
Vermutlich liegt das Problem tatsächlich auf unserer und nicht auf Gottes Seite. Wir sind und waren immer dabei, leidenschaftliche Liebe zu zensieren, zu bändigen, zu sanktionieren. Und sicher: Es gibt so viel Missbrauch, so viel Gewalt, so ungeheure Zerstörungen, die sie eben auch anrichten kann. Aber in ihrem Kern ist diese Liebe der Liebe Gottes sehr, sehr ähnlich. Sagt sie doch auch: Ich liebe dich so, wie du bist und ich liebe dich ganz.
In Umbrien ist lange nach Franz und Klara ein Volkslied entstanden, das von dieser Vermutung erzählt. Auch wenn sie nichts mit dem historischen Franziskus zu tun hat, trägt diese Legende eine tiefe Wahrheit in sich. Eines Tages sagte Franziskus weinend zu seinem Herrn:
Ich liebe die Sonne und die Sterne.
Ich liebe Klara und die Schwestern.
Ich liebe das Herz der Menschen
und alle schönen Dinge, mein Gott.
Du sollst mir verzeihen,
denn nur dich sollte ich lieben
Jesus schaute Franziskus lange an und sagte dann zu ihm:
Ich liebe die Sonne und die Sterne.
Ich liebe Klara und die Schwestern.
Ich liebe das Herz der Menschen
und alle schönen Dinge, mein Franziskus.
Du sollst nicht mehr weinen,
denn ich liebe dasselbe wie du.
Vielleicht ist das der Schlüssel, mit dem wir die leidenschaftliche Liebe weder zähmen noch kleinreden, weder verdammen noch überhöhen müssen: Wo sie hinfällt, wo sie ergriffen und gestaltet wird, wo sie erlitten, erneuert, behütet, genossen, gefeiert, gelebt wird, da ist Gott spürbar. Da bekommen wir Menschenkinder eine leise Ahnung davon, wie stark seine Liebe zu uns wirklich ist. O ja, der Himmel kann auf Liebende warten. Er mag es sogar tun. Weil er schon längst mitten unter ihnen ist.
Zur Person: Martina Kreidler-Kos ist Theologin und Leiterin des Seelsorgeamts im Bistum Osnabrück. Sie ist Expertin für franziskanisch-klarianische Spiritualität und Autorin zahlreicher Bücher. Ihr Text ist zuerst in cap! erschienen, dem Magazin der Kapuziner.
