Standpunkte

FOTO: KAPUZINER/ANITA LEDERSBERGER

BR. STEFAN WALSER

ist seit 2006 Kapu­zi­ner. Der Theo­lo­ge ist Juni­or­pro­fes­sor für Fun­da­men­tal­theo­lo­gie und christ­li­che Iden­ti­tä­ten an der Uni in Bonn. Er lebt im Kapu­zi­ner­kon­vent in Frank­furt am Main.

26. Mai 2026

Magnifica humanitas: Ein Hoch auf das Menschsein

Die ers­te Enzy­kli­ka von Papst Leo ist da: Magni­fi­ca huma­ni­tas. Der Kapu­zi­ner und Theo­lo­gie-Pro­fes­sor Br. Ste­fan Wal­ser fin­det: Ein gro­ßes Schrei­ben über das noch groß­ar­ti­ge­re Menschsein. 

Mit Span­nung wur­de die ers­te Enzy­kli­ka – das ers­te gro­ße Schrei­ben – von Papst Leo XIV. erwar­tet. Es soll­te um ethi­sche Fra­gen rund um Künst­li­che Intel­li­genz gehen, soviel war schon im Vor­feld durch­ge­si­ckert. Der Text selbst aber war bis Pfingst­mon­tag­mit­tag unter Ver­schluss. Auch bei mir stieg die Neu­gier und so hab ich vor­ab einen Chat­bot gefragt, was die Grund­the­se der noch unbe­kann­ten Enzy­kli­ka sein wird. Die Ant­wort der KI: „KI kann mensch­li­che Fähig­kei­ten unter­stüt­zen, darf aber nie­mals den Men­schen auf Daten, Effi­zi­enz oder Bere­chen­bar­keit reduzieren.“

Gar nicht so schlecht. Wie immer ist die KI-Ant­wort ten­den­zi­ell rich­tig, aber zu all­ge­mein und unkon­kret. Immer­hin deu­tet die künst­lich-intel­li­gen­te Ant­wort schon die päpst­li­che Ant­wort an: KI ist weder ein­fach schlecht, noch gene­rell gut. Die Enzy­kli­ka Magni­fi­ca huma­ni­tas – über­setzt: „die groß­ar­ti­ge Mensch­heit“ – aber ist ungleich differenzierter.

In den ers­ten bei­den Kapi­tel bie­tet Leo XIV. eine umfas­sen­de Ein­füh­rung in die Geschich­te der katho­li­schen Sozi­al-Enzy­kli­ken, die mit sei­nem Namens­vor­gän­ger Leo XIII. 1891 begon­nen hat, und legt noch­mal die Prin­zi­pi­en der katho­li­schen Sozi­al­leh­re dar: Men­schen­wür­de und Men­schen­rech­te, Ori­en­tie­rung am Gemein­wohl, sozia­le Gerech­tig­keit, Soli­da­ri­tät. Doch die­se Kapi­tel sind kein lang­wie­ri­ger Rück­blick. Der Papst sagt damit viel­mehr: Lass uns mal mit der „Neu­heit“ von KI auch nicht über­trei­ben. Der Glau­be stand zu jeder Zeit vor neu­en sozia­len Her­aus­for­de­run­gen, etwa der Indus­tria­li­sie­rung, der Welt­krie­ge, der glo­ba­len Armut, der öko­lo­gi­schen Kri­se und vie­lem mehr. Und immer fan­den sich in der ehr­li­chen Rück­be­sin­nung auf die Wer­te des Evan­ge­li­ums, Impul­se, um mit Neue­run­gen krea­tiv, ver­ant­wort­lich und hoff­nungs­voll umzugehen.

Des­we­gen beschreibt Papst Leo auch kei­ne tech­ni­schen Details von Digi­ta­li­sie­rung und Künst­li­cher Intel­li­genz und erklärt nicht, wie ein Algo­rith­mus funk­tio­niert. Das ist klug, denn dies hät­te im Ver­gleich zu der Bot­schaft, die er bei­steu­ern kann, eine nur kur­ze Halb­werts­zeit. Die wirk­li­che Stär­ke der Enzy­kli­ka ist dage­gen der enorm brei­te Hori­zont und die päpst­lich-intel­li­gen­te Ver­net­zung des Phä­no­mens künst­li­cher Intel­li­genz. KI ist eben nicht nur hilf­reich oder gefähr­lich. KI hat mit sozia­len Unge­rech­tig­kei­ten zu tun, hat posi­ti­ve oder nega­ti­ven Ein­fluss auf Gesund­heit, auf Arbeits­plät­ze, auf Erzie­hung und Bil­dung, auf Jour­na­lis­mus und Demo­kra­tie, auf Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit und sexu­el­le Aus­beu­tung, auf Öko­lo­gie, auf Spi­ri­tua­li­tät, auf Men­schen­rech­te, auf moder­ne Skla­ve­rei, auf Kriegs­füh­rung und auf glo­ba­len Frie­den. Die­se Ver­net­zun­gen und Dyna­mi­ken auf­zu­zei­gen und immer wie­der auf kri­ti­sche Punk­te hin­zu­wei­sen – etwa mehr­fach auf die über­stei­ger­te Macht weni­ger Tech-Unter­neh­mer –, macht die­se Enzy­kli­ka so grund­le­gend und ergiebig.

So ist die KI-Enzy­kli­ka in Wirk­lich­keit eine Frie­dens-Enzy­kli­ka, eine Soli­da­ri­täts-Enzy­kli­ka, vor allem aber eine Mensch­heits-Enzy­kli­ka: Magni­fi­ca huma­ni­tas. Gera­de vor dem Hin­ter­grund der Tech­ni­sie­rung scheint die Ein­zig­ar­tig­keit des Mensch­seins auf: „Für einen Algo­rith­mus ist ein Feh­ler etwas, das kor­ri­giert wer­den muss; für einen Men­schen kann er der Beginn einer tief­grei­fen­den Ver­än­de­rung sein. Die Zukunft eines Men­schen ist nicht bere­chen­bar. Sie ist sei­ner Frei­heit anver­traut, die durch die uner­schöpf­li­che Gna­de Got­tes erho­ben wird, sowie den Bezie­hun­gen, die er pflegt.“ (Nr. 128).

Die Enzy­kli­ka ist mit ihren 245 num­me­rier­ten Abschnit­ten und den vie­len Aspek­ten rela­tiv lang und füllt in Buch­form ver­mut­lich gut 100 Sei­ten. Bis ich den Text müh­sam selbst gele­sen habe, wuss­te die KI läng­ts über alle Inhal­te, Ein­schät­zun­gen und Kri­tik­punk­te des Paps­tes Bescheid. So habe ich dann nach mei­ner ana­lo­gen Lek­tü­re die KI gefragt, wie „zufrie­den“ sie nun mit dem sei, was der Papst da über sie schreibt. KI-Ant­wort: „Ich habe kei­ne per­sön­li­chen Über­zeu­gun­gen oder Gefüh­le und kann daher nicht zufrie­den oder unzu­frie­den sein.“ Genau das ist der Punkt – und das beschreibt Leo XVI tref­fen­der als es ein Chat­bot je könn­te: „Soge­nann­te Künst­li­che Intel­li­gen­zen machen kei­ne Erfah­run­gen, besit­zen kei­nen Leib, emp­fin­den weder Freu­de noch Schmerz, rei­fen nicht in Bezie­hun­gen, wis­sen nicht von ihrem Inne­ren her, was Lie­be, Arbeit, Freund­schaft und Ver­ant­wor­tung bedeu­tet […]. Sie erfas­sen nicht den tie­fe­ren Sinn von Situa­tio­nen, sie neh­men die Last der Kon­se­quen­zen nicht auf sich. Sie […] bewe­gen sich nicht in jenem affek­ti­ven, rela­tio­na­len und geis­ti­gen Hori­zont, in dem der Mensch zur Weis­heit gelangt.“ (Nr. 99)

Die ers­te Enzy­kli­ka von Papst Leo ist bei allen sozia­len Pro­ble­men der Gegen­wart vor allem eines: ein Hoch auf das Menschsein.

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