Interview
22. Juli 2025

Meine Berufung? Über Sehnsucht, Geheimnis und Zweifel

Was ist mei­ne Beru­fung? Die­se Fra­ge stel­len sich vie­le. Br. Tho­mas Schied und Br. Jens Kusen­berg aus Salz­burg und Frank­furt beant­wor­ten sie mit ihrem Leben und Wir­ken als Kapuziner. 

Beru­fung ist ein gro­ßes Wort. Was bedeu­tet es konkret?

Br. Tho­mas Schied: Einer­seits steckt in dem Wort Beru­fung der „Ruf “ drin. In jedem Men­schen­le­ben gibt es so etwas wie ein Ein­ge­la­den­sein zu etwas. Gleich­zei­tig ist die­ser Ruf nicht etwas, was von außen kommt oder vom Him­mel fällt, son­dern der im Inne­ren des Men­schen wächst. Er muss ent­deckt wer­den, sodass ein Mensch am Schluss sagen kann: das ist meins, die­se oder jene Lebens­form ist die mei­ne. Und das gilt natür­lich nicht nur für geist­li­che Beru­fe und Beru­fun­gen, son­dern auch in Fami­li­en und Bezie­hun­gen. Oder wenn es um mein Enga­ge­ment oder einen Beruf geht.

Br. Jens Kusen­berg: Ja, das sehe ich ähn­lich. Beru­fung hat sowohl etwas damit zu tun, dass die­ser Ruf von Außen an mich her­an­ge­tra­gen wird. Aber es geht auch um die Reak­ti­on, und vor allem um das, was in mir selbst ange­legt ist. Bei einer geist­li­chen Beru­fung, aber auch bei ande­ren Beru­fun­gen, geht es am Ende dar­um, dass das, was ich anfan­ge zu leben, dem gerecht wer­den muss, was ich leben möch­te. Wenn das nicht zusam­men­passt, dann scheint es das nicht zu sein.

Ist es eine Art Vorbestimmung?

Br. Jens: Ich wür­de das nicht so for­mu­lie­ren. Ich glau­be dar­an, dass der Mensch ein frei­es Wesen ist und sich frei ver­hal­ten kann – manch­mal auch muss. Die­ses Sprach­spiel „Gott hat mich dazu beru­fen“ oder „das ist mein Schick­sal“, das fin­de ich erklärungsbedürftig.

Br. Tho­mas: Eine schwie­ri­ge Fra­ge. Ja, auch ich kann in einem Beru­fungs­ge­sche­hen kei­ne enge Vor­her­be­stim­mung sehen, das passt auch so gar nicht zu mei­nem Got­tes­bild. Aber ande­rer­seits gibt es doch den Moment, dass ein Mensch etwas mit­be­kommt. Viel­leicht kann man sagen, dass der Mensch so etwas wie eine Sehn­sucht mit­be­kommt. Ich kann von mir sagen, dass ich das schon sehr früh gespürt habe. Ich hat­te – ganz ohne aus einem reli­giö­sen Kon­text zu kom­men – schon früh ein Inter­es­se am Ordens­le­ben. Ich wür­de sagen: Es ist eine Mischung. Es ist viel­leicht so etwas wie eine inne­re Sehn­sucht, die ins Herz gelegt ist. Gleich­zei­tig hat ein Mensch die Frei­heit und die Auf­ga­be, die­ser Sehn­sucht nach­zu­ge­hen und zu schau­en, was das hei­ßen kann.

Davor habe ich mich gefürch­tet. Und doch wuss­te ich, dass es kei­ne Alter­na­ti­ve gibt.

Hat Gott etwas mit Ihnen vor?

Br. Jens: Da ant­wor­te ich erst ein­mal abs­trakt: Gott möch­te, dass ich ein erfüll­tes Leben füh­re. Und das kann sich ganz ver­schie­den zei­gen. Ich mer­ke für mich, dass ich ein zufrie­de­nes Leben als Kapu­zi­ner füh­re. Im Johan­nes­evan­ge­li­um steht: „Ich bin gekom­men, damit ihr das Leben habt und es in Fül­le habt.“ Das ist der grund­sätz­li­che Ruf.

Br. Tho­mas: Gott hat etwas vor mit dem Men­schen. Ich bin über­zeugt, dass Gott Bezie­hung will. Es geht in unse­rem christ­li­chen Glau­ben, noch bevor es um Reli­gi­on oder Moral geht, erst ein­mal um Bezie­hung, um einen Ruf hin­ein in die Gottesbeziehung.

Ändert sich die Beru­fung im Lau­fe des Lebens?

Br. Tho­mas: Es wird nie einen Punkt geben, an dem man sagen kann: Alles ist erle­digt. Hier ist der Platz, an dem Gott dich haben will und damit fer­tig. So eine Erfah­rung gibt es sicher immer wie­der mal auf einer Etap­pe, aber der Blick ins eige­ne Leben und der Blick in die Tra­di­ti­on und in die Bio­gra­fien der Hei­li­gen zeigt, dass da viel Bewe­gung und Dyna­mik drin ist. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir als Kapu­zi­ner als Gemein­schaft ein Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­pro­jekt leben. Die alten Brü­der kön­nen man­ches nicht mehr, was sie frü­her als ihre Beru­fung ver­wirk­licht haben. Und doch sind sie immer noch dazu beru­fen, Kapu­zi­ner zu sein. Aber ganz anders, als es vor vier­zig Jah­ren der Fall war.

Du musst Dein Leben selbst in die Hand neh­men. Nur Du bist verantwortlich.

Wenn es um den Ruf Got­tes geht: Wie ruft denn Gott ganz konkret?

Br. Tho­mas: Es gibt sovie­le Beru­fun­gen, wie es Men­schen gibt. Des­we­gen kann man das nur kon­kret und per­sön­lich beant­wor­ten. Bei mir war es die Sehn­sucht nach einem Ordens­le­ben. Auf ein­mal erleb­te ich ein Ange­spro­chen­sein, etwas ganz Kon­kre­tes, das mit mir zu tun hat­te. Das war auf einer Assi­si-Fahrt und ich war 16 Jah­re alt. Der Ruf war da, und mir war klar: Damit muss ich mich beschäf­ti­gen. Ins­ge­samt muss ich sagen: Es ist gar nicht so leicht, die­ses The­ma ins Wort zu brin­gen. Eini­ges kann ich erklä­ren, eini­ges nicht.

Bru­der Jens, wie war das bei Ihnen?

Br. Jens: Es geht mir wie Br. Tho­mas. Die Fra­ge der Beru­fung ist etwas sehr Inti­mes, zum Teil kommt man sel­ber gar nicht rich­tig ran. Auch mir feh­len oft die Wor­te, wenn ich über die­se Sehn­sucht und den soge­nann­ten Ruf spre­chen soll. Ich wür­de für mich nicht von einem Ruf oder einer inne­ren Stim­me spre­chen, son­dern von einer grund­le­gen­den Fra­ge für mein Leben, die plötz­lich auf­tauch­te. Eine exis­ten­zi­el­le Fra­ge, die ich für mich ganz kon­kret beant­wor­ten muss­te. Das hat gedau­ert, meh­re­re Jah­re, bis ich mich dann bei den Kapu­zi­nern gemel­det habe.

War­um ist es so schwer, die eige­ne Beru­fung in Wor­te zu fassen?

Br. Tho­mas: Eine gute Fra­ge. Es ist ja nicht so, dass wir uns dar­über kei­ne Gedan­ken machen. Wahr­schein­lich liegt es dar­an, dass wir, wenn wir über Beru­fung spre­chen, ganz nah am Geheim­nis des Men­schen dran sind. An der Fra­ge, was über dem Leben steht – im posi­ti­ven Sin­ne. Und manch­mal ist die Fra­ge dann doch ein­fa­cher zu beant­wor­ten als anfangs gedacht. Ich habe mal von einem Jesui­ten gele­sen, der gefragt wur­de, war­um er in die Gesell­schaft Jesu ein­ge­tre­ten ist. Sei­ne Ant­wort: „Weil ich das woll­te.“ Das fin­de ich super.

Br. Jens: Das gefällt mir auch. Wir haben vom Geheim­nis gespro­chen, vom inne­ren Ange­spro­chen-Sein. Und doch muss auch etwas ganz Prak­ti­sches dazu kom­men. Ich schaue mir die Lebens­form an, schaue mit Bauch­ge­fühl und Ver­stand hin und fra­ge mich: Kann ich so leben? Wie geht das mit dem Gehor­sam? Geht ein Leben in Ehe­lo­sig­keit, ohne Part­ner­schaft, ohne aus­ge­leb­te Sexua­li­tät? Wie ohne Eigen­tum? Und: In die­ser Gemeinschaft?

Hat Ihnen Ihre Beru­fung jemals Angst gemacht?

Br. Jens: Ja. Ich hat­te Angst. Denn ich wuss­te, wenn ich dem jetzt nach­ge­he, wird das, was gera­de ist, nicht mehr so sein. Davor habe ich mich gefürch­tet. Und doch wuss­te ich, dass es kei­ne Alter­na­ti­ve gibt. Ich muss da ran.

Br. Tho­mas: Am Anfang stand bei mir ein sehr deut­li­ches Erschre­cken. Ein Erschau­ern irgend­wie. Und die­se Momen­te kamen immer wie­der, denn die Kon­se-quen­zen vie­ler Ent­schei­dun­gen sind ja schon sehr radi­kal. Und gleich­zei­tig hat mich die Beru­fungs­fra­ge immer wie­der froh gemacht. Eine selt­sa­me Mischung.

Br. Jens: War­um die­ses Erschau­ern? Weil ich gemerkt habe: Du musst Dein Leben jetzt selbst in die Hand neh­men. Nie­mand ist dafür ver­ant­wort­lich, nur du selbst. Du musst ent­schei­den. Das ist gar nicht so leicht.

Beru­fung ist wie eine inne­re Sehn­sucht, die ins Herz gelegt ist.

Als Sie die Ent­schei­dung getrof­fen hat­ten, wie fühl­te sich das an?

Br. Tho­mas: Ich hat­te das Gefühl, ange­kom­men zu sein, in der Gemein­schaft und auf mei­nem Weg mit Gott. Mir gab die Ent­schei­dung eine inne­re Sta­bi­li­tät und eine Ruhe. Aber natür­lich hat man kei­ne Garan­tie, dass alles so bleibt. Eine hei­li­ge Unru­he gehört zum geis­ti­gen Leben dazu.

Apro­pos „hei­li­ge Unru­he“: Haben Sie Ihre Ent­schei­dung angezweifelt? 

Br. Tho­mas: Zwei­fel gehö­ren zu jeder Ent­schei­dung. Um der Fra­ge nicht aus­zu­wei­chen: Ja, es gibt Tage, an denen mich mein Weg und mei­ne Lebens­ent­schei­dung her­aus­for­dern. Ich hat­te schon auch Kri­sen auf mei­nem Weg.

Wie sind Sie es angegangen?

Br. Tho­mas: Wich­tig ist, dass man die Zwei­fel zulässt. Dass man die Fra­gen zulässt, benennt und tei­len kann. Viel­leicht mit einem Beglei­ter, mit Mit­brü­dern oder auch mit Freun­den. Und nicht zuletzt: Indem man die Din­ge vor Gott trägt.

Oft geht das ja nicht in einer Kri­se, das Beten und vor Gott tragen.

Br. Tho­mas: Ja, das stimmt. Oft scheint Gott fern. Und doch ist es auch in einer sol­chen Zeit wich­tig, mein Erle­ben und mei­ne Zwei­fel in den Raum die­ser Got­tes­be­zie­hung zu brin­gen. Für mich heißt das kon­kret, dass ich auch in Kri­se und Zwei­fel mit einer gesun­den Por­ti­on Dis­zi­plin trotz­dem zum Gebet und zu stil­len Zei­ten erschei­ne oder Exer­zi­ti­en mache. Damit das zur Spra­che kom­men kann und damit es vor­kom­men kann in die­ser Gottesbeziehung.

Haben Sie Angst, dass Ihre Ent­schei­dung nicht auf ewig trägt?

Br. Jens: Im Moment nicht. Aber ich bin mir bewusst, dass die­se Fra­ge kom­men kann.

Waren Sie schon mal in einer sol­chen Situation?

Br. Jens: Dass ich gedacht habe, ich packe jetzt mei­ne Sachen und fah­re nach Hau­se? Oh ja, öfter als ein­mal. Br. Tho­mas war auch schon dabei (bei­de lachen). Aber viel­leicht noch­mal zur Klar­stel­lung: Zwei­fel an der Gemein­schaft und den Mit­brü­dern, das geht ja flott, so ist das in Bezie­hun­gen. Wenn man anfängt, an sich selbst zu zwei­feln, dann wird es inter­es­sant. Wenn die Zwei­fel in die Tie­fe gehen, dann wür­de ich auf jeden Fall sagen: Eine Ent­schei­dung eilt nicht. Etwas Zeit las­sen und schau­en, was die Grund­la­ge des Zwei­fels ist.

Br. Tho­mas: Das ist auf jeden Fall rich­tig: Nicht mit­ten in der Kri­se eine Ent­schei­dung treffen.

Ich glau­be dar­an, dass der Mensch ein frei­es Wesen ist und sich frei ver­hal­ten kann – manch­mal auch muss

Bru­der Tho­mas, wozu sind Sie berufen?

Br. Tho­mas: Es gibt in mei­nem Leben den Moment, dass ich die Sehn­sucht gespürt habe nach einem geist­li­chen Leben. Ohne zu wis­sen, wie das aus­sieht, habe ich mich auf den Weg gemacht. Nun bin ich in einer Lebens­form ange­kom­men, in die ich mich hin­ein­ge­ru­fen füh­le. Kapu­zi­ner sein, Pries­ter sein, mit Men­schen unter­wegs sein.

Bru­der Jens, wozu sind Sie berufen?

Br. Jens: Es gibt einen wun­der­ba­ren Gedan­ken des katho­li­schen Theo­lo­gen Her­mann Sten­ger: Man ist zuerst ein­mal zum Mensch­sein beru­fen und dann zum Christ­sein. Dann kommt die spe­zi­el­le Beru­fung als Christ oder Chris­tin. Für mich ist das ein Leben als Kapu­zi­ner. In der Gemein­schaft mit den Brü­dern, zusam­men mit Men­schen und in Stil­le und im Gebet zu Gott.

Dan­ke für das Gespräch!

Das Inter­view führ­te Tobi­as Rau­ser. Es ist zuerst in cap! erschie­nen, dem Maga­zin der Kapu­zi­ner

 

Zu den Personen: 

Br. Tho­mas Schied ist Jahr­gang 1972 und wur­de in Dahn/Pfalz gebo­ren. Der exami­nier­te Gesund­heits- und Kran­ken­pfle­ger trat 2009 in den Kapu­zi­ner­or­den ein. Br. Tho­mas lebt als Aus­bil­der und Pries­ter im Kapu­zi­ner­klos­ter in Salz­burg auf dem Kapu­zi­ner­berg. Neben der Beglei­tung der jun­gen Brü­der ist er mit Bru­der Jens für die Beru­fungs­pas­to­ral verantwortlich.

Br. Jens Kusen­berg wur­de 1981 in Ober­hau­sen gebo­ren. Er stu­dier­te Bio­lo­gie, Ger­ma­nis­tik und Theo­lo­gie auf Lehr­amt. Seit 2010 ist Br. Jens Kapu­zi­ner. Er lebt im Kapu­zi­ner­klos­ter Lieb­frau­en in Frank­furt und ist dort als Pries­ter in der Seel­sor­ge tätig. Br. Jens küm­mert sich im Kapu­zi­ner­or­den gemein­sam mit Br. Tho­mas um Frau­en und Män­ner, die nach ihrer Beru­fung suchen.

Pressekontakt

Bei Fra­gen zu die­ser Mel­dung oder zur Auf­nah­me in den Pres­se­ver­tei­ler mel­den Sie sich per Mail oder Tele­fon bei Tobi­as Rau­ser, Lei­ter Pres­­se- und Öffent­lich­keits­ar­beit: Tele­fon: +49 (0)160–99605655 oder

KAPNEWS

Der News­let­ter der Kapuziner
Wol­len Sie über die Kapu­zi­ner und ihr Enga­ge­ment  infor­miert blei­ben? Dann mel­den Sie sich kos­ten­los für unse­re monat­li­chen „KAPNEWSan.
www.kapuziner.org/newsletter

Pressekontakt

Bei Fra­gen zu die­ser Mel­dung oder zur Auf­nah­me in den Pres­se­ver­tei­ler mel­den Sie sich per Mail oder Tele­fon bei Tobi­as Rau­ser, Lei­ter Pres­­se- und Öffent­lich­keits­ar­beit: Tele­fon: +49 (0)160–99605655 oder

KAPNEWS

Der News­let­ter der Kapuziner
Wol­len Sie über die Kapu­zi­ner und ihr Enga­ge­ment  infor­miert blei­ben? Dann mel­den Sie sich kos­ten­los für unse­re monat­li­chen „KAPNEWSan.
www.kapuziner.org/newsletter