

FOTO: KAPUZINER/ANITA LEDERSBERGER
Meine Berufung? Über Sehnsucht, Geheimnis und Zweifel
Was ist meine Berufung? Diese Frage stellen sich viele. Br. Thomas Schied und Br. Jens Kusenberg aus Salzburg und Frankfurt beantworten sie mit ihrem Leben und Wirken als Kapuziner.
Berufung ist ein großes Wort. Was bedeutet es konkret?
Br. Thomas Schied: Einerseits steckt in dem Wort Berufung der „Ruf “ drin. In jedem Menschenleben gibt es so etwas wie ein Eingeladensein zu etwas. Gleichzeitig ist dieser Ruf nicht etwas, was von außen kommt oder vom Himmel fällt, sondern der im Inneren des Menschen wächst. Er muss entdeckt werden, sodass ein Mensch am Schluss sagen kann: das ist meins, diese oder jene Lebensform ist die meine. Und das gilt natürlich nicht nur für geistliche Berufe und Berufungen, sondern auch in Familien und Beziehungen. Oder wenn es um mein Engagement oder einen Beruf geht.
Br. Jens Kusenberg: Ja, das sehe ich ähnlich. Berufung hat sowohl etwas damit zu tun, dass dieser Ruf von Außen an mich herangetragen wird. Aber es geht auch um die Reaktion, und vor allem um das, was in mir selbst angelegt ist. Bei einer geistlichen Berufung, aber auch bei anderen Berufungen, geht es am Ende darum, dass das, was ich anfange zu leben, dem gerecht werden muss, was ich leben möchte. Wenn das nicht zusammenpasst, dann scheint es das nicht zu sein.
Ist es eine Art Vorbestimmung?
Br. Jens: Ich würde das nicht so formulieren. Ich glaube daran, dass der Mensch ein freies Wesen ist und sich frei verhalten kann – manchmal auch muss. Dieses Sprachspiel „Gott hat mich dazu berufen“ oder „das ist mein Schicksal“, das finde ich erklärungsbedürftig.
Br. Thomas: Eine schwierige Frage. Ja, auch ich kann in einem Berufungsgeschehen keine enge Vorherbestimmung sehen, das passt auch so gar nicht zu meinem Gottesbild. Aber andererseits gibt es doch den Moment, dass ein Mensch etwas mitbekommt. Vielleicht kann man sagen, dass der Mensch so etwas wie eine Sehnsucht mitbekommt. Ich kann von mir sagen, dass ich das schon sehr früh gespürt habe. Ich hatte – ganz ohne aus einem religiösen Kontext zu kommen – schon früh ein Interesse am Ordensleben. Ich würde sagen: Es ist eine Mischung. Es ist vielleicht so etwas wie eine innere Sehnsucht, die ins Herz gelegt ist. Gleichzeitig hat ein Mensch die Freiheit und die Aufgabe, dieser Sehnsucht nachzugehen und zu schauen, was das heißen kann.
Davor habe ich mich gefürchtet. Und doch wusste ich, dass es keine Alternative gibt.
Hat Gott etwas mit Ihnen vor?
Br. Jens: Da antworte ich erst einmal abstrakt: Gott möchte, dass ich ein erfülltes Leben führe. Und das kann sich ganz verschieden zeigen. Ich merke für mich, dass ich ein zufriedenes Leben als Kapuziner führe. Im Johannesevangelium steht: „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt und es in Fülle habt.“ Das ist der grundsätzliche Ruf.
Br. Thomas: Gott hat etwas vor mit dem Menschen. Ich bin überzeugt, dass Gott Beziehung will. Es geht in unserem christlichen Glauben, noch bevor es um Religion oder Moral geht, erst einmal um Beziehung, um einen Ruf hinein in die Gottesbeziehung.
Ändert sich die Berufung im Laufe des Lebens?
Br. Thomas: Es wird nie einen Punkt geben, an dem man sagen kann: Alles ist erledigt. Hier ist der Platz, an dem Gott dich haben will und damit fertig. So eine Erfahrung gibt es sicher immer wieder mal auf einer Etappe, aber der Blick ins eigene Leben und der Blick in die Tradition und in die Biografien der Heiligen zeigt, dass da viel Bewegung und Dynamik drin ist. Das ist auch ein Grund dafür, dass wir als Kapuziner als Gemeinschaft ein Mehrgenerationenprojekt leben. Die alten Brüder können manches nicht mehr, was sie früher als ihre Berufung verwirklicht haben. Und doch sind sie immer noch dazu berufen, Kapuziner zu sein. Aber ganz anders, als es vor vierzig Jahren der Fall war.
Du musst Dein Leben selbst in die Hand nehmen. Nur Du bist verantwortlich.
Wenn es um den Ruf Gottes geht: Wie ruft denn Gott ganz konkret?
Br. Thomas: Es gibt soviele Berufungen, wie es Menschen gibt. Deswegen kann man das nur konkret und persönlich beantworten. Bei mir war es die Sehnsucht nach einem Ordensleben. Auf einmal erlebte ich ein Angesprochensein, etwas ganz Konkretes, das mit mir zu tun hatte. Das war auf einer Assisi-Fahrt und ich war 16 Jahre alt. Der Ruf war da, und mir war klar: Damit muss ich mich beschäftigen. Insgesamt muss ich sagen: Es ist gar nicht so leicht, dieses Thema ins Wort zu bringen. Einiges kann ich erklären, einiges nicht.
Bruder Jens, wie war das bei Ihnen?
Br. Jens: Es geht mir wie Br. Thomas. Die Frage der Berufung ist etwas sehr Intimes, zum Teil kommt man selber gar nicht richtig ran. Auch mir fehlen oft die Worte, wenn ich über diese Sehnsucht und den sogenannten Ruf sprechen soll. Ich würde für mich nicht von einem Ruf oder einer inneren Stimme sprechen, sondern von einer grundlegenden Frage für mein Leben, die plötzlich auftauchte. Eine existenzielle Frage, die ich für mich ganz konkret beantworten musste. Das hat gedauert, mehrere Jahre, bis ich mich dann bei den Kapuzinern gemeldet habe.
Warum ist es so schwer, die eigene Berufung in Worte zu fassen?
Br. Thomas: Eine gute Frage. Es ist ja nicht so, dass wir uns darüber keine Gedanken machen. Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir, wenn wir über Berufung sprechen, ganz nah am Geheimnis des Menschen dran sind. An der Frage, was über dem Leben steht – im positiven Sinne. Und manchmal ist die Frage dann doch einfacher zu beantworten als anfangs gedacht. Ich habe mal von einem Jesuiten gelesen, der gefragt wurde, warum er in die Gesellschaft Jesu eingetreten ist. Seine Antwort: „Weil ich das wollte.“ Das finde ich super.
Br. Jens: Das gefällt mir auch. Wir haben vom Geheimnis gesprochen, vom inneren Angesprochen-Sein. Und doch muss auch etwas ganz Praktisches dazu kommen. Ich schaue mir die Lebensform an, schaue mit Bauchgefühl und Verstand hin und frage mich: Kann ich so leben? Wie geht das mit dem Gehorsam? Geht ein Leben in Ehelosigkeit, ohne Partnerschaft, ohne ausgelebte Sexualität? Wie ohne Eigentum? Und: In dieser Gemeinschaft?
Hat Ihnen Ihre Berufung jemals Angst gemacht?
Br. Jens: Ja. Ich hatte Angst. Denn ich wusste, wenn ich dem jetzt nachgehe, wird das, was gerade ist, nicht mehr so sein. Davor habe ich mich gefürchtet. Und doch wusste ich, dass es keine Alternative gibt. Ich muss da ran.
Br. Thomas: Am Anfang stand bei mir ein sehr deutliches Erschrecken. Ein Erschauern irgendwie. Und diese Momente kamen immer wieder, denn die Konse-quenzen vieler Entscheidungen sind ja schon sehr radikal. Und gleichzeitig hat mich die Berufungsfrage immer wieder froh gemacht. Eine seltsame Mischung.
Br. Jens: Warum dieses Erschauern? Weil ich gemerkt habe: Du musst Dein Leben jetzt selbst in die Hand nehmen. Niemand ist dafür verantwortlich, nur du selbst. Du musst entscheiden. Das ist gar nicht so leicht.
Berufung ist wie eine innere Sehnsucht, die ins Herz gelegt ist.
Als Sie die Entscheidung getroffen hatten, wie fühlte sich das an?
Br. Thomas: Ich hatte das Gefühl, angekommen zu sein, in der Gemeinschaft und auf meinem Weg mit Gott. Mir gab die Entscheidung eine innere Stabilität und eine Ruhe. Aber natürlich hat man keine Garantie, dass alles so bleibt. Eine heilige Unruhe gehört zum geistigen Leben dazu.
Apropos „heilige Unruhe“: Haben Sie Ihre Entscheidung angezweifelt?
Br. Thomas: Zweifel gehören zu jeder Entscheidung. Um der Frage nicht auszuweichen: Ja, es gibt Tage, an denen mich mein Weg und meine Lebensentscheidung herausfordern. Ich hatte schon auch Krisen auf meinem Weg.
Wie sind Sie es angegangen?
Br. Thomas: Wichtig ist, dass man die Zweifel zulässt. Dass man die Fragen zulässt, benennt und teilen kann. Vielleicht mit einem Begleiter, mit Mitbrüdern oder auch mit Freunden. Und nicht zuletzt: Indem man die Dinge vor Gott trägt.
Oft geht das ja nicht in einer Krise, das Beten und vor Gott tragen.
Br. Thomas: Ja, das stimmt. Oft scheint Gott fern. Und doch ist es auch in einer solchen Zeit wichtig, mein Erleben und meine Zweifel in den Raum dieser Gottesbeziehung zu bringen. Für mich heißt das konkret, dass ich auch in Krise und Zweifel mit einer gesunden Portion Disziplin trotzdem zum Gebet und zu stillen Zeiten erscheine oder Exerzitien mache. Damit das zur Sprache kommen kann und damit es vorkommen kann in dieser Gottesbeziehung.
Haben Sie Angst, dass Ihre Entscheidung nicht auf ewig trägt?
Br. Jens: Im Moment nicht. Aber ich bin mir bewusst, dass diese Frage kommen kann.
Waren Sie schon mal in einer solchen Situation?
Br. Jens: Dass ich gedacht habe, ich packe jetzt meine Sachen und fahre nach Hause? Oh ja, öfter als einmal. Br. Thomas war auch schon dabei (beide lachen). Aber vielleicht nochmal zur Klarstellung: Zweifel an der Gemeinschaft und den Mitbrüdern, das geht ja flott, so ist das in Beziehungen. Wenn man anfängt, an sich selbst zu zweifeln, dann wird es interessant. Wenn die Zweifel in die Tiefe gehen, dann würde ich auf jeden Fall sagen: Eine Entscheidung eilt nicht. Etwas Zeit lassen und schauen, was die Grundlage des Zweifels ist.
Br. Thomas: Das ist auf jeden Fall richtig: Nicht mitten in der Krise eine Entscheidung treffen.
Ich glaube daran, dass der Mensch ein freies Wesen ist und sich frei verhalten kann – manchmal auch muss
Bruder Thomas, wozu sind Sie berufen?
Br. Thomas: Es gibt in meinem Leben den Moment, dass ich die Sehnsucht gespürt habe nach einem geistlichen Leben. Ohne zu wissen, wie das aussieht, habe ich mich auf den Weg gemacht. Nun bin ich in einer Lebensform angekommen, in die ich mich hineingerufen fühle. Kapuziner sein, Priester sein, mit Menschen unterwegs sein.
Bruder Jens, wozu sind Sie berufen?
Br. Jens: Es gibt einen wunderbaren Gedanken des katholischen Theologen Hermann Stenger: Man ist zuerst einmal zum Menschsein berufen und dann zum Christsein. Dann kommt die spezielle Berufung als Christ oder Christin. Für mich ist das ein Leben als Kapuziner. In der Gemeinschaft mit den Brüdern, zusammen mit Menschen und in Stille und im Gebet zu Gott.
Danke für das Gespräch!
Das Interview führte Tobias Rauser. Es ist zuerst in cap! erschienen, dem Magazin der Kapuziner.
Zu den Personen:
Br. Thomas Schied ist Jahrgang 1972 und wurde in Dahn/Pfalz geboren. Der examinierte Gesundheits- und Krankenpfleger trat 2009 in den Kapuzinerorden ein. Br. Thomas lebt als Ausbilder und Priester im Kapuzinerkloster in Salzburg auf dem Kapuzinerberg. Neben der Begleitung der jungen Brüder ist er mit Bruder Jens für die Berufungspastoral verantwortlich.
Br. Jens Kusenberg wurde 1981 in Oberhausen geboren. Er studierte Biologie, Germanistik und Theologie auf Lehramt. Seit 2010 ist Br. Jens Kapuziner. Er lebt im Kapuzinerkloster Liebfrauen in Frankfurt und ist dort als Priester in der Seelsorge tätig. Br. Jens kümmert sich im Kapuzinerorden gemeinsam mit Br. Thomas um Frauen und Männer, die nach ihrer Berufung suchen.
