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Bénédicte Lemmelijn
ist Professorin für Altes Testament an der Katholischen Universität im belgischen Leuven. Seit drei Jahren ist die 56-Jährige auch Dekanin der Fakultät für Theologie und Religiöse Studien. Sie hat für ihre Forschung zahlreiche wissenschaftliche Auszeichnungen erhalten.
Mit Gott stark sein: Mut in der Bibel
Die Bibel kennt viele mutige Menschen. Was zeichnet sie aus? Kapuziner.org geht mit der Alttestamentlerin Bénédicte Lemmelijn von der Katholischen Universität Leuven auf Spurensuche.
Wer ist in der Bibel besonders mutig?
Professorin Bénédicte Lemmelijn: In der Bibel gibt es viele mutige Menschen. Unabhängig davon, ob sie sich selbst eine Aufgabe zutrauen, sie befolgen Gottes Ruf und setzen ihn um. Sie sagen „es ist Gott, der mich ruft, er geht an meiner Seite, deshalb nehme ich meine Aufgabe an und gebe mein Bestes.“
Gottes Ruf allein beflügelt die Menschen zu Mut?
In der Bibel gibt es oft die Aussage Gottes an die Menschen: „Fürchte Dich nicht, denn ich bin mit Dir.“ Der Mut der Menschen entsteht aus ihrem Vertrauen auf die Unterstützung durch Gott.
Haben Sie Beispiele?
Moses zum Beispiel oder Jeremia. Und natürlich Jesus. Und die frühe Kirche: Petrus und Paul wirkten ja in einem schwierigen und gefährlichen Umfeld als erste Missionare und forderten viel von den Menschen. Das war sehr mutig.
Warum Moses und Jeremia?
Ihr Mut besteht darin: Sie werden von Gott angesprochen, sind unsicher oder gar ängstlich, glauben, dass die Aufgabe, die sie von Gott erhalten, eine Nummer zu groß für sie ist. Und gerade dann erklärt Gott, dass er an ihrer Seite steht.
Und dann?
Dann verleiht ihr Glauben ihnen den nötigen Mut, sie sagen sich: „Wenn Gott an meiner Seite steht, was wird dann schon schiefgehen?“ Das ist übrigens etwas, was Christen heute aus der Bibel lernen können – geh den mutigen Weg, auch wenn du ihn nicht kennst und verstehst. Aber mit Gott an deiner Seite wird es ein guter Weg sein.
Im Falle von Moses ist das Gottvertrauen aber recht einfach zu erlangen. Gott selbst spricht ihn an und gibt ihm magische Kräfte. Das ist für heutige Menschen nicht ganz so eindeutig und einfach.
Ja, das stimmt, aber der Mut von Mose ist dennoch vorbildlich. Denn auch Mose kannte Gott am Anfang ja nicht und wusste nicht, was er mit ihm im Schilde führen könnte.
Als anderes Beispiel für den Mut im Alten Testament haben Sie Jeremia erwähnt.
Jeremia ist zunächst ein unsicherer Typ. Er entgegnet Gott viele Gründe, warum er dessen Auftrag nicht annehmen könne. Etwa: „Ich bin zu jung, bin nicht stark genug.“ Aber Gott entgegnet auch hier: „Fürchte dich nicht, denn ich bin bei Dir.“ Dadurch versteht Jeremia, dass er selbst gar nicht stark sein muss, weil ja Gott an seiner Seite stark ist.
Zusammengefasst: Was können wir von mutigen Menschen aus der Bibel lernen?
Wer heutzutage unbequeme Dinge aussprechen muss, die Wahrheit sagen muss, Veränderungen möglich machen will, braucht Mut. Wer den Finger in die Wunde legt, ist eben nicht jedes Menschen Liebling. Er muss vielleicht sogar manchmal um sein Leben fürchten. Dafür braucht es eine starke Persönlichkeit. Und Gottvertrauen. Wenn aber nie jemand unbequeme Erkenntnisse ausspricht, gibt es keine notwendigen Veränderungen.
Kommen wir noch einmal auf die Propheten zurück: Welchen Lohn erhalten Sie für ihren Mut?
Da möchte ich zwischen einer extrinsischen und einer intrinsischen Belohnung unterscheiden. Natürlich verspricht Gott den Propheten kein materielles Honorar oder lebenslangen Wohlstand; aber intrinsisch erhalten sie natürlich eine Belohnung: Sie sehen, dass durch ihren Einsatz andere Menschen ein besseres Leben erhalten, dass sich ganze Gesellschaften wandeln können, dass sich Menschen zu Gott zurückführen lassen. Damit ist das höchste Ziel für ihren Mut erreicht.
Wir finden in der Bibel auch entmutigte Menschen, denen der Mut abhandengekommen ist.
Wenn wir über Entmutigung sprechen, dann finden wir in der Bibel tatsächlich einiges: Traurigkeit, Verzweiflung, Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit, wie etwa in Psalm 137. Aber auch hier gibt die Bibel eine Antwort: Wenn unser Leben auch gerade nicht rosig aussieht, dürfen wir unsere Hoffnung auf Gott setzen!
Schauen wir in das Neue Testament. Wer sind hier die mutigsten Menschen?
Petrus und Paulus, die die neue Kirche begründen, sind sehr mutig. Sie bringen aus Überzeugung den Glauben weiter, ohne dass sie wissen, was passieren wird. Ebenso der Hauptmann von Kafarnaum, der auf seinen Glauben vertraut. Sie alle handeln an ihrer jeweiligen Stelle sehr mutig. Und natürlich auch Maria und Josef, die ihr Vertrauen in diese größere Realität setzen, die Gott für sie vorgesehen hat.
Haben Sie einen persönlichen ‚Lieblingsmutigen‘ in der Bibel?
Die weise Person in den Weisheitsbüchern; die bei Jesus Sirach, Kohelet, den Psalmen oder den Sprichwörtern existiert. Bei ihnen entsteht aus Rechtschaffenheit und Gottesfurcht Weisheit. Es ist ein Kreislauf: man muss rechtschaffen sein, um weise zu werden, und wer weise ist, handelt rechtschaffen.
Frau Professorin, sind Sie selbst ein mutiger Mensch?
Mut ist nicht, jeden Tag eine Heldentat zu vollbringen, sondern das zu tun, was nötig ist. Dass man seine Berufung und Verantwortung erfüllt. Ich habe mich beispielsweise nicht darum gerissen, die Dekanin dieser Fakultät zu werden. Aber ich wurde gebeten, diese Verantwortung zu übernehmen. Und es ist jeden Tag eine neue Herausforderung, zu leiten, Entscheidungen zu treffen, Konflikte auszuhalten. Das erfordert jeden Tag neuen Mut.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Br. Michael Masseo Maldacker aus dem Kapuzinerkloster Frankfurt. Es ist Teil der Titelgeschichte „Mut“ des Frühlingsheftes von cap!, dem Magazin der Kapuziner.
