Interview

FOTO: PRI­VAT

Bénédicte Lemmelijn

ist Pro­fes­so­rin für Altes Tes­ta­ment an der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät im bel­gi­schen Leu­ven. Seit drei Jah­ren ist die 56-Jäh­ri­ge auch Deka­nin der Fakul­tät für Theo­lo­gie und Reli­giö­se Stu­di­en. Sie hat für ihre For­schung zahl­rei­che wis­sen­schaft­li­che Aus­zeich­nun­gen erhalten.

24. März 2026

Mit Gott stark sein: Mut in der Bibel

Die Bibel kennt vie­le muti­ge Men­schen. Was zeich­net sie aus? Kapuziner.org geht mit der Alt­tes­ta­ment­le­rin Béné­dic­te Lem­me­li­jn von der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Leu­ven auf Spurensuche.

Wer ist in der Bibel beson­ders mutig?

Pro­fes­so­rin Béné­dic­te Lem­me­li­jn: In der Bibel gibt es vie­le muti­ge Men­schen. Unab­hän­gig davon, ob sie sich selbst eine Auf­ga­be zutrau­en, sie befol­gen Got­tes Ruf und set­zen ihn um. Sie sagen „es ist Gott, der mich ruft, er geht an mei­ner Sei­te, des­halb neh­me ich mei­ne Auf­ga­be an und gebe mein Bestes.“

Got­tes Ruf allein beflü­gelt die Men­schen zu Mut?

In der Bibel gibt es oft die Aus­sa­ge Got­tes an die Men­schen: „Fürch­te Dich nicht, denn ich bin mit Dir.“ Der Mut der Men­schen ent­steht aus ihrem Ver­trau­en auf die Unter­stüt­zung durch Gott.

Haben Sie Beispiele?

Moses zum Bei­spiel oder Jere­mia. Und natür­lich Jesus. Und die frü­he Kir­che: Petrus und Paul wirk­ten ja in einem schwie­ri­gen und gefähr­li­chen Umfeld als ers­te Mis­sio­na­re und for­der­ten viel von den Men­schen. Das war sehr mutig.

War­um Moses und Jeremia?

Ihr Mut besteht dar­in: Sie wer­den von Gott ange­spro­chen, sind unsi­cher oder gar ängst­lich, glau­ben, dass die Auf­ga­be, die sie von Gott erhal­ten, eine Num­mer zu groß für sie ist. Und gera­de dann erklärt Gott, dass er an ihrer Sei­te steht.

Und dann?

Dann ver­leiht ihr Glau­ben ihnen den nöti­gen Mut, sie sagen sich: „Wenn Gott an mei­ner Sei­te steht, was wird dann schon schief­ge­hen?“ Das ist übri­gens etwas, was Chris­ten heu­te aus der Bibel ler­nen kön­nen – geh den muti­gen Weg, auch wenn du ihn nicht kennst und ver­stehst. Aber mit Gott an dei­ner Sei­te wird es ein guter Weg sein.

Im Fal­le von Moses ist das Gott­ver­trau­en aber recht ein­fach zu erlan­gen. Gott selbst spricht ihn an und gibt ihm magi­sche Kräf­te. Das ist für heu­ti­ge Men­schen nicht ganz so ein­deu­tig und einfach.

Ja, das stimmt, aber der Mut von Mose ist den­noch vor­bild­lich. Denn auch Mose kann­te Gott am Anfang ja nicht und wuss­te nicht, was er mit ihm im Schil­de füh­ren könnte.

Als ande­res Bei­spiel für den Mut im Alten Tes­ta­ment haben Sie Jere­mia erwähnt.

Jere­mia ist zunächst ein unsi­che­rer Typ. Er ent­geg­net Gott vie­le Grün­de, war­um er des­sen Auf­trag nicht anneh­men kön­ne. Etwa: „Ich bin zu jung, bin nicht stark genug.“ Aber Gott ent­geg­net auch hier: „Fürch­te dich nicht, denn ich bin bei Dir.“ Dadurch ver­steht Jere­mia, dass er selbst gar nicht stark sein muss, weil ja Gott an sei­ner Sei­te stark ist.

Zusam­men­ge­fasst: Was kön­nen wir von muti­gen Men­schen aus der Bibel lernen?

Wer heut­zu­ta­ge unbe­que­me Din­ge aus­spre­chen muss, die Wahr­heit sagen muss, Ver­än­de­run­gen mög­lich machen will, braucht Mut. Wer den Fin­ger in die Wun­de legt, ist eben nicht jedes Men­schen Lieb­ling. Er muss viel­leicht sogar manch­mal um sein Leben fürch­ten. Dafür braucht es eine star­ke Per­sön­lich­keit. Und Gott­ver­trau­en. Wenn aber nie jemand unbe­que­me Erkennt­nis­se aus­spricht, gibt es kei­ne not­wen­di­gen Veränderungen.

Kom­men wir noch ein­mal auf die Pro­phe­ten zurück: Wel­chen Lohn erhal­ten Sie für ihren Mut?

Da möch­te ich zwi­schen einer extrin­si­schen und einer intrin­si­schen Beloh­nung unter­schei­den. Natür­lich ver­spricht Gott den Pro­phe­ten kein mate­ri­el­les Hono­rar oder lebens­lan­gen Wohl­stand; aber intrin­sisch erhal­ten sie natür­lich eine Beloh­nung: Sie sehen, dass durch ihren Ein­satz ande­re Men­schen ein bes­se­res Leben erhal­ten, dass sich gan­ze Gesell­schaf­ten wan­deln kön­nen, dass sich Men­schen zu Gott zurück­füh­ren las­sen. Damit ist das höchs­te Ziel für ihren Mut erreicht.

Wir fin­den in der Bibel auch ent­mu­tig­te Men­schen, denen der Mut abhan­den­ge­kom­men ist.

Wenn wir über Ent­mu­ti­gung spre­chen, dann fin­den wir in der Bibel tat­säch­lich eini­ges: Trau­rig­keit, Ver­zweif­lung, Per­spek­tiv- und Hoff­nungs­lo­sig­keit, wie etwa in Psalm 137. Aber auch hier gibt die Bibel eine Ant­wort: Wenn unser Leben auch gera­de nicht rosig aus­sieht, dür­fen wir unse­re Hoff­nung auf Gott setzen!

Schau­en wir in das Neue Tes­ta­ment. Wer sind hier die mutigs­ten Menschen?

Petrus und Pau­lus, die die neue Kir­che begrün­den, sind sehr mutig. Sie brin­gen aus Über­zeu­gung den Glau­ben wei­ter, ohne dass sie wis­sen, was pas­sie­ren wird. Eben­so der Haupt­mann von Kafar­na­um, der auf sei­nen Glau­ben ver­traut. Sie alle han­deln an ihrer jewei­li­gen Stel­le sehr mutig. Und natür­lich auch Maria und Josef, die ihr Ver­trau­en in die­se grö­ße­re Rea­li­tät set­zen, die Gott für sie vor­ge­se­hen hat.

Haben Sie einen per­sön­li­chen ‚Lieb­lings­mu­ti­gen‘ in der Bibel?

Die wei­se Per­son in den Weis­heits­bü­chern; die bei Jesus Sirach, Kohe­let, den Psal­men oder den Sprich­wör­tern exis­tiert. Bei ihnen ent­steht aus Recht­schaf­fen­heit und Got­tes­furcht Weis­heit. Es ist ein Kreis­lauf: man muss recht­schaf­fen sein, um wei­se zu wer­den, und wer wei­se ist, han­delt rechtschaffen.

Frau Pro­fes­so­rin, sind Sie selbst ein muti­ger Mensch?

Mut ist nicht, jeden Tag eine Hel­den­tat zu voll­brin­gen, son­dern das zu tun, was nötig ist. Dass man sei­ne Beru­fung und Ver­ant­wor­tung erfüllt. Ich habe mich bei­spiels­wei­se nicht dar­um geris­sen, die Deka­nin die­ser Fakul­tät zu wer­den. Aber ich wur­de gebe­ten, die­se Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men. Und es ist jeden Tag eine neue Her­aus­for­de­rung, zu lei­ten, Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, Kon­flik­te aus­zu­hal­ten. Das erfor­dert jeden Tag neu­en Mut.

Vie­len Dank für das Gespräch!

Das Inter­view führ­te Br. Micha­el Mas­seo Mal­d­a­cker aus dem Kapu­zi­ner­klos­ter Frank­furt. Es ist Teil der Titel­ge­schich­te „Mut“ des Früh­lings­hef­tes von cap!, dem Maga­zin der Kapuziner. 

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