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Mut beginnt im Herzen
Der Mut ist eine Tugend zwischen Haltung und Tat. Für Christinnen und Christen bedeutet das: Aus dem Glauben heraus verantwortungsvoll das Leben gestalten und Gott suchen.
In dem Roman „Cécile“ von Theodor Fontane spricht ein Hofprediger zur Hauptfigur Cécile folgende Worte: „Zwischen Hochmut und Demut steht ein Drittes, dem das Leben gehört, und das ist der Mut.“ Der Hofprediger setzt den Mut quasi mit dem Leben gleich, ihm gehört das Leben. Wer mutig ist, der lebt.
Das Wort „Mut“ stammt aus dem Indogermanischen und bedeutet so viel wie „sich mühen“, „starken Willens sein“, „heftig nach etwas streben“. In dem Wort Mut steckt also ein aktives Tun. In der mittelalterlichen Minnedichtung steht Mut im Zusammenhang mit dem edlen Ritter, der gegen Unrecht eintritt und sich dem Schutz der Hilfsbedürftigen verschrieben hat. Mutig setzt er sich für sie ein. Oft wird heute auch von Mut gesprochen, wenn Menschen Zivilcourage zeigen. Mut ist also eine schillernde Tugend, die in vielen Lebenslagen eine ganz unterschiedliche Rolle einnehmen kann. Es ist eine Tugend, die sich zwischen Haltung und Tat bewegt.
Mutig bin ich, wenn ich mit der eigenen Meinung nicht hinterm Berg halte, auch wenn das unbequem sein kann. Es ist mutig, um Hilfe zu bitten, und dabei die eigenen Schwächen zu bekennen. Mutig ist, wer innere Ängste überwindet und trotz aller Bedenken und Einwände etwas Riskantes oder vom Ausgang her Ungewisses angeht.
Ist Mut das Gleiche wie Tapferkeit? Neben der Klugheit, der Gerechtigkeit und dem Maßhalten eine der vier Kardinaltugenden? Tapfer ist, wer in einer gefährlichen Situation eingreift. Tapfer ist, wer Schmerz und Bedrohung standhält, wer mit eigenen Unzulänglichkeiten und Krankheiten umgehen kann. „Ganz schön tapfer“, ist dann oft zu hören. Tapferkeit ist ohne Mut nicht denkbar, Mut jedoch schon ohne Tapferkeit. Nicht umsonst heißt es: Mut beginnt im Herzen, Tapferkeit zeigt sich im Handeln. Vielleicht ist Tapferkeit die Konsequenz, die sich aus dem Mut ergibt.
Im christlichen Kontext zeigt sich Mut häufig leise, tief und beständig. Mut ist hier eine Haltung und Tugend, die dem Leben dient und lebensnotwendig ist. Mutig ist, wer aus dem Glauben an Gott heraus sein Leben gestaltet. Gepaart ist der Mut mit Gottvertrauen, das in vielen Lebenssituationen nicht selbstverständlich ist.
Die Bereitschaft, obwohl Gott sich nicht zeigt, trotz aller Fragen und Zweifel im Glauben, dennoch auf Gott zu bauen und ihm zu vertrauen, das ist mutig. Das bedeutet nicht, blind die Augen vor der Angst und Bedrohung im Leben oder vor der Fragwürdigkeit Gottes zu verschließen, sondern diese bewusst ins eigene Leben zu integrieren – und mit einer Haltung des „Trotzdem“ in die Zukunft zu gehen.
Glaube ich als Christ daran, dass Gott eine Zukunft für uns hat? Glaube ich seinen Verheißungen, trotzdem? Ein solcher Glaube erfordert Mut. Spiritueller Mut zeigt sich darin, Gott auch dann zu suchen, wenn Antworten ausbleiben und der Weg unklar erscheint. Dabei ist eine mutige Spiritualität nicht nur eine Haltung, sie zeigt sich vielmehr gerade auch im Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden, für das Leben und die Zukunft der Welt. Mut zeigt sich dann im Einstehen für Werte aus dem Glauben heraus. Hier gehen Mut und Tapferkeit Hand in Hand.
Ein anderer Aspekt, der mit einer mutigen Spiritualität einher geht, ist das bewusste und nicht beschönigende Schauen auf sich selbst. Wenn ich an Gott glaube, der den Menschen und die Schöpfung aus Liebe in Liebe geschaffen hat, dann kann ich mich auch auf mich einlassen, im Wissen darum, dass nicht alles gut in meinem Leben ist, dass mir vieles nicht gelingt und Anspruch und Wirklichkeit oft weit auseinander klaffen. Ich werde dennoch geliebt. Sich der eigenen Wahrheit und sich selbst zu stellen, das ist mutig. Der Glaube gibt mir die Kraft, dieses zu tun.
Zuguterletzt erfordert es eine gehörige Portion Mut, einer unausweichlichen Wirklichkeit ins Auge zu schauen und sie bestenfalls ins Leben zu integrieren: dem Tod. Es braucht Mut, dieser Wirklichkeit nicht auszuweichen, sondern früh genug die Fragen nach Leben und Tod, nach Sinn und Spiritualität zu stellen, so dass mich der Tod nicht überrascht, trotz und in aller Angst vor dem, was dann kommt – oder auch nicht.
So ist Mut keine isolierte Eigenschaft oder Haltung, sondern eine Tugend, die aus einer lebendigen Spiritualität hervorgeht. In der Beziehung zu Gott wird Mut genährt, vertieft und verwandelt. Mut befähigt den Menschen, authentisch zu leben, Verantwortung zu übernehmen und hoffnungsvoll in die Zukunft zu gehen – im Vertrauen darauf, dass Gott auch auf unsicheren Wegen gegenwärtig ist. Das ist mutig!
Dieser Text von Br. Thomas Dienberg ist zuerst in cap! erschienen, dem Magazin der Kapuziner.
