
FOTO: Kapuziner/Anita Ledersberger
BR. PAULUS TERWITTE
lebt als Kapuziner und Priester im Konvent in Münster. Dort leitet er die Gemeinschaft im Kloster.
Mut und Vertrauen: „Veränderung ist ein Lebenszeichen“
Wie in unsicheren Zeiten die Hoffnung bewahren? Br. Paulus Terwitte erläutert im Interview, warum Wandel für ihn etwas Lebendiges ist und weshalb niemand Angst vor Veränderungen haben muss.
Bruder Paulus, viele Menschen blicken mit Sorge in die Zukunft. Was antworten Sie, wenn jemand sagt: „Ich habe Angst vor dem, was kommt“?
Zunächst einmal höre ich zu. Ich frage: „Interessant. Erzählen Sie mir, was Sie kommen sehen.“ Oft zeigt sich erst im Erzählen, was einen Menschen wirklich bewegt. Hinter vielen konkreten Sorgen steckt letztlich dieselbe Frage: Werde ich bestehen, wenn sich mein Leben verändert? Seelsorge bedeutet für mich, diesen Ängsten Raum zu geben. Wer sie ausspricht, entdeckt häufig schon einen neuen Blick auf das, was ihn belastet.
Der Titel eines Buchs von Ihnen lautet „Stark durch den Wandel“. Was bedeutet Veränderung für Sie?
Veränderung ist für mich ein Lebenszeichen. Solange ich mich verändern kann, lebe ich. Stillstand gibt es erst auf dem Friedhof. Natürlich bringen Veränderungen Krisen mit sich, aber Krisen sind auch Einladungen, neue Entscheidungen zu treffen und zu wachsen. Das Leben überrascht uns ständig. Manchmal schmerzhaft, oft aber auch auf eine Weise, die wir vorher nie erwartet hätten.
Viele Menschen erleben Veränderungen trotzdem eher als Bedrohung. Woran liegt das?
Weil wir uns nach Sicherheit sehnen und das Gewohnte festhalten möchten. Aber Leben lässt sich nicht vollständig planen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wie ich jede Veränderung verhindern kann, sondern ob ich ein Fundament habe, das mich trägt. Für mich ist dieses Fundament der Glaube. Wer innerlich beheimatet ist, kann kreativer und hoffnungsvoller mit Veränderungen umgehen.
Viele Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen stehen derzeit vor großen Veränderungen. Auch die Zukunft von Kirchengebäuden bewegt viele Menschen. Was möchten Sie den Menschen dazu mitgeben?
Die Kirche war nie dazu da, alles beim Alten zu lassen. Sie versteht sich von Anfang an als Weggemeinschaft. Sogar in der Mitte jeder Eucharistie steht die Wandlung. Deshalb dürfen wir Veränderungen nicht automatisch als Niederlage sehen. Manchmal endet etwas, damit Neues entstehen kann. Das gilt für Gebäude genauso wie für unser persönliches Leben. Wandel kann eine Einladung zur Auferstehung sein.
In Ihrem Buch schreiben Sie darüber, wie Menschen durch Veränderungen stärker werden können. Gibt es einen ersten Schritt?
Ja: zurückschauen. Ich lade Menschen ein, sich zu erinnern, welche unerwarteten Veränderungen sie in ihrem Leben bereits gemeistert haben. Fast jeder entdeckt dann Situationen, die zunächst schwierig erschienen und sich später als Chance erwiesen haben. Diese Erinnerungen schenken Vertrauen für das, was noch kommt. Wer seine eigene Geschichte kennt, geht mutiger in die Zukunft.
Was ist Ihr Rat für diese Zukunft?
Ich wünsche mir, dass Menschen den Mut gewinnen, Veränderung nicht nur als Verlust zu sehen. Aus christlicher Sicht endet unser Weg nicht im Scheitern, sondern in der Vollendung. Dieses Vertrauen schenkt Freiheit für das Leben hier und heute. Wer einen festen Stand hat, kann sich bewegen. Oder, wie ich es manchmal sage: Ich habe ein himmlisches Standbein – und deshalb ein irdisches Spielbein. Genau daraus wächst Zuversicht.
Das Interview führte Ann-Christin Ladermann für die Pressestelle des Bistums Münster.
