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Mut zur Stille: echte Begegnung möglich machen
Warum die Stille suchen? Stille öffnet Türen, sie macht bereit für Begegnung. Mit Menschen, der Schöpfung und Gott. Warum die Stille ein heilsames Elixier ist, sagt Br. Bernd Kober.
Elf Menschen sitzen im Turmzimmer der Liebfrauenkirche in Frankfurt am Main, einem gewölbten Raum aus dem 15. Jahrhundert. Die Mauern messen mehr als einen Meter Tiefe. Durch ein Fenster dringen gedämpfte Geräusche, Stimmen, farbiges Licht. Im Raum ist es still. Schweigemeditation. Jeden Freitagabend. Ist die Tür geschlossen, wird nur wenig gesagt: klare Worte zu Haltung und Atmung, ein kurzer Vers aus den Psalmen des Alten Testaments wird zitiert. Dann breitet sich Stille aus. Und wenn nach einer halben Stunde das Bibelwort wiederholt wird – in die Stille hinein – dann spürt man: Die Stille ist „etwas“. Sie wird wie zerschnitten, aufgebrochen durch den Klang der Worte.
Stille ist kein Mangel, kein Minusbereich, keine Abwesenheit von Geräusch oder Lärm. Sie ist eine aktive Kraft, eine Dynamik, eine Gegenwart. Der Mensch ist bei sich zuhause. Er ist nicht außer sich. Er oder sie ist zurückgekehrt, eingekehrt bei sich selbst. Das Geflacker der Bilder, das Gewirr der Worte und Stimmen, das Vibrieren der Klänge, Geräusche und des Lärms wecken die äußeren Sinne, binden die Aufmerksamkeit, dringen ein und bewohnen den Menschen. Wer die Stille sucht, kennt das. Die Eindrücke des Tages gehen mit, klingen und schwingen nach und es braucht manches Mal geraume Zeit, bis sie ausgeklungen sind. Dann aber weitet sich ein innerer Raum, eine innere Tiefe, die auch ein Abgrund sein kann. Innere Bewegungen, eigene Bewegungen werden spürbar.
Lichtvolles und Dunkles
Ob eine oder einer schwindelfrei ist, kann nicht nur beim Bergsteigen von entscheidender Bedeutung sein. Wer die Tür zu den inneren Räumen und Tiefen öffnet, erschrickt hier und da vor den Kräften, die dort wirken. Freilich kann die Stille ruhig und gelassen machen. Wer sich aber losmacht von äußeren Ablenkungen, von all dem, was ihn aus seiner eigenen Mitte herauszieht, der begegnet seinem inneren Menschen. Bilder und Gefühle werden frei, die sonst keinen Raum haben. Erfüllendes, Lichtvolles kann stark werden, aber auch Dunkles, Bizarres, Verunsicherndes. Manch einem wird in der Stille nahezu der Boden unter den Füßen weggezogen. Stille braucht Mut – oder Gottvertrauen.
Franz von Assisi hatte Mut und Gottvertrauen. Zu seinem Wachstumsweg gehört die Stille. Dort wächst er in die Tiefe, wird aufmerksam auf nie Gesehenes und Gehörtes. Der, der gern mit Freunden feierte und sich feiern ließ, dem es zuhause an nichts fehlte, verlässt die sichere Stadt. Er streift in den Wäldern umher, betet an einsamen Orten. Er reduziert die äußeren Eindrücke, um sich selbst auf die Spur zu kommen. Die nicht formulierte Voraussetzung: Wer sich selbst wirklich auf die Spur kommt, kommt auf Gottes Spur. Denn der Mensch ist sich selbst erste Gabe, vom Schöpfer sich anvertraut. In der Stille begegnet Franz sich selbst. Und es öffnet sich eine neue Aufmerksamkeit, in der er Gott berührt.
Echte Begegnung wird möglich
Lärm ist keine gute Voraussetzung für tiefe Gespräche. Man zieht sich automatisch zurück, um besser zu hören. Die Stille ermöglicht ein Hören, das nicht nur mit dem Ohr geschieht. Im Raum der Stille beginnt der Mensch die Konturen seines Wesens zu erahnen. Die Stille gibt den Worten des Gegenüber ihre Kostbarkeit und Würde zurück. Die Stille befähigt zu echter Begegnung. In der Stille kann Kraft bekommen, was Gott in die Tiefe des Menschen gelegt hat – als Potential und Talent. Aus der Stille wachsen Musik, Poesie und Glaube. Ohne Stille verkümmert jede Kultur, denn Kultur ist nicht die versierte Wiederholung dessen, was einmal irgendwann von irgendwem gesagt und getan wurde. Kultur entsteht in der persönlichen, inneren Aneignung, die allein die Stille ermöglicht.
Papst Franziskus formulierte seinerzeit: „Wir wissen, dass der Glaube keine Theorie und auch keine Wissenschaft ist: Er ist eine Begegnung.“ Inmitten der dicken Mauern des Turmzimmers der Liebfrauenkirche machen Menschen sich für diese Begegnung bereit. Sie bereiten sich für die Begegnung mit sich selbst und mit Gott. Und sie bereiten sich, Menschen und Schöpfung mit achtsamer Aufmerksamkeit zu begegnen. Die Stille ist ein heilsames Elixier.
Text: Br. Bernd Kober, Kapuziner in Frankfurt am Main
