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9. Dezem­ber 2025

Mut zur Stille: echte Begegnung möglich machen

War­um die Stil­le suchen? Stil­le öff­net Türen, sie macht bereit für Begeg­nung. Mit Men­schen, der Schöp­fung und Gott. War­um die Stil­le ein heil­sa­mes Eli­xier ist, sagt Br. Bernd Kober. 

Elf Men­schen sit­zen im Turm­zim­mer der Lieb­frau­en­kir­che in Frank­furt am Main, einem gewölb­ten Raum aus dem 15. Jahr­hun­dert. Die Mau­ern mes­sen mehr als einen Meter Tie­fe. Durch ein Fens­ter drin­gen gedämpf­te Geräu­sche, Stim­men, far­bi­ges Licht. Im Raum ist es still. Schwei­ge­me­di­ta­ti­on. Jeden Frei­tag­abend. Ist die Tür geschlos­sen, wird nur wenig gesagt: kla­re Wor­te zu Hal­tung und Atmung, ein kur­zer Vers aus den Psal­men des Alten Tes­ta­ments wird zitiert. Dann brei­tet sich Stil­le aus. Und wenn nach einer hal­ben Stun­de das Bibel­wort wie­der­holt wird – in die Stil­le hin­ein – dann spürt man: Die Stil­le ist „etwas“. Sie wird wie zer­schnit­ten, auf­ge­bro­chen durch den Klang der Worte.

Stil­le ist kein Man­gel, kein Minus­be­reich, kei­ne Abwe­sen­heit von Geräusch oder Lärm. Sie ist eine akti­ve Kraft, eine Dyna­mik, eine Gegen­wart. Der Mensch ist bei sich zuhau­se. Er ist nicht außer sich. Er oder sie ist zurück­ge­kehrt, ein­ge­kehrt bei sich selbst. Das Gefla­cker der Bil­der, das Gewirr der Wor­te und Stim­men, das Vibrie­ren der Klän­ge, Geräu­sche und des Lärms wecken die äuße­ren Sin­ne, bin­den die Auf­merk­sam­keit, drin­gen ein und bewoh­nen den Men­schen. Wer die Stil­le sucht, kennt das. Die Ein­drü­cke des Tages gehen mit, klin­gen und schwin­gen nach und es braucht man­ches Mal gerau­me Zeit, bis sie aus­ge­klun­gen sind. Dann aber wei­tet sich ein inne­rer Raum, eine inne­re Tie­fe, die auch ein Abgrund sein kann. Inne­re Bewe­gun­gen, eige­ne Bewe­gun­gen wer­den spürbar.

Lichtvolles und Dunkles

Ob eine oder einer schwin­del­frei ist, kann nicht nur beim Berg­stei­gen von ent­schei­den­der Bedeu­tung sein. Wer die Tür zu den inne­ren Räu­men und Tie­fen öff­net, erschrickt hier und da vor den Kräf­ten, die dort wir­ken. Frei­lich kann die Stil­le ruhig und gelas­sen machen. Wer sich aber los­macht von äuße­ren Ablen­kun­gen, von all dem, was ihn aus sei­ner eige­nen Mit­te her­aus­zieht, der begeg­net sei­nem inne­ren Men­schen. Bil­der und Gefüh­le wer­den frei, die sonst kei­nen Raum haben. Erfül­len­des, Licht­vol­les kann stark wer­den, aber auch Dunk­les, Bizar­res, Ver­un­si­chern­des. Manch einem wird in der Stil­le nahe­zu der Boden unter den Füßen weg­ge­zo­gen. Stil­le braucht Mut – oder Gottvertrauen.

Franz von Assi­si hat­te Mut und Gott­ver­trau­en. Zu sei­nem Wachs­tums­weg gehört die Stil­le. Dort wächst er in die Tie­fe, wird auf­merk­sam auf nie Gese­he­nes und Gehör­tes. Der, der gern mit Freun­den fei­er­te und sich fei­ern ließ, dem es zuhau­se an nichts fehl­te, ver­lässt die siche­re Stadt. Er streift in den Wäl­dern umher, betet an ein­sa­men Orten. Er redu­ziert die äuße­ren Ein­drü­cke, um sich selbst auf die Spur zu kom­men. Die nicht for­mu­lier­te Vor­aus­set­zung: Wer sich selbst wirk­lich auf die Spur kommt, kommt auf Got­tes Spur. Denn der Mensch ist sich selbst ers­te Gabe, vom Schöp­fer sich anver­traut. In der Stil­le begeg­net Franz sich selbst. Und es öff­net sich eine neue Auf­merk­sam­keit, in der er Gott berührt.

Echte Begegnung wird möglich

Lärm ist kei­ne gute Vor­aus­set­zung für tie­fe Gesprä­che. Man zieht sich auto­ma­tisch zurück, um bes­ser zu hören. Die Stil­le ermög­licht ein Hören, das nicht nur mit dem Ohr geschieht. Im Raum der Stil­le beginnt der Mensch die Kon­tu­ren sei­nes Wesens zu erah­nen. Die Stil­le gibt den Wor­ten des Gegen­über ihre Kost­bar­keit und Wür­de zurück. Die Stil­le befä­higt zu ech­ter Begeg­nung. In der Stil­le kann Kraft bekom­men, was Gott in die Tie­fe des Men­schen gelegt hat – als Poten­ti­al und Talent. Aus der Stil­le wach­sen Musik, Poe­sie und Glau­be. Ohne Stil­le ver­küm­mert jede Kul­tur, denn Kul­tur ist nicht die ver­sier­te Wie­der­ho­lung des­sen, was ein­mal irgend­wann von irgend­wem gesagt und getan wur­de. Kul­tur ent­steht in der per­sön­li­chen, inne­ren Aneig­nung, die allein die Stil­le ermöglicht.

Papst Fran­zis­kus for­mu­lier­te sei­ner­zeit: „Wir wis­sen, dass der Glau­be kei­ne Theo­rie und auch kei­ne Wis­sen­schaft ist: Er ist eine Begeg­nung.“ Inmit­ten der dicken Mau­ern des Turm­zim­mers der Lieb­frau­en­kir­che machen Men­schen sich für die­se Begeg­nung bereit. Sie berei­ten sich für die Begeg­nung mit sich selbst und mit Gott. Und sie berei­ten sich, Men­schen und Schöp­fung mit acht­sa­mer Auf­merk­sam­keit zu begeg­nen. Die Stil­le ist ein heil­sa­mes Elixier.

Text: Br. Bernd Kober, Kapu­zi­ner in Frank­furt am Main

Der Beitrag ist zuerst in cap! erschienen, dem Magazin der Kapuziner. Das Winterheft 25.26 widmet sich dem Thema „Stille“. Mehr unter kapuziner.org/magazin.
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