Standpunkte

FOTO: KAPUZINER/LEDERSBERGER

BR. HARALD WEBER

ist Jahr­gang 1970 und Novi­zen­meis­ter im inter­na­tio­na­len Novi­zi­at der Kapu­zi­ner in Irland. Der Kapu­zi­ner und Pries­ter leb­te zuvor im Kapu­zi­ner­klos­ter in Werne.

20. April 2026

„Je mehr ich mich Gottes Liebe öffne, desto weniger muss ich mich beweisen“

Die heu­ti­ge Zeit scheint nur noch Raum für über­gro­ße Egos zu bie­ten. Doch das Gebot der Nächs­ten­lie­be kann hel­fen, den Nar­ziss­mus zu über­win­den. Ein Stand­punkt von Br. Harald Weber.

Jeder möch­te sich ger­ne in gutem Licht sehen. Den Einen gelingt das zweifel‑, manch­mal auch skru­pel­los, Ande­re hin­ge­gen rin­gen ein Leben lang mit Selbst­zwei­feln und neh­men an sich fast aus­schließ­lich das Nega­ti­ve wahr. Dass wir aner­kannt sein, etwas gel­ten, gut daste­hen wol­len, ist ja ganz nor­mal, menschlich.

Und doch irri­tiert mich, was mir in Repor­ta­gen, Talk­shows oder Nach­rich­ten­sen­dun­gen immer häu­fi­ger begeg­net: über­gro­ße Egos, die kei­nen Raum mehr las­sen für ande­re, sofern die­se sich nicht unter­ord­nen oder applau­die­ren. Viel­leicht ist das mein man­geln­des Selbst­be­wusst­sein, viel­leicht auch Betriebs­blind­heit und ich über­se­he sel­ber, wo ich in mei­nen Pro­jek­ten, Über­zeu­gun­gen und in mei­nem Stre­ben nach Aner­ken­nung die berech­tig­ten Bedürf­nis­se ande­rer aus dem Blick verliere.

Mein Werk­zeug zur Selbst­jus­tie­rung ist das Gebot der Nächs­ten­lie­be: Gott lie­ben und den Nächs­ten wie sich selbst. Hier ist auch schon die Abhän­gig­keit von­ein­an­der mit­for­mu­liert: Wer sich selbst nicht wahr­neh­men, anneh­men und in sei­ner Wahr­heit ach­ten kann, wird auch dem Mit­men­schen schwer gerecht. Lie­ben bedeu­tet nicht, Schwä­chen zu über­se­hen, son­dern sie aus­zu­hal­ten, ohne sich selbst oder den ande­ren dafür abzulehnen.

Die Fähig­keit zur Selbst­lie­be wur­zelt in der Erfah­rung, von Gott vor­be­halt­los geliebt zu sein. Und zwar von Anfang an, mit allen Stär­ken und Schwä­chen. Je mehr ich mich die­ser Lie­be öff­ne, des­to weni­ger muss ich mich bewei­sen. Dann darf ich ein­fach sein.

Aus die­ser Hal­tung kann Dank­bar­keit, Got­tes­lie­be und schließ­lich eine Lie­be zum ande­ren erwach­sen, die nicht ver­gleicht, die nicht nei­det und die kei­ne Kon­kur­renz kennt. Soll­te es mir gelin­gen, soweit zu kom­men, dann habe ich mei­ne Gel­tungs­sucht über­wun­den. Und muss viel­leicht auch nicht mehr an der Selbst­dar­stel­lung ande­rer leiden.

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