
FOTO: KAPUZINER/ANITA LEDERSBERGER
BR. CHRISTIAN ALBERT
wurde 1986 in Rinteln geboren. Mit 22 Jahren trat der gelernte Bankkaufmann in den Kapuzinerorden ein. Nach einer Ausbildung zum Koch lebte er einige Jahre im Kloster zum Mitleben in Stühlingen. Seit Juni 2020 arbeitet er als Missionar in Fushë-Arrëz in Albanien.
Nächstenliebe hört nicht an der eigenen Türschwelle auf
Verlangt christliche Nächstenliebe, die Liebe zu priorisieren? Nein, denn dann verliert sie ihren wahren Sinn und widerspricht dem christlichen Auftrag, sagt Br. Christian Albert in seinem Standpunkt.
Man stelle sich vor: Die Nächstenliebe ist ein Reihenhaus – oder im Fall von US-Vizepräsident J. D. Vance eine Villa mit markanter Veranda in einer parkähnlichen Umgebung. Drinnen sitzen Mutter, Vater und drei Kinder. Draußen steht ein Asylsuchender. Er klopft, bittet um Einlass. Im Haus wird diskutiert: Muss man wirklich jedem helfen?
In einem Interview sagte der US-Vizepräsident: „Du liebst deine Familie, dann deinen Nachbarn, dann deine Gemeinde, dann deine Mitbürger im eigenen Land und erst danach den Rest der Welt.“ Dies sei, so Vance, nicht nur gesunder Menschenverstand, sondern das christliche Prinzip des „ordo amoris“. Also eine Priorisierung der Liebe, die seiner Ansicht nach auch politische Konsequenzen haben müsse, etwa in der Migrationspolitik. Die gestaffelte Nächstenliebe hört also an der Gartenpforte auf. Für Geflüchtete bleibt da nichts übrig.
Thomas von Aquin wird in dieser Diskussion herangezogen. Dieser habe die Hierarchie der Liebe erfunden. Und tatsächlich unterscheidet der Theologe in seiner Ordnung der Nächstenliebe: Die eigene Familie steht uns naturgemäß näher als der Fremde. Daraus aber zu schließen, dass der Fremde keine Liebe verdient, das ist ein Kurzschluss. Thomas von Aquin schreibt: „Wir sollen allen Menschen Liebe erweisen, aber nicht allen in gleichem Maße.“ Die Liebe zum Nächsten ist universal, sie ist gestuft – nicht ausschließend. Wer daraus eine Lizenz zur Gleichgültigkeit bastelt, hat Thomas von Aquin gründlich missverstanden.
„JD Vance irrt: Jesus verlangt nicht von uns, unsere Liebe zu anderen zu priorisieren“, postete Kardinal Robert F. Prevost, der später zu Papst Leo XIV. gewählt wurde. Doch Vance und seine Apologeten hören lieber auf ihren inneren Hausmeister: Wer nicht zur Familie gehört, bleibt draußen. Für mich hingegen steht fest: Wer Nächstenliebe auf den eigenen Vorgarten begrenzt, macht aus dem Christentum eine Besitzstandswahrung. Das ist nicht katholisch, sondern kleingeistig.
