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FOTO: KAPUZINER/Tobias Rauser

Vertreibung

Die­se Sied­lung nahe des Kapu­zi­ner­klos­ters exis­tiert heu­te nicht mehr. Sie wur­de geräumt und die Bewoh­ner ins Umland vertrieben

2. Dezem­ber 2025

Orte der Hoffnung für Minderheiten am Rande

Sie wer­den in Alba­ni­en abfäl­lig „Mag­jiyp“ genannt: eth­ni­sche Grup­pen wie die Roma. Die Kapu­zi­ner im Land set­zen sich ganz kon­kret für eine bes­se­re Aus­bil­dung die­ser benach­tei­lig­ten Grup­pen ein.

In den ärm­li­chen Sied­lun­gen der Roma am Stadt­rand von Shko­dër in Alba­ni­en beginnt jeder Tag gleich: Zwei Leh­re­rin­nen stei­gen die Stu­fen am Berg­hang hin­ab, um die Kin­der aus ihrem Wohn­vier­tel abzu­ho­len. Die Behau­sun­gen lie­gen unter­halb der Schu­le und des Kin­der­gar­tens für Roma­kin­der. Bru­der Gjon Sht­jef­ni, ein alba­ni­scher Kapu­zi­ner, fährt in einem Klein­bus zu den ent­fern­ten Lager­plät­zen und beglei­tet die Kin­der zu jenem Ort, der für vie­le von ihnen Hoff­nung bedeu­tet. Die Schu­le der Kapu­zi­ner ist mehr als nur eine Betreu­ungs­ein­rich­tung – sie ist ein Zufluchts­ort in einer Gesell­schaft, die Roma sys­te­ma­tisch ausgrenzt.

In Alba­ni­en wer­den sie abfäl­lig „Mag­jyp“ genannt. Doch das beschreibt kei­ne homo­ge­ne eth­ni­sche Grup­pe. Der alba­ni­sche Sam­mel­be­griff umfasst ver­schie­de­ne Min­der­hei­ten, dar­un­ter Roma, Aro­mu­nen, Ash­ka­li und Bal­kan-Ägyp­ter. Sie unter­schei­den sich kul­tu­rell, ste­hen aber den sel­ben gesel­schaft­li­chen Her­aus­for­de­run­gen gegen­über. Dass die alba­ni­sche Mehr­heit in ihrer All­tags­spra­che kaum zwi­schen die­sen Grup­pen unter­schei­det, spie­gelt sich auch in der Schwie­rig­keit der sta­tis­ti­schen Erhe­bun­gen wider. Geschätzt bil­den etwa vier Pro­zent der Bevöl­ke­rung Alba­ni­ens die Grup­pe der RAE (Roma, Asch­ka­li und Ägyp­ter). Off­zi­ell wer­den jedoch nur 0,4 Pro­zent gezählt. Ein dras­ti­scher Unter­schied, der die pre­kä­re Situa­ti­on die­ser Min­der­heit wider­spie­gelt. Vie­le ver­ber­gen ihre Iden­ti­tät aus Angst vor Diskriminierung.

Am gesellschaftlichen Abgrund

Die Lebens­be­din­gun­gen der Roma in Alba­ni­en sind dra­ma­tisch schlecht: 38 Pro­zent leben in beschä­dig­ten Gebäu­den, 21 Pro­zent in pro­vi­so­ri­schen Unter­künf­ten. Weit ver­brei­te­te Armut, schlech­te Bil­dungs­chan­cen, wenig Mög­lich­kei­ten auf dem Arbeits­markt und kaum Zugang zur Gesund­heits­ver­sor­gung sind Fol­gen struk­tu­rel­ler Dis­kri­mi­nie­rung. Nur etwa sie­ben Pro­zent der Roma­haus­hal­te haben Zugang zu Com­pu­tern und damit zu Online­un­ter­richt, was beson­ders wäh­rend der Pan­de­mie den Zugang zu Bil­dung erschwerte.

Beson­ders dra­ma­tisch: Schät­zungs­wei­se 40 Pro­zent der Roma sind Analpha­be­ten. Vie­le sind nicht staat­lich regis­triert, was zur Fol­ge hat, dass ihnen wesent­li­che Grund­rech­te ver­wehrt blei­ben. Ohne Per­so­nal­do­ku­men­te haben Eltern und ihre Kin­der kei­nen Anspruch auf staat­li­che Diens­te wie ärzt­li­che Behand­lun­gen oder Schulbesuche.

Ein Lichtblick in Shkodër

Seit über zwei Jahr­zehn­ten enga­gie­ren sich die Kapu­zi­ner in Shko­dër für die Roma. „Als wir Brü­der nach der Wen­de in Shko­dër anka­men, wur­de uns klar, dass die Alpha­be­ti­sie­rung eine wich­ti­ge Auf­ga­be ist“, berich­tet Bru­der Bona­ven­tura Mos­suto, der die Schu­le 1999 grün­de­te. Spä­ter kam die Tages­ein­rich­tung mit dem Kin­der­gar­ten dazu. „Schu­le ist wich­tig, weil sie freie Men­schen schafft“, sag­te der Ordens­mann bei der Eröff­nungs­fei­er auch in Anspie­lung an den Namen des Vier­tels, in dem Kapu­zi­ner­klos­ter und Schu­le lie­gen: Lag­jia Liria (Frei­heits-Vier­tel).

Mit Beginn des Schul­jah­res 2025/26 sind 15 Kin­der im Kin­der­gar­ten der Kapu­zi­ner. Anschlie­ßend kön­nen sie in die Grund­schu­le wech­seln, von der ers­ten bis zur fünf­ten Klas­se. Die­se wird der­zeit von 30 Kin­dern besucht. Der Unter­richt ist gezielt auf ihre beson­de­re Situa­ti­on und Lebens­wirk­lich­keit abge­stimmt. „Die Schu­le ist staat­lich aner­kannt und erfüllt alle recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen“, erklärt Bru­der Gjon Sht­jef­ni, und ergänzt: „Im nor­ma­len Schul­sys­tem hätten
die Kin­der kei­ne Chance.“

Nach fünf Unter­richts­stun­den gibt es eine war­me Mahl­zeit. Bru­der Giu­sep­pe Biton­do kocht das Mit­tag­essen direkt vor Ort für die Kin­der, oft die ein­zi­ge voll­wer­ti­ge Mahl­zeit des Tages. Am Nach­mit­tag kön­nen die Kin­der in der Tages­be­treu­ung blei­ben und dort zum Bei­spiel ihre Haus­auf­ga­ben erle­di­gen. Denn zu Hau­se bei ihren Groß­fa­mi­li­en ist nur wenig Platz. In den meis­ten Häu­sern und Zel­ten gibt es nicht ein­mal einen Stuhl und einen Tisch, an dem sie ler­nen könnten.

Brücken bauen in der Gesellschaft

Die Her­aus­for­de­run­gen sind immens. Wäh­rend der Coro­na-Pan­de­mie wur­den Roma als Sün­den­bö­cke für die Ver­brei­tung des Virus ver­ant­wort­lich gemacht. Ver­ba­le und kör­per­li­che Angrif­fe nah­men zu. Rechts­wid­ri­ge Zwangs­räu­mun­gen ver­sto­ßen zwar gegen die Men­schen­rech­te, den­noch ord­nen Städ­te wie Tira­na und Shko­dër immer wie­der kurz­fris­tig Räu­mun­gen an. Oft wer­den sol­che Zwangs­räu­mun­gen ohne Vor­ankün­di­gung durchgesetzt.

Trotz aller Wid­rig­kei­ten set­zen die Kapu­zi­ner ihre Arbeit fort. Sie wis­sen: Jedes Kind, das lesen und schrei­ben lernt, jede Fami­lie, die Zugang zu Bil­dung erhält, ist ein klei­ner Sieg gegen Aus­gren­zung und Vor­ur­tei­le. Über die Jah­re konn­ten die Kapu­zi­ner ein Netz­werk von Frei­wil­li­gen eta­blie­ren. Zum Bei­spiel orga­ni­sie­ren sie außer­schu­li­sche Akti­vi­tä­ten, wie Frei­zeit­an­ge­bo­te in den Schul­fe­ri­en. Dar­über sind Kon­tak­te und Freund­schaf­ten ent­stan­den, zwi­schen Men­schen, die durch Vor­ur­tei­le und Aus­gren­zung in der alba­ni­schen Gesell­schaft nor­ma­ler­wei­se kei­ne Ver­bin­dung zuein­an­der haben.

Auch laden die Kapu­zi­ner ehe­ma­li­ge Schü­le­rin­nen und Schü­ler zu regel­mä­ßi­gen Tref­fen ein. Damit haben sie einen geschütz­ten Raum geschaf­fen, um über Pro­ble­me, Her­aus­for­de­run­gen, Dis­kri­mi­nie­rung aber auch freu­di­ge Ereig­nis­se im Leben der jun­gen Men­schen zu sprechen.

Ein franziskanischer Auftrag

Die Arbeit der Kapu­zi­ner für die Roma ent­spricht ihrem fran­zis­ka­ni­schen Cha­ris­ma: an der Sei­te der Armen und Aus­ge­schlos­se­nen zu ste­hen. In einer Gesell­schaft, die die Roma als Pro­blem betrach­tet, sehen die Ordens­män­ner in ihnen Schwes­tern und Brü­der. Men­schen mit unver­äu­ßer­li­chen Rech­ten und unbe­grenz­tem Poten­zi­al. Fran­zis­kus ging zu den Aus­sät­zi­gen sei­ner Zeit. In Alba­ni­en sind es heu­te die Roma, die am Rand der Gesell­schaft ste­hen. Der Auf­trag hat sich nicht geändert.

Die Kapu­zi­ner sind der­zeit an drei Orten in Alba­ni­en aktiv: neben Shko­dër auch in Nens­hat und in der Berg­re­gi­on in Fus­hë-Arrëz. Ins­ge­samt leben neun Kapu­zi­ner in dem ehe­mals iso­lier­ten kom­mu­nis­ti­schen Land, das sich erst 1990 wie­der öff­ne­te. Die Brü­der stam­men aus Alba­ni­en, Deutsch­land und Italien.

Die Geschich­te der Roma in Alba­ni­en ist noch lan­ge nicht zu Ende geschrie­ben. Aber in den Gesich­tern der Kin­der im Pro­jek­ti Romë in Shko­dër, die täg­lich aus ihren Sied­lun­gen zur Schu­le abge­holt wer­den und ler­nen dür­fen, liegt ein Fun­ke Hoff­nung. Genährt von der uner­schüt­ter­li­chen Über­zeu­gung der Kapu­zi­ner, dass jeder Mensch Got­tes gelieb­tes Kind ist.

Text: Br. Chris­ti­an Albert. Br. Chris­ti­an lebt als Kapu­zi­ner in Albanien

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