
FOTO: KAPUZINER/Tobias Rauser
Vertreibung
Diese Siedlung nahe des Kapuzinerklosters existiert heute nicht mehr. Sie wurde geräumt und die Bewohner ins Umland vertrieben
Orte der Hoffnung für Minderheiten am Rande
Sie werden in Albanien abfällig „Magjiyp“ genannt: ethnische Gruppen wie die Roma. Die Kapuziner im Land setzen sich ganz konkret für eine bessere Ausbildung dieser benachteiligten Gruppen ein.
In den ärmlichen Siedlungen der Roma am Stadtrand von Shkodër in Albanien beginnt jeder Tag gleich: Zwei Lehrerinnen steigen die Stufen am Berghang hinab, um die Kinder aus ihrem Wohnviertel abzuholen. Die Behausungen liegen unterhalb der Schule und des Kindergartens für Romakinder. Bruder Gjon Shtjefni, ein albanischer Kapuziner, fährt in einem Kleinbus zu den entfernten Lagerplätzen und begleitet die Kinder zu jenem Ort, der für viele von ihnen Hoffnung bedeutet. Die Schule der Kapuziner ist mehr als nur eine Betreuungseinrichtung – sie ist ein Zufluchtsort in einer Gesellschaft, die Roma systematisch ausgrenzt.
In Albanien werden sie abfällig „Magjyp“ genannt. Doch das beschreibt keine homogene ethnische Gruppe. Der albanische Sammelbegriff umfasst verschiedene Minderheiten, darunter Roma, Aromunen, Ashkali und Balkan-Ägypter. Sie unterscheiden sich kulturell, stehen aber den selben geselschaftlichen Herausforderungen gegenüber. Dass die albanische Mehrheit in ihrer Alltagssprache kaum zwischen diesen Gruppen unterscheidet, spiegelt sich auch in der Schwierigkeit der statistischen Erhebungen wider. Geschätzt bilden etwa vier Prozent der Bevölkerung Albaniens die Gruppe der RAE (Roma, Aschkali und Ägypter). Offziell werden jedoch nur 0,4 Prozent gezählt. Ein drastischer Unterschied, der die prekäre Situation dieser Minderheit widerspiegelt. Viele verbergen ihre Identität aus Angst vor Diskriminierung.
Am gesellschaftlichen Abgrund
Die Lebensbedingungen der Roma in Albanien sind dramatisch schlecht: 38 Prozent leben in beschädigten Gebäuden, 21 Prozent in provisorischen Unterkünften. Weit verbreitete Armut, schlechte Bildungschancen, wenig Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt und kaum Zugang zur Gesundheitsversorgung sind Folgen struktureller Diskriminierung. Nur etwa sieben Prozent der Romahaushalte haben Zugang zu Computern und damit zu Onlineunterricht, was besonders während der Pandemie den Zugang zu Bildung erschwerte.
Besonders dramatisch: Schätzungsweise 40 Prozent der Roma sind Analphabeten. Viele sind nicht staatlich registriert, was zur Folge hat, dass ihnen wesentliche Grundrechte verwehrt bleiben. Ohne Personaldokumente haben Eltern und ihre Kinder keinen Anspruch auf staatliche Dienste wie ärztliche Behandlungen oder Schulbesuche.
Ein Lichtblick in Shkodër
Seit über zwei Jahrzehnten engagieren sich die Kapuziner in Shkodër für die Roma. „Als wir Brüder nach der Wende in Shkodër ankamen, wurde uns klar, dass die Alphabetisierung eine wichtige Aufgabe ist“, berichtet Bruder Bonaventura Mossuto, der die Schule 1999 gründete. Später kam die Tageseinrichtung mit dem Kindergarten dazu. „Schule ist wichtig, weil sie freie Menschen schafft“, sagte der Ordensmann bei der Eröffnungsfeier auch in Anspielung an den Namen des Viertels, in dem Kapuzinerkloster und Schule liegen: Lagjia Liria (Freiheits-Viertel).
Mit Beginn des Schuljahres 2025/26 sind 15 Kinder im Kindergarten der Kapuziner. Anschließend können sie in die Grundschule wechseln, von der ersten bis zur fünften Klasse. Diese wird derzeit von 30 Kindern besucht. Der Unterricht ist gezielt auf ihre besondere Situation und Lebenswirklichkeit abgestimmt. „Die Schule ist staatlich anerkannt und erfüllt alle rechtlichen Voraussetzungen“, erklärt Bruder Gjon Shtjefni, und ergänzt: „Im normalen Schulsystem hätten
die Kinder keine Chance.“
Nach fünf Unterrichtsstunden gibt es eine warme Mahlzeit. Bruder Giuseppe Bitondo kocht das Mittagessen direkt vor Ort für die Kinder, oft die einzige vollwertige Mahlzeit des Tages. Am Nachmittag können die Kinder in der Tagesbetreuung bleiben und dort zum Beispiel ihre Hausaufgaben erledigen. Denn zu Hause bei ihren Großfamilien ist nur wenig Platz. In den meisten Häusern und Zelten gibt es nicht einmal einen Stuhl und einen Tisch, an dem sie lernen könnten.
Brücken bauen in der Gesellschaft
Die Herausforderungen sind immens. Während der Corona-Pandemie wurden Roma als Sündenböcke für die Verbreitung des Virus verantwortlich gemacht. Verbale und körperliche Angriffe nahmen zu. Rechtswidrige Zwangsräumungen verstoßen zwar gegen die Menschenrechte, dennoch ordnen Städte wie Tirana und Shkodër immer wieder kurzfristig Räumungen an. Oft werden solche Zwangsräumungen ohne Vorankündigung durchgesetzt.
Trotz aller Widrigkeiten setzen die Kapuziner ihre Arbeit fort. Sie wissen: Jedes Kind, das lesen und schreiben lernt, jede Familie, die Zugang zu Bildung erhält, ist ein kleiner Sieg gegen Ausgrenzung und Vorurteile. Über die Jahre konnten die Kapuziner ein Netzwerk von Freiwilligen etablieren. Zum Beispiel organisieren sie außerschulische Aktivitäten, wie Freizeitangebote in den Schulferien. Darüber sind Kontakte und Freundschaften entstanden, zwischen Menschen, die durch Vorurteile und Ausgrenzung in der albanischen Gesellschaft normalerweise keine Verbindung zueinander haben.
Auch laden die Kapuziner ehemalige Schülerinnen und Schüler zu regelmäßigen Treffen ein. Damit haben sie einen geschützten Raum geschaffen, um über Probleme, Herausforderungen, Diskriminierung aber auch freudige Ereignisse im Leben der jungen Menschen zu sprechen.
Ein franziskanischer Auftrag
Die Arbeit der Kapuziner für die Roma entspricht ihrem franziskanischen Charisma: an der Seite der Armen und Ausgeschlossenen zu stehen. In einer Gesellschaft, die die Roma als Problem betrachtet, sehen die Ordensmänner in ihnen Schwestern und Brüder. Menschen mit unveräußerlichen Rechten und unbegrenztem Potenzial. Franziskus ging zu den Aussätzigen seiner Zeit. In Albanien sind es heute die Roma, die am Rand der Gesellschaft stehen. Der Auftrag hat sich nicht geändert.
Die Kapuziner sind derzeit an drei Orten in Albanien aktiv: neben Shkodër auch in Nenshat und in der Bergregion in Fushë-Arrëz. Insgesamt leben neun Kapuziner in dem ehemals isolierten kommunistischen Land, das sich erst 1990 wieder öffnete. Die Brüder stammen aus Albanien, Deutschland und Italien.
Die Geschichte der Roma in Albanien ist noch lange nicht zu Ende geschrieben. Aber in den Gesichtern der Kinder im Projekti Romë in Shkodër, die täglich aus ihren Siedlungen zur Schule abgeholt werden und lernen dürfen, liegt ein Funke Hoffnung. Genährt von der unerschütterlichen Überzeugung der Kapuziner, dass jeder Mensch Gottes geliebtes Kind ist.
Text: Br. Christian Albert. Br. Christian lebt als Kapuziner in Albanien
