
FOTO: KAPUZINER/LEDERSBERGER
BR. CHRISTOPHORUS GOEDEREIS
wurde 1965 in Nordhorn geboren. Seit 1984 ist er Kapuziner und lebt zurzeit im Kapuzinerkloster im niederländischen Velp.
Pfingsten: Was der Mensch zum Leben braucht
Pfingsten führt uns zurück zu den Quellen. Es erinnert an das, was Gott der Menschheit mitgegeben hat. An Pfingsten stellen wir die Frage: Was benötigen wir zum Leben? Ein Impuls von Br. Christophorus Goedereis.
Pfingsten bringt uns zurück zu den Wurzeln unseres jüdisch-christlichen Ursprungs. Sieben Wochen lang haben wir nun die Osterzeit gefeiert. Sie endet am 50. Tag mit dem Pfingstfest (griechisch pentekoste = der fünfzigste). Diese symbolische Zahl stammt aus dem Alten Testament. Sie geht zurück auf den 50. Tag nach dem jüdischen Pessachfest. Dieser 50. Tag heißt in der jüdischen Tradition „Schawuot“ und dient dem Gedenken der Offenbarung Gottes in der Tora (also in den heiligen fünf Büchern Mose) sowie in den zehn Geboten. Das Schawuot-Fest, 50 Tage nach dem jüdischen Hauptfest Pessach, ist damit die Feier der Vollendung der Gottesoffenbarung im Alten Testament.
Pfingsten hingegen, 50 Tage nach dem christlichen Hauptfest Ostern, bildet die Vollendung der Gottesoffenbarung im Neuen Testament. Nach Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu werden die Jünger und die Frauen, die Jesus folgten, nun gleichsam in die „Selbstständigkeit“ entlassen. Der auferstandene, leibhaftige Jesus ist nicht mehr unter ihnen. Die Zeit der Selbstoffenbarung Gottes ist vollendet. Der Heilige Geist wird die Menschen weiter begleiten, immer tiefer in die Wahrheit Gottes einführen, er wird die Gläubigen trösten und leiten, so sagt man – aber eigentlich hat Gott durch sein Handeln im Alten wie im Neuen Bund der Menschheit nun alles hinterlassen, was sie zum Leben nötig hat.
Diese Hinterlassenschaft hat konkrete Gestalt. Sie zeigt sich in dem, was wir unseren gemeinsamen jüdisch-christlichen Ursprung nennen können: in Werten wie Gottesebenbildlichkeit, Menschenwürde, Gleichheit, Gerechtigkeit, Vergebung, Versöhnung, Demut, Frieden, Umkehr und Neubeginn. Sie zeigt sich in den Zehn Geboten, im Handeln und in der Botschaft Jesu, in den Seligpreisungen der Bergpredigt und im Handeln Gottes selbst.
Die Pfingstsequenz spricht von den sieben Gaben des Heiligen Geistes: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Haltungen, die wir heute dringender brauchen denn je. Wissenschaft ohne Weisheit führt an den Rand des Abgrunds. Politisches Handeln ohne Verstand, ohne Demut und ohne Rat bringt die Welt in bedrohliche Szenarien.
Pfingsten erinnert uns: Die Frage „Was ist der Mensch?“ gehört neu in den Mittelpunkt unseres Handelns. Im Kleinen wie im Großen, in Wissenschaft und Politik, im persönlichen Leben.
