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2. Sep­tem­ber 2025

Seenotrettung auf dem Mittelmeer: „Wir löschen nur das Feuer“

Jakob Früh­mann kämpft für die Leben von flüch­ten­den Men­schen auf dem Mit­tel­meer. Die Lei­den­schaft des beur­laub­ten Reli­gi­ons­leh­rers gilt dem Kampf gegen unge­rech­te Politik.

Der gebür­ti­ge Süd­bur­gen­län­der Jakob Früh­mann arbei­tet für den deut­schen Ver­ein Sea Watch, der sich die Ret­tung von Men­schen zum Ziel setzt, die im Mit­tel­meer in See­not gera­ten. Für die­se Ret­tungs­ein­sät­ze setzt Sea Watch Schif­fe und Auf­klä­rungs-Flug­zeu­ge ein. Jakob Früh­mann ist einer der See­not­ret­ter. Der 34-jäh­ri­ge Wie­ner war zunächst jah­re­lang auf den Schif­fen unter­wegs, seit vier Jah­ren beob­ach­tet er nun vom Flug­zeug aus, wel­che Boo­te, oft in jäm­mer­li­chem Zustand, sich von nord­afri­ka­ni­schen Küs­ten aus über das Mit­tel­meer in Rich­tung Euro­pa mühen.

Es ist das Jahr 2014, Jakob Früh­mann ist Stu­dent in Wien, und die gro­ße Flucht­be­we­gung aus dem Nahen und Mitt­le­ren Osten setzt ein. Früh­mann empört sich über die Umstän­de, wie Flüch­ten­de an den euro­päi­schen Gren­zen abge­wie­sen wer­den, und eini­ge dabei umkom­men. Der Stu­dent kennt sich mit Schif­fen aus, hat meh­re­re Segel­schei­ne erwor­ben. Und er ist poli­tisch enga­giert. Er will nicht zuse­hen, son­dern han­deln. Was also tun?

Der dama­li­ge Stu­dent stö­bert nach Gleich­ge­sinn­ten, fin­det sie in Ber­lin und schreibt sie an. „In Wien gab es damals in die­se Rich­tung gar nie­man­den“, erin­nert sich der Theo­lo­ge. Doch er will nicht wei­ter allein auf wei­ter Flur sein. Mit den Mit­strei­tern aus Ber­lin ist er sich einig: Die Men­schen müs­sen vor dem Unter­gang im Mit­tel­meer geret­tet wer­den. Dabei zuzu­se­hen, oder eher: weg­zu­se­hen, ist für ihn kei­ne Opti­on, ist uner­träg­lich. Gesagt, getan.

Jakob Früh­mann heu­ert auf den Schif­fen der Orga­ni­sa­ti­on Sea Watch an. Er ist zunächst als Matro­se unter­wegs, spä­ter lei­tet er Ein­sät­ze auf den Schif­fen. Heu­te arbei­tet der Wie­ner in den Flug­zeu­gen der See­not­ret­tung. Sie machen Auf­klä­rungs­flü­ge über dem Meer und spre­chen sich mit den Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in den Schif­fen und an Land ab. Ein typi­scher Funk­spruch sieht so aus: „Unter mir befin­den sich hun­dert Men­schen, viel­leicht hun­dert­drei­ßig. Sie sit­zen in einem grau­en Gum­mi­boot, es scheint beschä­digt zu sein. Der Motor ist aus­ge­schal­tet, die Men­schen win­ken um Hil­fe, die See frischt bedroh­lich auf “, berich­tet Jakob Früh­mann aus sei­nem Alltag.

War­um tut er das? War­um tut er sich das an, ist unent­wegt zwi­schen den Küs­ten unter­wegs – Liby­en, Tune­si­en, Lam­pe­du­sa, Mal­ta? Ein öster­rei­chi­scher Gym­na­si­al­leh­rer, der in sei­ner Hei­mat ein gutes Leben haben könn­te. Die Ant­wort: Unge­rech­tig­kei­ten trei­ben den jun­gen Theo­lo­gen um. „Als Euro­pä­er kann ich mit mei­nem Rei­se­pass durch die Welt rei­sen, wie ich lus­tig bin. Ande­re Men­schen müs­sen flüch­ten, kön­nen nicht legal rei­sen und kom­men dabei ums Leben. Wir in Euro­pa sind pri­vi­le­giert, und da müs­sen wir ande­ren hel­fen“, ist sein Antrieb.

„Es darf nicht sein, dass Men­schen durch Armut oder Kriegs­ge­walt ihre Hei­mat ver­las­sen und eine gefähr­li­che Flucht auf sich neh­men müs­sen. Doch die ein­zi­ge Ant­wort, die uns Euro­pä­ern ein­fällt, ist das Auf­wei­chen des Men­schen­rechts auf Asyl. Mei­ner Mei­nung nach ist das nicht ver­han­del­bar, da müs­sen wir Zivil­cou­ra­ge zei­gen und stand­haft blei­ben“, ist Jakob Früh­mann über­zeugt und packt an.

Früh­mann hat Ger­ma­nis­tik, Katho­li­sche Theo­lo­gie und Inter­na­tio­na­le Ent­wick­lung stu­diert, unter­rich­te­te an einem Wie­ner Gym­na­si­um Deutsch, Katho­li­sche Reli­gi­ons­leh­re und Ethik, ist aber seit vier Jah­ren vom Lehr­be­ruf frei­ge­stellt, damit er im und über dem zen­tra­len Mit­tel­meer unter­wegs sein kann. In Öster­reich ist er nur alle paar Mona­te, um in Vor­trä­gen von sei­ner Arbeit zu berich­ten oder Freun­de und Fami­lie zu treffen.

Hier befällt ihn immer wie­der ein Gefühl der Ohn­macht, dass sich poli­ti­sche Umstän­de nicht ändern wer­den, sodass Flüch­ten­de sicher in Euro­pa ankom­men kön­nen. Ohne Not­hil­fe im Was­ser. „Unse­re Prä­senz im Mit­tel­meer kann höchs­tens immer wie­der auf die töd­li­chen Miss­stän­de hin­wei­sen, dau­er­haft an der euro­päi­schen Migra­ti­ons­po­li­tik kann mei­ne Arbeit offen­bar nichts ändern. Wir bekämp­fen nicht die Brand­ur­sa­chen, son­dern löschen nur das Feu­er“, sagt der Seenotretter.

Die Ein­sät­ze von Sea Watch wer­den durch Spen­den finan­ziert – von Insti­tu­tio­nen und Ein­zel­per­so­nen, denen der lebens­ret­ten­de Ein­satz Geld wert ist. Der aus­ge­bil­de­te, aber beur­laub­te Leh­rer finan­ziert sei­ne frei­wil­li­ge Arbeit am Mit­tel­meer durch kom­mer­zi­el­le Ein­sät­ze auf ande­ren Schif­fen: Er beglei­tet als See­mann Jugend­li­che für das erleb­nis­päd­ago­gi­sche Pro­jekt ‚Klas­sen­zim­mer unter Segeln‘ auf gro­ßen Segel­schif­fen. Damit hält er sich über Wasser.

Jakob Früh­mann freut sich schon dar­auf, dass er eines Tages wie­der in Wien in sei­nem eigent­li­chen Leh­rer­job arbei­ten kann. Doch wenn bis dort­hin kei­ne Wun­der gesche­hen, wird er wohl noch vie­le Men­schen aus den Flu­ten des Mit­tel­meers ret­ten müssen.

 

Die­ser Text von Br. Micha­el Mas­seo Mal­d­a­cker ist zuerst in cap! erschie­nen, dem Maga­zin der Kapu­zi­ner. 

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