
FOTO: CHRIS GRODOTZKI
Seenotrettung auf dem Mittelmeer: „Wir löschen nur das Feuer“
Jakob Frühmann kämpft für die Leben von flüchtenden Menschen auf dem Mittelmeer. Die Leidenschaft des beurlaubten Religionslehrers gilt dem Kampf gegen ungerechte Politik.
Der gebürtige Südburgenländer Jakob Frühmann arbeitet für den deutschen Verein Sea Watch, der sich die Rettung von Menschen zum Ziel setzt, die im Mittelmeer in Seenot geraten. Für diese Rettungseinsätze setzt Sea Watch Schiffe und Aufklärungs-Flugzeuge ein. Jakob Frühmann ist einer der Seenotretter. Der 34-jährige Wiener war zunächst jahrelang auf den Schiffen unterwegs, seit vier Jahren beobachtet er nun vom Flugzeug aus, welche Boote, oft in jämmerlichem Zustand, sich von nordafrikanischen Küsten aus über das Mittelmeer in Richtung Europa mühen.
Es ist das Jahr 2014, Jakob Frühmann ist Student in Wien, und die große Fluchtbewegung aus dem Nahen und Mittleren Osten setzt ein. Frühmann empört sich über die Umstände, wie Flüchtende an den europäischen Grenzen abgewiesen werden, und einige dabei umkommen. Der Student kennt sich mit Schiffen aus, hat mehrere Segelscheine erworben. Und er ist politisch engagiert. Er will nicht zusehen, sondern handeln. Was also tun?
Der damalige Student stöbert nach Gleichgesinnten, findet sie in Berlin und schreibt sie an. „In Wien gab es damals in diese Richtung gar niemanden“, erinnert sich der Theologe. Doch er will nicht weiter allein auf weiter Flur sein. Mit den Mitstreitern aus Berlin ist er sich einig: Die Menschen müssen vor dem Untergang im Mittelmeer gerettet werden. Dabei zuzusehen, oder eher: wegzusehen, ist für ihn keine Option, ist unerträglich. Gesagt, getan.
Jakob Frühmann heuert auf den Schiffen der Organisation Sea Watch an. Er ist zunächst als Matrose unterwegs, später leitet er Einsätze auf den Schiffen. Heute arbeitet der Wiener in den Flugzeugen der Seenotrettung. Sie machen Aufklärungsflüge über dem Meer und sprechen sich mit den Kolleginnen und Kollegen in den Schiffen und an Land ab. Ein typischer Funkspruch sieht so aus: „Unter mir befinden sich hundert Menschen, vielleicht hundertdreißig. Sie sitzen in einem grauen Gummiboot, es scheint beschädigt zu sein. Der Motor ist ausgeschaltet, die Menschen winken um Hilfe, die See frischt bedrohlich auf “, berichtet Jakob Frühmann aus seinem Alltag.
Warum tut er das? Warum tut er sich das an, ist unentwegt zwischen den Küsten unterwegs – Libyen, Tunesien, Lampedusa, Malta? Ein österreichischer Gymnasiallehrer, der in seiner Heimat ein gutes Leben haben könnte. Die Antwort: Ungerechtigkeiten treiben den jungen Theologen um. „Als Europäer kann ich mit meinem Reisepass durch die Welt reisen, wie ich lustig bin. Andere Menschen müssen flüchten, können nicht legal reisen und kommen dabei ums Leben. Wir in Europa sind privilegiert, und da müssen wir anderen helfen“, ist sein Antrieb.
„Es darf nicht sein, dass Menschen durch Armut oder Kriegsgewalt ihre Heimat verlassen und eine gefährliche Flucht auf sich nehmen müssen. Doch die einzige Antwort, die uns Europäern einfällt, ist das Aufweichen des Menschenrechts auf Asyl. Meiner Meinung nach ist das nicht verhandelbar, da müssen wir Zivilcourage zeigen und standhaft bleiben“, ist Jakob Frühmann überzeugt und packt an.
Frühmann hat Germanistik, Katholische Theologie und Internationale Entwicklung studiert, unterrichtete an einem Wiener Gymnasium Deutsch, Katholische Religionslehre und Ethik, ist aber seit vier Jahren vom Lehrberuf freigestellt, damit er im und über dem zentralen Mittelmeer unterwegs sein kann. In Österreich ist er nur alle paar Monate, um in Vorträgen von seiner Arbeit zu berichten oder Freunde und Familie zu treffen.
Hier befällt ihn immer wieder ein Gefühl der Ohnmacht, dass sich politische Umstände nicht ändern werden, sodass Flüchtende sicher in Europa ankommen können. Ohne Nothilfe im Wasser. „Unsere Präsenz im Mittelmeer kann höchstens immer wieder auf die tödlichen Missstände hinweisen, dauerhaft an der europäischen Migrationspolitik kann meine Arbeit offenbar nichts ändern. Wir bekämpfen nicht die Brandursachen, sondern löschen nur das Feuer“, sagt der Seenotretter.
Die Einsätze von Sea Watch werden durch Spenden finanziert – von Institutionen und Einzelpersonen, denen der lebensrettende Einsatz Geld wert ist. Der ausgebildete, aber beurlaubte Lehrer finanziert seine freiwillige Arbeit am Mittelmeer durch kommerzielle Einsätze auf anderen Schiffen: Er begleitet als Seemann Jugendliche für das erlebnispädagogische Projekt ‚Klassenzimmer unter Segeln‘ auf großen Segelschiffen. Damit hält er sich über Wasser.
Jakob Frühmann freut sich schon darauf, dass er eines Tages wieder in Wien in seinem eigentlichen Lehrerjob arbeiten kann. Doch wenn bis dorthin keine Wunder geschehen, wird er wohl noch viele Menschen aus den Fluten des Mittelmeers retten müssen.
Dieser Text von Br. Michael Masseo Maldacker ist zuerst in cap! erschienen, dem Magazin der Kapuziner.
