Interview

FOTO: KAPUZINER/LEDERSBERGER

BR. LUC VANSINA

wur­de 1958 im bel­gi­schen Turn­hout gebo­ren. 1984 trat er in den Kapu­zi­ner­or­den ein, 1990 leg­te er die ewi­gen Gelüb­de ab.

2. Febru­ar 2026

„Sollen wir wieder den Pater holen?“

Br. Luc Van­si­na war 27 Jah­re im Kon­go als Kapu­zi­ner und Mis­sio­nar tätig. Im Inter­view auf kapuziner.org berich­tet der Ordens­mann über Lebens­ge­fahr, Frie­dens­boo­te und Ver­hand­lun­gen mit Rebellen.

Br. Luc, Sie sind Kapu­zi­ner und Mis­sio­nar. Wie kam es dazu?

Br. Luc Van­si­na: Ich wur­de in einem klei­nen bel­gi­schen Dörf­chen als zwei­tes von acht Kin­dern in einer sehr reli­giö­sen Fami­lie gebo­ren. In unser Dorf kamen regel­mä­ßig zwei Mis­si­ons­schwes­tern zum Pre­di­gen, das war der Beginn mei­ner Beru­fung zum Mis­sio­nar. Erst spä­ter bin ich den Kapu­zi­nern begegnet.

Die Beru­fung zum Mis­sio­nar stand am Anfang?

Ja, genau. Die Spi­ri­tua­li­tät des Fran­zis­kus habe ich erst spä­ter ken­nen­ge­lernt. 1985 habe ich mein Novi­zi­at in Frank­reich gemacht, ein vier­mo­na­ti­ges Prak­ti­kum war Teil davon. Ich ging in den Kon­go. Von dort schrieb ich nach Hau­se: Ich bin auf einem ande­ren Pla­ne­ten. Ich hat­te gedacht, die Zeit der Strohröck­chen und Lehm­hüt­ten sei vor­bei. Falsch gedacht.

Spä­ter ging es wie­der zu einem aben­teu­er­li­chen Ein­satz in den Kongo. 

So ist es. Im Jahr 1991 bin ich als Kapu­zi­ner in sehr schwie­ri­gen Zei­ten in den Kon­go gegan­gen: Ich war erst 14 Tage dort, als Plün­de­run­gen aus­bra­chen. Nach einem Monat wur­den wir von fran­zö­si­schen Fall­schirm­jä­gern eva­ku­iert. Vier Mona­te spä­ter kam ich zurück und ent­deck­te, dass alles gestoh­len wor­den war. Sechs Wochen spä­ter kam es zu einem Mas­sa­ker an Chris­ten, aber ich bin im Land geblieben.

Was war das für eine Zeit?

In die­ser Zeit muss­te ich mich oft selbst zurecht­fin­den. Ich war neu, ich wuss­te nichts, ich muss­te sehr schnell ler­nen, denn davon hing buch­stäb­lich Leben ab. Es ging dar­um, kon­kre­te Lösun­gen zu fin­den. Nichts zu tun war für mich kei­ne Opti­on. In Kin­sha­sa habe ich dann ein medi­zi­ni­sches Zen­trum gegrün­det. Der Bedarf an medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung war sehr groß, die Schlaf­krank­heit brach aus, es gab alle mög­li­chen Epi­de­mien. Ich begann Medi­ka­men­te in Kin­sha­sa zu ver­tei­len. Das bedeu­te­te vie­le Gesprä­che mit Spen­dern, Flug­ge­sell­schaf­ten und loka­len Organisationen.

Sie waren dort auch für eine die­ser Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen tätig.

Genau. Die Kapu­zi­ner wur­den von der Orga­ni­sa­ti­on Memi­sa gebe­ten, im Kon­go aktiv zu sein. Zu die­sem Zeit­punkt war der Kon­go in drei Tei­le geteilt: Kin­sha­sa, die Äqua­to­ri­al­pro­vinz und Kis­an­gani. Wir orga­ni­sier­ten die ers­ten Flug­zeu­ge mit Hilfs­gü­tern von Kin­sha­sa in die bei­den Rebel­len­ge­bie­te. Danach orga­ni­sier­ten wir soge­nann­te Frie­dens­boo­te. Als neu­tra­le Orga­ni­sa­ti­on konn­ten wir mit der Regie­rung und den Rebel­len­grup­pen verhandeln.

Was ist ein Friedensboot?

In der Äqua­to­ri­al­pro­vinz, die zehn­mal so groß ist wie Bel­gi­en, herrsch­te gro­ßer Bedarf an Medi­ka­men­ten, Schul­ma­te­ri­al, Saat­gut und Bau­ma­te­ri­al. Das Ziel war, Pro­duk­te von Kin­sha­sa dort­hin zu brin­gen und den Ver­kehr auf dem Fluss wie­der zu öff­nen. Umge­kehrt man­gel­te es in Kin­sha­sa an Nah­rung, weil kein Mais oder Reis mehr aus dem Lan­des­in­ne­ren nach Kin­sha­sa gelang­te. In Zusam­men­ar­beit mit dem Minis­te­ri­um und den Ver­ein­ten Natio­nen konn­ten schließ­lich die ers­ten Frie­dens­boo­te fah­ren. So kam der Ver­kehr auf dem Fluss all­mäh­lich wie­der in Gang, eben­so wie der Flugverkehr.

Waren die Kapu­zi­ner als neu­tra­le Ver­mitt­lungs­or­ga­ni­sa­ti­on anerkannt?

Ja, so war es. Ein Rebel­len­füh­rer sag­te damals zu mir, der Umgang mit Kapu­zi­ner­pa­tres sei nicht ein­fach. Ich sag­te dann: „Dann hast du Glück, denn ich bin kein Pater, son­dern ein Bru­der.“ Da muss­te auch er lachen. Aber natür­lich hat­ten die Rebel­len Angst, dass mit den Flug­zeu­gen und Boo­ten auch Waf­fen kom­men wür­den. Ich habe mich dann per­sön­lich in die Flug­zeu­ge und auf die Boo­te gesetzt. Das waren 30 Tage auf dem Boot: 11 Tage hin, 10 Tage dort, 9 Tage zurück. Nur weil ich selbst dabei war, wur­de nichts geplündert.

Hat­ten Sie ein Verhandlungstalent?

Zumin­dest war mir das damals nicht bekannt. Ich glau­be, ich hät­te das auch nie ent­deckt, wenn ich nicht gezwun­gen gewe­sen wäre, Lösun­gen zu fin­den, die für Men­schen über Leben und Tod ent­schie­den. Ein Bei­spiel: Da ruft der Gesund­heits­mi­nis­ter an, ein Kon­go­le­se. Er steht am Flug­ha­fen, zwei chi­ne­si­sche Flug­zeu­ge mit Medi­ka­men­ten sind ange­kom­men, und sein eige­ner Zoll will sie nicht frei­ge­ben. Es muss­te bezahlt wer­den, und er bat mich, bei den Ver­hand­lun­gen zu hel­fen. Ich bin hin­ge­fah­ren und habe den Minis­ter gebe­ten, zurück ins Minis­te­ri­um zu gehen. Eine hal­be Stun­de spä­ter konn­te ich ihm mit­tei­len, dass die Last­wa­gen bela­den wer­den. Aber ich hat­te zwei Tage lang Kopfschmerzen.

Was brach­te den Erfolg?

Nun ja, ich habe dort klar gemacht, dass ich die­se Situa­ti­on zum Skan­dal machen wer­de. Ich wür­de über­all, wo ich hin­kom­me, erzäh­len, was für ein kor­rup­tes Land der Kon­go doch sei. Die Leu­te vom Flug­ha­fen erzähl­ten mir spä­ter, dass sie noch nie jeman­den so wütend gese­hen hät­ten (lacht). In der fol­gen­den Woche kamen die Japa­ner mit einem Flug­zeug und wie­der mach­te der Zoll Pro­ble­me. Das Minis­te­ri­um sag­te nur zu den Zoll­be­am­ten: „Sol­len wir wie­der den Pater holen, der letz­te Woche hier war?“ Und schon war die Sache erledigt.

Haben Sie jemals Mord­dro­hun­gen erhalten?

Oh ja. Ein­mal saß ich zwan­zig Minu­ten lang in einem Auto mit einer Pis­to­le an mei­nem Kopf, weil sie mein Auto haben woll­ten. Ich weiß nicht, wo die­se Kraft her­kam, aber ich bin ruhig sit­zen geblie­ben. Ich hat­te wohl in sol­chen Situa­tio­nen immer ein Schutz­en­gel­chen auf jeder Schulter.

Nach 27 Jah­ren ging es dann zurück nach Antwerpen?

Ja. Gera­de zu die­ser Zeit wur­de im Klos­ter in Ant­wer­pen eine inter­na­tio­na­le Gemein­schaft gegrün­det. Kapu­zi­ner sind immer mit einer Mis­si­on unter­wegs. Die­se Mis­si­on möch­te ich ver­wirk­li­chen, da wo ich gera­de lebe. Du bist, wo Gott Dich ruft!

Das Inter­view führ­te Paul Wennekes

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