
FOTO: KAPUZINER/LEDERSBERGER
BR. LUC VANSINA
wurde 1958 im belgischen Turnhout geboren. 1984 trat er in den Kapuzinerorden ein, 1990 legte er die ewigen Gelübde ab.
„Sollen wir wieder den Pater holen?“
Br. Luc Vansina war 27 Jahre im Kongo als Kapuziner und Missionar tätig. Im Interview auf kapuziner.org berichtet der Ordensmann über Lebensgefahr, Friedensboote und Verhandlungen mit Rebellen.
Br. Luc, Sie sind Kapuziner und Missionar. Wie kam es dazu?
Br. Luc Vansina: Ich wurde in einem kleinen belgischen Dörfchen als zweites von acht Kindern in einer sehr religiösen Familie geboren. In unser Dorf kamen regelmäßig zwei Missionsschwestern zum Predigen, das war der Beginn meiner Berufung zum Missionar. Erst später bin ich den Kapuzinern begegnet.
Die Berufung zum Missionar stand am Anfang?
Ja, genau. Die Spiritualität des Franziskus habe ich erst später kennengelernt. 1985 habe ich mein Noviziat in Frankreich gemacht, ein viermonatiges Praktikum war Teil davon. Ich ging in den Kongo. Von dort schrieb ich nach Hause: Ich bin auf einem anderen Planeten. Ich hatte gedacht, die Zeit der Strohröckchen und Lehmhütten sei vorbei. Falsch gedacht.
Später ging es wieder zu einem abenteuerlichen Einsatz in den Kongo.
So ist es. Im Jahr 1991 bin ich als Kapuziner in sehr schwierigen Zeiten in den Kongo gegangen: Ich war erst 14 Tage dort, als Plünderungen ausbrachen. Nach einem Monat wurden wir von französischen Fallschirmjägern evakuiert. Vier Monate später kam ich zurück und entdeckte, dass alles gestohlen worden war. Sechs Wochen später kam es zu einem Massaker an Christen, aber ich bin im Land geblieben.
Was war das für eine Zeit?
In dieser Zeit musste ich mich oft selbst zurechtfinden. Ich war neu, ich wusste nichts, ich musste sehr schnell lernen, denn davon hing buchstäblich Leben ab. Es ging darum, konkrete Lösungen zu finden. Nichts zu tun war für mich keine Option. In Kinshasa habe ich dann ein medizinisches Zentrum gegründet. Der Bedarf an medizinischer Versorgung war sehr groß, die Schlafkrankheit brach aus, es gab alle möglichen Epidemien. Ich begann Medikamente in Kinshasa zu verteilen. Das bedeutete viele Gespräche mit Spendern, Fluggesellschaften und lokalen Organisationen.
Sie waren dort auch für eine dieser Hilfsorganisationen tätig.
Genau. Die Kapuziner wurden von der Organisation Memisa gebeten, im Kongo aktiv zu sein. Zu diesem Zeitpunkt war der Kongo in drei Teile geteilt: Kinshasa, die Äquatorialprovinz und Kisangani. Wir organisierten die ersten Flugzeuge mit Hilfsgütern von Kinshasa in die beiden Rebellengebiete. Danach organisierten wir sogenannte Friedensboote. Als neutrale Organisation konnten wir mit der Regierung und den Rebellengruppen verhandeln.
Was ist ein Friedensboot?
In der Äquatorialprovinz, die zehnmal so groß ist wie Belgien, herrschte großer Bedarf an Medikamenten, Schulmaterial, Saatgut und Baumaterial. Das Ziel war, Produkte von Kinshasa dorthin zu bringen und den Verkehr auf dem Fluss wieder zu öffnen. Umgekehrt mangelte es in Kinshasa an Nahrung, weil kein Mais oder Reis mehr aus dem Landesinneren nach Kinshasa gelangte. In Zusammenarbeit mit dem Ministerium und den Vereinten Nationen konnten schließlich die ersten Friedensboote fahren. So kam der Verkehr auf dem Fluss allmählich wieder in Gang, ebenso wie der Flugverkehr.
Waren die Kapuziner als neutrale Vermittlungsorganisation anerkannt?
Ja, so war es. Ein Rebellenführer sagte damals zu mir, der Umgang mit Kapuzinerpatres sei nicht einfach. Ich sagte dann: „Dann hast du Glück, denn ich bin kein Pater, sondern ein Bruder.“ Da musste auch er lachen. Aber natürlich hatten die Rebellen Angst, dass mit den Flugzeugen und Booten auch Waffen kommen würden. Ich habe mich dann persönlich in die Flugzeuge und auf die Boote gesetzt. Das waren 30 Tage auf dem Boot: 11 Tage hin, 10 Tage dort, 9 Tage zurück. Nur weil ich selbst dabei war, wurde nichts geplündert.
Hatten Sie ein Verhandlungstalent?
Zumindest war mir das damals nicht bekannt. Ich glaube, ich hätte das auch nie entdeckt, wenn ich nicht gezwungen gewesen wäre, Lösungen zu finden, die für Menschen über Leben und Tod entschieden. Ein Beispiel: Da ruft der Gesundheitsminister an, ein Kongolese. Er steht am Flughafen, zwei chinesische Flugzeuge mit Medikamenten sind angekommen, und sein eigener Zoll will sie nicht freigeben. Es musste bezahlt werden, und er bat mich, bei den Verhandlungen zu helfen. Ich bin hingefahren und habe den Minister gebeten, zurück ins Ministerium zu gehen. Eine halbe Stunde später konnte ich ihm mitteilen, dass die Lastwagen beladen werden. Aber ich hatte zwei Tage lang Kopfschmerzen.
Was brachte den Erfolg?
Nun ja, ich habe dort klar gemacht, dass ich diese Situation zum Skandal machen werde. Ich würde überall, wo ich hinkomme, erzählen, was für ein korruptes Land der Kongo doch sei. Die Leute vom Flughafen erzählten mir später, dass sie noch nie jemanden so wütend gesehen hätten (lacht). In der folgenden Woche kamen die Japaner mit einem Flugzeug und wieder machte der Zoll Probleme. Das Ministerium sagte nur zu den Zollbeamten: „Sollen wir wieder den Pater holen, der letzte Woche hier war?“ Und schon war die Sache erledigt.
Haben Sie jemals Morddrohungen erhalten?
Oh ja. Einmal saß ich zwanzig Minuten lang in einem Auto mit einer Pistole an meinem Kopf, weil sie mein Auto haben wollten. Ich weiß nicht, wo diese Kraft herkam, aber ich bin ruhig sitzen geblieben. Ich hatte wohl in solchen Situationen immer ein Schutzengelchen auf jeder Schulter.
Nach 27 Jahren ging es dann zurück nach Antwerpen?
Ja. Gerade zu dieser Zeit wurde im Kloster in Antwerpen eine internationale Gemeinschaft gegründet. Kapuziner sind immer mit einer Mission unterwegs. Diese Mission möchte ich verwirklichen, da wo ich gerade lebe. Du bist, wo Gott Dich ruft!
Das Interview führte Paul Wennekes
