
FOTO: KAPUZINER/TOBIAS RAUSER
BR. HERIBERT LEIBOLD
ist Jahrgang 1954 und wurde in Kleve geboren. 1983 wurde er zum Priester geweiht, 1999 trat Br. Heribert in den Kapuzinerorden ein. Zurzeit lebt er im Kapuzinerkloster in Werne.
Transitus des Franziskus: „Anfang von etwas Neuem“
Was bedeutet „Transitus“ und welche Beziehung hatte Franziskus zu Schwester Tod? Br. Heribert Leipold im Gespräch über die Sehnsucht nach Christus und eine gute Sterbestunde.
Was bedeutet der Begriff „Transitus“?
Br. Heribert Leibold: Es geht um Übergänge. Das Wort „transire“ bedeutet „hinübergehen“. Unser ganzes menschliches Leben ist von Übergängen und Phasen geprägt. Es geht auch um Abschied: Um etwas Neues angehen zu können, muss ich etwas zurücklassen. Das Wichtigste aber ist: Das Hinübergehen ist kein Endpunkt, sondern der Anfang von etwas Neuem. Selbst beim letzten Übergang des menschlichen Lebens, dem Tod.
Anfang Oktober feiern die Kapuziner und andere franziskanische Gemeinschaften den Transitus, das Hinübergehen des heiligen Franziskus in die Gemeinschaft mit Gott. Was ist das für ein Tag?
Wir franziskanischen Ordensleute blicken auf die Todesstunde des heiligen Franziskus. Unser Ordensgrüner ist am 3. Oktober 1226 in den Abendstunden gestorben. Die Quellen beschreiben sein Sterben als „Hinübergang“ Und für ihn trifft dieses Wort wirklich zu: Franziskus wollte Christus nachfolgen und er wollte hinübergehen in die Gemeinschaft mit Christus.
Beziehungen und Freundschaften sind wichtig – bis zum letzten Atemzug
Wo starb Franziskus?
Franziskus starb in der kleinen Kapelle Portiuncula unterhalb von Assisi. Das war sein Wunsch, dafür ließ er sich aus dem Bischofspalast der Stadt heruntertragen. Auf seinem Weg ließ er sich nochmal umdrehen und segnete seine Stadt ein letztes Mal. Heute steht am Ort der kleinen Kapelle eine große Kirche, die über den Sterbeort des Heiligen gebaut wurde. Ich bin jedes Mal sehr berührt, wenn ich dort bin. Eine kleine Kirche, die unseren Orden symbolisiert, in einer sehr viel größeren Kirche.
Welche Geschichte rund um den Tod des Heiligen berührt Sie am meisten?
Kurz vor seinem Tod bat Franziskus noch darum, eine Freundin namens Jacoba, aus Rom an sein Sterbebett zu holen. Gerade als die Brüder losziehen wollten, stand Jacoba schon vor der Tür. Im Gepäck hatte sie Mandelgebäck, das Franziskus bei ihr in Rom immer genossen hatte. Für mich wird hier deutlich, wie wichtig Beziehungen und Freundschaften sind – auch im letzten Übergang, bis zum letzten Atemzug.
Ist das Transitusfest ein trauriges Fest?
Ich würde sagen: Es ist eine ernste Stunde. Sie führt mir als franziskanischem Ordensmann vor Augen, was es heißt, wirklich in die Fußstapfen dieses Mannes zu treten. Es bedeutet, loslassen zu können, Abschied zu nehmen und Neues in den Blick zu nehmen. Die letzten Worte von Franziskus lauteten: „Brüder, ich habe das Meinige getan. Jetzt ist es an euch, das Eure zu tun.“ Das ist für mich ganz persönlich ein Auftrag.
Es bleibt vor allem der Wunsch, eine gute Sterbestunde zu haben
Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein. „Ich sehne mich danach, bei Christus zu sein“, sagte schon der Apostel Paulus. Und für mich als Christ ist das doch das Ziel meines Lebens. Ich bin jetzt über siebzig Jahre alt. Auch das ist ein Übergang: Ich gehe in eine neue Realität, die von gesundheitlichen Einschränkungen, etwa beim Laufen, geprägt ist. Das fordert mich heraus. Ich muss mich darauf einstellen und darf mich nicht einfach hängen lassen, bis es ans Ende geht. Ich will diesen letzten Abschnitt meines Lebens gut gestalten. Ich will mein Leben angehen, das Gott mir geschenkt hat.
Hilft Ihnen das Transitus-Fest dabei?
Unbedingt. In unserer Gesellschaft wird der Tod immer mehr verdrängt oder stilisiert. Franziskus zeigt mir die nackte Realität. Er lässt sich nackt auf den Boden legen, erwartet mit Hoffnung das, was kommt. Er zeigt mir: Ich werde erwartet. Das ist eine Gewissheit, die natürlich auch ab und an von Zweifeln durchzogen wird.
Wie hat sich Ihr Verhältnis zum Tod über die Jahre verändert?
Nach dem Studium ging es darum, die Ärmel hochzukrempeln und Dinge anzugehen. Auch wenn man, etwa bei Beerdigungen, mit dem Tod konfrontiert war, blieb ich doch meistens in der Außenperspektive. Doch seit auch meine Kräfte nachlassen, mache ich mir immer mehr Gedanken. Es bleibt vor allem der Wunsch, eine gute Sterbestunde zu haben. Darum bete ich jeden Abend.
Ich will mein Leben angehen, das Gott mir geschenkt hat.
Hatte Franziskus eine gute Sterbestunde?
Ja, das würde ich schon sagen. Es war ein guter Schlusspunkt seines Lebens, das von Höhen und Tiefen geprägt war. Ich denke, es ist ihm gelungen, zum Tod eine geschwisterliche Beziehung aufzubauen. Er konnte am Ende die Gewissheit haben: Ich habe nicht umsonst gelebt. „Brüder, ich habe das Meinige getan.“
Das Interview führte Tobias Rauser
