
FOTO: KAPUZINER/LEDERSBERGER
BR. MARINUS PARZINGER
ist Jahrgang 1963 und seit 1987 Kapuziner. Der Priester leitet das Kloster im bayerischen Altötting. Br. Marinus ist Teil der gewählten Provinzleitung und Präventionsbeauftragter.
„Uns ist es ernst mit Prävention und Aufarbeitung“
Um Missbrauch zu verhindern, kommt der Präventionsarbeit eine herausragende Rolle zu. Wie diese bei den Kapuzinern aussieht und was ihn antreibt, berichtet der Präventionsbeauftragte der Kapuziner, Br. Marinus Parzinger.
Br. Marinus, Sie sind Präventionsbeauftragter der Kapuziner. Warum machen Sie das?
Ich habe seit vielen Jahren mit diesem Thema zu tun und bin auch ganz konkret in meiner damaligen Position als Provinzial mit Fällen konfrontiert worden. Das hat Spuren hinterlassen und ist ein Grund dafür, warum mir das Thema so am Herzen liegt. Ich habe mit sehr vielen Betroffenen gesprochen, habe versucht – soweit das überhaupt geht – in ihr Leid einzutauchen. Diesen Menschen zu helfen und zu verhindern, dass neues Leid geschieht, das treibt mich an. Der heilige Franziskus hat sich immer an die Seite der Schwächeren gestellt. Ich will die Menschen, denen Unrecht geschehen ist, nicht allein lassen. Was in der Kirche und auch bei uns im Orden in Sachen Missbrauch passiert ist, darf sich nicht wiederholen.
Seit wann steht dieses Thema im Fokus?
Bei der Prävention geht es ja um das Vorbeugen. Darum, eine Haltung zu wecken, die Missbrauch und Grenzverletzungen verhindert. Das steht in aller Klarheit seit 2010 auf der Agenda. Leider erst seit 2010. Das muss man wirklich so laut und deutlich sagen. Es gab auch vorher schon engagierte Menschen, die ein oder andere Aktion. Aber richtig systematisch wird es erst seit 2010 angegangen.
Wie ist der Stand im Hier und Heute?
Wir sind mittlerweile sehr konkret und in klaren Prozessen unterwegs. Es gibt Standards, die auch in der Realität funktionieren.
Sind Sie sicher, dass in Zukunft keine Dinge mehr passieren?
Das kann man ehrlicherweise nicht mit Ja beantworten. Es gibt nie eine hundertprozentige Sicherheit. Wir setzen alles daran, die systemischen Voraussetzungen zu schaffen, dass Missbrauch und Grenzverletzungen abgestellt beziehungsweise zeitnah aufgedeckt werden. Dass ein solches Handeln Konsequenzen hat. Dass der Fokus auf den Betroffenen liegt. Aber es wird immer individuelles Versagen geben.
Hat der Orden denn gelernt und systemische Fehler abgestellt?
Ja, das ist so. Wir nehmen das Thema ernst. Uns ist es ernst mit Prävention und Aufarbeitung. Wir schauen auf die Opfer, ich ganz persönlich mache das in meiner Aufgabe als Präventionsbeauftragter immer wieder in Gesprächen. Heute kann sich kein Täter mehr darauf verlassen, dass ihn die Gemeinschaft schützt. Missbrauch und grenzüberschreitendes Verhalten haben Konsequenzen. Das gilt bei uns Kapuzinern.
Ein Gutachten, das die Kapuziner im Jahr 2010 in Auftrag gegeben haben, hat die Schwächen auch bei der Prävention klar benannt.
Genau. Diese externe Untersuchung einer Kanzlei hat uns vor Augen geführt: Hier liegen die Schwächen im System. Wie wir uns in der Vergangenheit verhalten haben, das war falsch. Daraus haben wir Schlüsse gezogen.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Früher hat man Fälle viel zu oft nicht gemeldet. Heute ist klar, wer zu informieren ist. Es gibt klare Verfahrensabläufe. Der Provinzial ist rechenschaftspflichtig, dass diese Regeln eingehalten werden. Alles wird nachverfolgbar dokumentiert. Auch wird bei Anzeigen grundsätzlich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.
Wie kann es sein, dass man nicht schon vor 2010 bemerkt hat, dass es falsch ist, wie man die Dinge handhabt?
Diese Frage wird uns immer wieder gestellt. Mit Recht. Ich kann darauf nur eine unzureichende Antwort geben. Dass unser Verhalten falsch war, das muss den meisten klar gewesen sein. Nur darauf zu verweisen, dass es halt so üblich war in diesen Zeiten, das ist mir zu wenig. Ein paar Gedanken dazu, die keine Entschuldigung sein sollen: Manch einer mag die Dinge einfach beiseitegeschoben haben, auf jeden Fall wurde das Leid der Opfer weit weggeschoben. Bei manchen, leichteren Grenzüberschreitungen mag der Einzelne sich vielleicht auch seiner Taten nicht ganz so bewusst gewesen sein. Geredet wurde untereinander viel zu wenig, auch die Fähigkeit, mit den eigenen Bedürfnissen umzugehen, war nicht sehr ausgeprägt. Und, so bitter das ist: Ohne Konsequenzen machen Leute auch Dinge, die nicht richtig sind. All das anzugehen, das ist nun Teil der Präventionsarbeit.
Ist das Thema Chefsache bei den Kapuziner?
Auf jeden Fall. Wir setzen uns in der Leitung damit auseinander. Auch der Provinzial verfolgt das Thema mit Nachdruck – er spricht es auf seinen Besuchen in den Klöstern an und nimmt die Brüder in die Verantwortung. Das ist gut und wichtig.
Was sind die wichtigsten Ecksteine dieser Präventionsarbeit?
Es gilt die Rahmenordnung Prävention der DBK, in der die Eckdaten festlegt sind. Es geht um das Gespräch innerhalb der Gemeinschaften: Einmal im Jahr muss sich ein Konvent hinsetzen und über dieses Thema sprechen. Es geht um Schulungen: Alle drei Jahre müssen Kapuziner eine Präventionsschulung absolvieren.
Wie sieht es in der Ausbildung aus?
Das ist ein wichtiger Punkt. Es muss ganz selbstverständlich sein, sich damit zu beschäftigen. Wir müssen uns auch mit der eigenen Sexualität und den Bedürfnissen auseinandersetzen – darum geht es ja auch in einem unserer Gelübde, in dem wir ehelose Keuschheit versprechen. Wie gehe ich mit mir und meinem Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit um? Das alles ist heute wichtiger Teil der Ausbildung.
Wie stehen die jungen Brüder zu dem Thema?
Ich erlebe, dass die jüngeren Brüder das Thema sehr ernstnehmen und hinter unseren Aktivitäten im Bereich Prävention stehen. Es gibt kein Murren oder ein Sich-Weg-Drücken. Unsere Jungen sind nicht verantwortlich für das, was andere getan haben. Und sie erleben ganz konkret, was es heißt, dass uns viele Menschen nicht mehr vertrauen. Ohne dieses Vertrauen aber kann ich die frohe Botschaft nicht verkünden – und dass ist es, was unsere jüngeren Brüder antreibt. Prävention, Transparenz und Kommunikation gehören da einfach dazu.
Ist das mit dem Vertrauen auch Ihr Thema?
In der Tat. Vertrauen ist der wichtigste Wert, wenn ich das Wort Gottes verkünden will. Dieses Vertrauen ist zu Recht zerstört oder stark angeknackst. Das merke ich jeden Tag, wenn ich als Seelsorger unterwegs und in Gesprächen bin. Mich begeistert das Evangelium, ich möchte es in die Welt tragen. Mit meiner Arbeit für die Prävention will ich auch einen Beitrag leisten, dass Menschen uns als Orden und Kirche wieder mehr vertrauen. Ich kann die Vergangenheit nicht auslöschen. Als Mitglied des Ordens übernehme ich Mitverantwortung. Da hilft keine Werbekampagne oder etwas zu erzählen, dass nicht von der Wirklichkeit gedeckt ist. Um in Zukunft gehört zu werden, müssen wir unsere Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Prävention spielt da eine herausragende Rolle.
Gibt es einen Verhaltenskodex für die Brüder?
Ja, der Verhaltenskodex ist ein Modul in der Präventionsrahmenordnung. Er ist ein gutes Instrument, weil man sich darüber austauscht, wie man Dinge wahrnimmt. Jeder Seelsorger hat seine eigene Art, wie er an Dinge herangeht. Und deshalb ist hohe Sensibilität gefragt. Und wir müssen das Thema Machtgefälle im Blick halten.
Was gilt es in einer Seelsorge-Situation besonders berücksichtigen?
Es geht vor allem darum, die Signale meines Mitmenschen ernst zu nehmen und diese lesen zu können. Ist sie oder er unsicher? Wie sitzt der Andere da? Dafür muss ich wach sein und hinhören. Und nicht immer gleich eine Lösung parat haben. In puncto Nähe-Distanz-Verhältnis geht es mir nicht um das Metermaß, wie weit jemand vom anderen entfernt sitzt, aber schon darum, seine eigenen Gepflogenheiten zu überdenken und zu reflektieren.
Geht gute Seelsorge denn ohne Nähe?
Ich verstehe die Frage und sie treibt mich auch um. Denn ohne Nähe und eine gewisse Öffnung ist ein gutes Gespräch nicht möglich. Und doch gilt: Nicht alles, was ich für mich selber als gut und passend empfinde, wird so auch vom Anderen wahrgenommen. Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut gemacht. Ich nenne mal ein Beispiel: Wenn ich es aus dem Familienumfeld gewohnt bin, die Leute zu umarmen, heißt das noch lange nicht, dass das der andere genauso sieht. Oder wenn ich jemanden segne, dann frage ich ihn natürlich, ob ich ihm die Hände auf den Kopf legen darf.
Jeder macht auch Fehler, die andere als Grenzüberschreitung sehen.
Natürlich. Fehler macht jeder, auch ein Seelsorger oder eine Seelsorgerin. Was da wichtig ist, ist der richtige Umgang. Einsicht und Entschuldigung. Das geht am besten auf Augenhöhe und nicht mit einem krassen Machtgefälle.
Welche Rolle spielt da die Institution Kirche?
Kirche muss lernen, richtig und angemessen mit Grenzen und Schwächen umzugehen. Die Kirche ist nicht einfach heilig durch und durch, sondern sie ist heilig nur, weil Gott in ihr zu den Menschen kommen will. Das gilt nicht für jeden Vollzug und jedes einzelne Mitglied. Uns muss klar sein, dass wir schuldig werden können, dass wir Fehler machen. Und dann müssen wir daraus lernen und umkehren. Die Präventionsarbeit ist Teil dieses Lern- und Umkehrprozesses.
Das Interview führte Tobias Rauser
