Interview

FOTO: KAPUZINER/LEDERSBERGER

BR. MARINUS PARZINGER

ist Jahr­gang 1963 und seit 1987 Kapu­zi­ner. Der Pries­ter lei­tet das Klos­ter im baye­ri­schen Alt­öt­ting. Br. Mari­nus ist Teil der gewähl­ten Pro­vinz­lei­tung und Präventionsbeauftragter.

1. Dezem­ber 2025

„Uns ist es ernst mit Prävention und Aufarbeitung“

Um Miss­brauch zu ver­hin­dern, kommt der Prä­ven­ti­ons­ar­beit eine her­aus­ra­gen­de Rol­le zu. Wie die­se bei den Kapu­zi­nern aus­sieht und was ihn antreibt, berich­tet der Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­te der Kapu­zi­ner, Br. Mari­nus Parzinger. 

 Br. Mari­nus, Sie sind Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ter der Kapu­zi­ner. War­um machen Sie das?

Ich habe seit vie­len Jah­ren mit die­sem The­ma zu tun und bin auch ganz kon­kret in mei­ner dama­li­gen Posi­ti­on als Pro­vin­zi­al mit Fäl­len kon­fron­tiert wor­den. Das hat Spu­ren hin­ter­las­sen und ist ein Grund dafür, war­um mir das The­ma so am Her­zen liegt. Ich habe mit sehr vie­len Betrof­fe­nen gespro­chen, habe ver­sucht – soweit das über­haupt geht – in ihr Leid ein­zu­tau­chen. Die­sen Men­schen zu hel­fen und zu ver­hin­dern, dass neu­es Leid geschieht, das treibt mich an. Der hei­li­ge Fran­zis­kus hat sich immer an die Sei­te der Schwä­che­ren gestellt. Ich will die Men­schen, denen Unrecht gesche­hen ist, nicht allein las­sen. Was in der Kir­che und auch bei uns im Orden in Sachen Miss­brauch pas­siert ist, darf sich nicht wiederholen.

Seit wann steht die­ses The­ma im Fokus? 

Bei der Prä­ven­ti­on geht es ja um das Vor­beu­gen. Dar­um, eine Hal­tung zu wecken, die Miss­brauch und Grenz­ver­let­zun­gen ver­hin­dert. Das steht in aller Klar­heit seit 2010 auf der Agen­da. Lei­der erst seit 2010. Das muss man wirk­lich so laut und deut­lich sagen. Es gab auch vor­her schon enga­gier­te Men­schen, die ein oder ande­re Akti­on. Aber rich­tig sys­te­ma­tisch wird es erst seit 2010 angegangen.

Wie ist der Stand im Hier und Heute? 

Wir sind mitt­ler­wei­le sehr kon­kret und in kla­ren Pro­zes­sen unter­wegs. Es gibt Stan­dards, die auch in der Rea­li­tät funktionieren.

Sind Sie sicher, dass in Zukunft kei­ne Din­ge mehr passieren?

Das kann man ehr­li­cher­wei­se nicht mit Ja beant­wor­ten. Es gibt nie eine hun­dert­pro­zen­ti­ge Sicher­heit. Wir set­zen alles dar­an, die sys­te­mi­schen Vor­aus­set­zun­gen zu schaf­fen, dass Miss­brauch und Grenz­ver­let­zun­gen abge­stellt bezie­hungs­wei­se zeit­nah auf­ge­deckt wer­den. Dass ein sol­ches Han­deln Kon­se­quen­zen hat. Dass der Fokus auf den Betrof­fe­nen liegt. Aber es wird immer indi­vi­du­el­les Ver­sa­gen geben.

Hat der Orden denn gelernt und sys­te­mi­sche Feh­ler abgestellt?

Ja, das ist so. Wir neh­men das The­ma ernst. Uns ist es ernst mit Prä­ven­ti­on und Auf­ar­bei­tung. Wir schau­en auf die Opfer, ich ganz per­sön­lich mache das in mei­ner Auf­ga­be als Prä­ven­ti­ons­be­auf­trag­ter immer wie­der in Gesprä­chen. Heu­te kann sich kein Täter mehr dar­auf ver­las­sen, dass ihn die Gemein­schaft schützt. Miss­brauch und grenz­über­schrei­ten­des Ver­hal­ten haben Kon­se­quen­zen. Das gilt bei uns Kapuzinern.

Ein Gut­ach­ten, das die Kapu­zi­ner im Jahr 2010 in Auf­trag gege­ben haben, hat die Schwä­chen auch bei der Prä­ven­ti­on klar benannt. 

Genau. Die­se exter­ne Unter­su­chung einer Kanz­lei hat uns vor Augen geführt: Hier lie­gen die Schwä­chen im Sys­tem. Wie wir uns in der Ver­gan­gen­heit ver­hal­ten haben, das war falsch. Dar­aus haben wir Schlüs­se gezogen.

Kön­nen Sie ein Bei­spiel nennen?

Frü­her hat man Fäl­le viel zu oft nicht gemel­det. Heu­te ist klar, wer zu infor­mie­ren ist. Es gibt kla­re Ver­fah­rens­ab­läu­fe. Der Pro­vin­zi­al ist rechen­schafts­pflich­tig, dass die­se Regeln ein­ge­hal­ten wer­den. Alles wird nach­ver­folg­bar doku­men­tiert. Auch wird bei Anzei­gen grund­sätz­lich die Staats­an­walt­schaft eingeschaltet.

Wie kann es sein, dass man nicht schon vor 2010 bemerkt hat, dass es falsch ist, wie man die Din­ge handhabt?

Die­se Fra­ge wird uns immer wie­der gestellt. Mit Recht. Ich kann dar­auf nur eine unzu­rei­chen­de Ant­wort geben. Dass unser Ver­hal­ten falsch war, das muss den meis­ten klar gewe­sen sein. Nur dar­auf zu ver­wei­sen, dass es halt so üblich war in die­sen Zei­ten, das ist mir zu wenig. Ein paar Gedan­ken dazu, die kei­ne Ent­schul­di­gung sein sol­len: Manch einer mag die Din­ge ein­fach bei­sei­te­ge­scho­ben haben, auf jeden Fall wur­de das Leid der Opfer weit weg­ge­scho­ben. Bei man­chen, leich­te­ren Grenz­über­schrei­tun­gen mag der Ein­zel­ne sich viel­leicht auch sei­ner Taten nicht ganz so bewusst gewe­sen sein. Gere­det wur­de unter­ein­an­der viel zu wenig, auch die Fähig­keit, mit den eige­nen Bedürf­nis­sen umzu­ge­hen, war nicht sehr aus­ge­prägt. Und, so bit­ter das ist: Ohne Kon­se­quen­zen machen Leu­te auch Din­ge, die nicht rich­tig sind. All das anzu­ge­hen, das ist nun Teil der Präventionsarbeit.

Ist das The­ma Chef­sa­che bei den Kapuziner?

Auf jeden Fall. Wir set­zen uns in der Lei­tung damit aus­ein­an­der. Auch der Pro­vin­zi­al ver­folgt das The­ma mit Nach­druck – er spricht es auf sei­nen Besu­chen in den Klös­tern an und nimmt die Brü­der in die Ver­ant­wor­tung. Das ist gut und wichtig.

Was sind die wich­tigs­ten Eck­stei­ne die­ser Präventionsarbeit?

Es gilt die Rah­men­ord­nung Prä­ven­ti­on der DBK, in der die Eck­da­ten fest­legt sind. Es geht um das Gespräch inner­halb der Gemein­schaf­ten: Ein­mal im Jahr muss sich ein Kon­vent hin­set­zen und über die­ses The­ma spre­chen. Es geht um Schu­lun­gen: Alle drei Jah­re müs­sen Kapu­zi­ner eine Prä­ven­ti­ons­schu­lung absolvieren.

Wie sieht es in der Aus­bil­dung aus?

Das ist ein wich­ti­ger Punkt. Es muss ganz selbst­ver­ständ­lich sein, sich damit zu beschäf­ti­gen. Wir müs­sen uns auch mit der eige­nen Sexua­li­tät und den Bedürf­nis­sen aus­ein­an­der­set­zen – dar­um geht es ja auch in einem unse­rer Gelüb­de, in dem wir ehe­lo­se Keusch­heit ver­spre­chen. Wie gehe ich mit mir und mei­nem Bedürf­nis nach Nähe und Gebor­gen­heit um? Das alles ist heu­te wich­ti­ger Teil der Ausbildung.

Wie ste­hen die jun­gen Brü­der zu dem Thema?

Ich erle­be, dass die jün­ge­ren Brü­der das The­ma sehr ernst­neh­men und hin­ter unse­ren Akti­vi­tä­ten im Bereich Prä­ven­ti­on ste­hen. Es gibt kein Mur­ren oder ein Sich-Weg-Drü­cken. Unse­re Jun­gen sind nicht ver­ant­wort­lich für das, was ande­re getan haben. Und sie erle­ben ganz kon­kret, was es heißt, dass uns vie­le Men­schen nicht mehr ver­trau­en. Ohne die­ses Ver­trau­en aber kann ich die fro­he Bot­schaft nicht ver­kün­den – und dass ist es, was unse­re jün­ge­ren Brü­der antreibt. Prä­ven­ti­on, Trans­pa­renz und Kom­mu­ni­ka­ti­on gehö­ren da ein­fach dazu.

Ist das mit dem Ver­trau­en auch Ihr Thema?

In der Tat. Ver­trau­en ist der wich­tigs­te Wert, wenn ich das Wort Got­tes ver­kün­den will. Die­ses Ver­trau­en ist zu Recht zer­stört oder stark ange­knackst. Das mer­ke ich jeden Tag, wenn ich als Seel­sor­ger unter­wegs und in Gesprä­chen bin. Mich begeis­tert das Evan­ge­li­um, ich möch­te es in die Welt tra­gen. Mit mei­ner Arbeit für die Prä­ven­ti­on will ich auch einen Bei­trag leis­ten, dass Men­schen uns als Orden und Kir­che wie­der mehr ver­trau­en. Ich kann die Ver­gan­gen­heit nicht aus­lö­schen. Als Mit­glied des Ordens über­neh­me ich Mit­ver­ant­wor­tung. Da hilft kei­ne Wer­be­kam­pa­gne oder etwas zu erzäh­len, dass nicht von der Wirk­lich­keit gedeckt ist. Um in Zukunft gehört zu wer­den, müs­sen wir unse­re Glaub­wür­dig­keit zurück­ge­win­nen. Prä­ven­ti­on spielt da eine her­aus­ra­gen­de Rolle.

Gibt es einen Ver­hal­tens­ko­dex für die Brüder?

Ja, der Ver­hal­tens­ko­dex ist ein Modul in der Prä­ven­ti­ons­rah­men­ord­nung. Er ist ein gutes Instru­ment, weil man sich dar­über aus­tauscht, wie man Din­ge wahr­nimmt. Jeder Seel­sor­ger hat sei­ne eige­ne Art, wie er an Din­ge her­an­geht. Und des­halb ist hohe Sen­si­bi­li­tät gefragt. Und wir müs­sen das The­ma Macht­ge­fäl­le im Blick halten.

Was gilt es in einer Seel­sor­ge-Situa­ti­on beson­ders berücksichtigen? 

Es geht vor allem dar­um, die Signa­le mei­nes Mit­men­schen ernst zu neh­men und die­se lesen zu kön­nen. Ist sie oder er unsi­cher? Wie sitzt der Ande­re da? Dafür muss ich wach sein und hin­hö­ren. Und nicht immer gleich eine Lösung parat haben. In punc­to Nähe-Distanz-Ver­hält­nis geht es mir nicht um das Meter­maß, wie weit jemand vom ande­ren ent­fernt sitzt, aber schon dar­um, sei­ne eige­nen Gepflo­gen­hei­ten zu über­den­ken und zu reflektieren.

Geht gute Seel­sor­ge denn ohne Nähe?

Ich ver­ste­he die Fra­ge und sie treibt mich auch um. Denn ohne Nähe und eine gewis­se Öff­nung ist ein gutes Gespräch nicht mög­lich. Und doch gilt: Nicht alles, was ich für mich sel­ber als gut und pas­send emp­fin­de, wird so auch vom Ande­ren wahr­ge­nom­men. Nicht alles, was gut gemeint ist, ist auch gut gemacht. Ich nen­ne mal ein Bei­spiel: Wenn ich es aus dem Fami­li­en­um­feld gewohnt bin, die Leu­te zu umar­men, heißt das noch lan­ge nicht, dass das der ande­re genau­so sieht. Oder wenn ich jeman­den seg­ne, dann fra­ge ich ihn natür­lich, ob ich ihm die Hän­de auf den Kopf legen darf.

Jeder macht auch Feh­ler, die ande­re als Grenz­über­schrei­tung sehen. 

Natür­lich. Feh­ler macht jeder, auch ein Seel­sor­ger oder eine Seel­sor­ge­rin. Was da wich­tig ist, ist der rich­ti­ge Umgang. Ein­sicht und Ent­schul­di­gung. Das geht am bes­ten auf Augen­hö­he und nicht mit einem kras­sen Machtgefälle.

Wel­che Rol­le spielt da die Insti­tu­ti­on Kirche?

Kir­che muss ler­nen, rich­tig und ange­mes­sen mit Gren­zen und Schwä­chen umzu­ge­hen. Die Kir­che ist nicht ein­fach hei­lig durch und durch, son­dern sie ist hei­lig nur, weil Gott in ihr zu den Men­schen kom­men will. Das gilt nicht für jeden Voll­zug und jedes ein­zel­ne Mit­glied. Uns muss klar sein, dass wir schul­dig wer­den kön­nen, dass wir Feh­ler machen. Und dann müs­sen wir dar­aus ler­nen und umkeh­ren. Die Prä­ven­ti­ons­ar­beit ist Teil die­ses Lern- und Umkehrprozesses.

Das Inter­view führ­te Tobi­as Rauser

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