
FOTO: KAPUZINER/LEMRICH
BR. THOMAS DIENBERG
wurde 1963 geboren und trat 1983 in den Kapuzinerorden ein. Er ist Professor für Theologie der Spiritualität und lebt in Münster
Verehrung von Carlo Acutis: Vom Reichtum der Heiligkeit
In Assisi pilgern junge Menschen zum Grab von Carlo Acutis. Der Kapuziner Br. Thomas Dienberg sagt in seinem Standpunkt, was er über die Verehrung des 15-jährigen „Heiligen der Digitalisierung“ denkt.
Vor wenigen Wochen in Assisi: Mir begegnete nicht zum ersten Mal der Name Carlo Acutis, ein 15-jähriger Jugendlicher, 2006 gestorben, 2020 seliggesprochen, und im September dieses Jahres wird er heiliggesprochen. Sein Grab befindet sich in der Kirche Santa Maria Maggiore in Assisi. Ich war überrascht, wie viele, vor allem junge Menschen, vor seinem Grab standen, mit Tränen in den Augen. Ich war verwirrt: Warum muss es neben Clara und Franziskus nun auch noch die Verehrung dieses Jugendlichen hier geben?
Wie kann man Franziskus und Carlo gleichsetzen: auf der einen Seite der radikale Franziskus, bettelnd, die Armut suchend, Umkehr verkündigend, der sich den Ausgestoßenen der damaligen Gesellschaft zuwandte, mit ihnen lebte – und am Anfang einer riesigen Bewegung steht, die immer noch Menschen fasziniert. Auf der anderen Seite der Jugendliche, von dem gesagt wird, er sei ein ganz normaler Jugendlicher gewesen, der aber schon mit drei Jahren in jede Kirche wollte, um dort Jesus zu begrüßen; der seine Kommunion früher als üblich erhielt, um so täglich die Eucharistie zu empfangen; ein Jugendlicher, der sich darauf spezialisierte, die eucharistischen Wunder zu archivieren und zu digitalisieren. Liebenswürdig, sportlich aktiv, und vor allem digital unterwegs.
Auf dem Weg zur Heiligkeit empfiehlt Carlo die tägliche Eucharistie, den Rosenkranz, die Anbetung und die wöchentliche Beichte. Ein ganz normaler Jugendlicher? Er stirbt mit 15 Jahren und nimmt seinen Tod offensichtlich sehr gelassen und freudig an. „Cyber-Apostel, Influencer Gottes“? Zieht er heute viele Menschen an in einer Kirche, in der vieles lieber noch analog geschieht? Ist er darin vielen Jugendlichen ein Vorbild? Oder fasziniert die offensichtlich tiefe religiöse Haltung, die Selbstverständlichkeit, mit der er den Glauben lebte?
Ich dachte mir schließlich, wer bin ich, dass ich diese Form der Verehrung ablehne? Weil meine Frömmigkeitsformen andere sind, weil ich vielleicht ein anderes Verständnis von Normalität habe? Doch was ist schon normal? Ein Heiliger, der mit einem Computer dargestellt wird – und darin in nichts einer heiligen Clara nachsteht, die mit der Monstranz dargestellt wird, oder Franziskus mit den Stigmata oder der Bibel in der Hand. War das normal zu ihrer Zeit?
Vielleicht zeigt das auch den Reichtum der Heiligkeit, die eben nicht uniform und normal ist.
Dieser Kommentar von Br. Thomas Dienberg ist zuerst auf „Kirche+Leben“ erschienen.
