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15. Sep­tem­ber 2025

Verzeihen: Von der Wunde zur Heilung

Ver­zei­hen ist eine der schwie­rigs­ten Fähig­kei­ten, die Men­schen besit­zen. Ver­zei­hen erfor­dert Mut, Empa­thie und die Aus­ein­an­der­set­zung mit den eige­nen Gefüh­len. Fünf Schrit­te zur Befreiung. 

Ver­zei­hen ist ein Geschenk, das du dir selbst machst“, heißt es. Doch wie gelingt das, wenn Wun­den tief sind und das Gefühl der Ver­let­zung das eige­ne Ich zu erdrü­cken droht? Oft scheint Ver­zei­hen uner­reich­bar. Den­noch ist es ein Schlüs­sel zu Frie­den und ech­ter Hei­lung – sowohl in Bezie­hun­gen zu ande­ren als auch in der Bezie­hung zu mir selbst.

Wich­tig dabei ist: Ver­zei­hen heißt nicht „Ver­ges­sen“! Es geht nicht dar­um, die Tat oder das Ver­hal­ten, das mich ver­letzt hat, zu igno­rie­ren. Viel­mehr bedeu­tet Ver­zei­hen los­zu­las­sen. Los­las­sen, was mich in der Ver­gan­gen­heit fest­hält, mich befrei­en von der Last des Zorns und der Ent­täu­schung, um wie­der Frie­den zu finden.

Ver­zei­hen ist eng mit der Befrei­ung von Schuld und Sün­de ver­bun­den – sowohl im christ­li­chen, als auch im psy­cho­lo­gi­schen Sinn. Jesus spricht immer wie­der vom Ver­zei­hen, sowohl im Hin­blick auf die Mit­men­schen als auch auf Gott. Er lehrt uns im ‚Vater unser‘ zu Beten: „Ver­gib uns unse­re Schuld, wie auch wir ver­ge­ben unse­ren Schuldigern“.

Ver­zei­hen ist nicht nur eine mora­li­sche Ent­schei­dung, son­dern sogar eine psy­cho­lo­gi­sche Not­wen­dig­keit. Wer nicht ver­zeiht, hält an sei­nen nega­ti­ven Gefüh­len fest, die die Lebens­qua­li­tät beein­träch­ti­gen. Stu­di­en zei­gen, dass Men­schen, die in der Lage sind zu ver­zei­hen, oft weni­ger Stress emp­fin­den. Sie sind gesün­der und wei­sen eine höhe­re Lebens­zu­frie­den­heit auf. Ver­zei­hen kann also auch als Selbst­schutz betrach­tet wer­den, um emo­tio­na­len Bal­last abzuwerfen.

Standpunkte

VERZEIHEN IM ALLTAG

FÜNF SCHRITTE ZUR VERGEBUNG

1. Anerkennung der Verletzung

Der ers­te Schritt auf dem Weg des Ver­zei­hens ist es, die Ver­let­zung anzu­er­ken­nen. Ich geste­he mir selbst ein, dass ich ver­letzt wur­de. Ohne die­se Aner­ken­nung bleibt die Ver­let­zung im Ver­bor­ge­nen und kann nicht geheilt werden.

2. Emotionen zulassen

Ver­zei­hen bedeu­tet nicht, mei­ne Emo­tio­nen zu unter­drü­cken oder ein­fach weg­wi­schen zu müs­sen. Der Schmerz, der Zorn, die Ent­täu­schung: All die­se Gefüh­le sind Teil mei­nes Hei­lungs­pro­zes­ses. Nur wenn ich ihnen Raum gebe, kann ich sie ver­ar­bei­ten und loslassen.

3. Empathie und Perspektivwechsel

Ich ver­su­che, mich in die Lage des ande­ren zu ver­set­zen, die Per­spek­ti­ve zu wech­seln. War­um hat der ande­re so gehan­delt? Wel­che Umstän­de gab es? Die­se Refle­xi­on kann hel­fen, das eige­ne Urteil zu mil­dern und Ver­zei­hen leich­ter zu machen.

4. Den eigenen Groll loslassen

Ver­zei­hen bedeu­tet nicht, das Ver­hal­ten des ande­ren zu bil­li­gen, son­dern mich zu befrei­en. Groll kann mir am meis­ten scha­den, indem er mei­ne Gedan­ken und mein emo­tio­na­les Wohl­be­fin­den ver­gif­tet. Den Groll los­zu­las­sen bedeu­tet, mich zu befreien.

5. Vergebung als Prozess

Ver­zei­hen ist kein ein­ma­li­ger Akt, son­dern ein kon­ti­nu­ier­li­cher Pro­zess. Manch­mal kom­men die nega­ti­ven Gefüh­le immer wie­der an die Ober­flä­che. Es braucht Zeit, bis ich wirk­lich los­las­sen kann. Es ist wich­tig, gedul­dig mit mir selbst zu sein und mir die nöti­ge Zeit für die­sen Pro­zess einzuräumen.

War­um fällt es so schwer, zu ver­zei­hen? Die Ant­wort auf die­se Fra­ge ist eben­so kom­plex wie die mensch­li­che Psy­che selbst. Durch Ver­let­zung ent­steht eine tie­fe emo­tio­na­le Reak­ti­on. Schmerz, Wut, Ent­täu­schung und Trau­er, um nur ein paar Gefühls­zu­stän­de zu nen­nen. Sie sind nicht nur eine Reak­ti­on auf die Tat selbst, son­dern auch auf die Bedeu­tung, die der Tat bei­gemes­sen wird.

Zu ver­zei­hen erfor­dert Mut. Und eine bewuss­te Ent­schei­dung. Denn Ver­zei­hen stellt mich vor eine grund­le­gen­de Fra­ge: Möch­te ich mich wei­ter­hin von der nega­ti­ven Ener­gie und dem Groll bestim­men las­sen oder bin ich bereit, die­se los­zu­las­sen? Zum Schmerz selbst kom­men oft auch gesell­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Vor­stel­lun­gen hin­zu. Das macht es meist schwie­ri­ger, den Schritt zur Hei­lung zu tun. In vie­len reli­giö­sen Tra­di­tio­nen wird Ver­zei­hen als eine hei­li­ge Hand­lung betrach­tet. Ver­zei­hen ist ein Weg, um Frie­den mit sich selbst und ande­ren zu fin­den. In unse­rer christ­li­chen Tra­di­ti­on ist Ver­zei­hen eine zen­tra­le Leh­re Jesu: Wir alle sind fehl­bar und die Fähig­keit zu ver­zei­hen ist eine Form der Nächstenliebe.

Ver­zei­hen ist ein kraft­vol­ler Akt, der sowohl für den Ver­zei­hen­den als auch für den, dem ver­ge­ben wird, trans­for­ma­ti­ve Aus­wir­kun­gen haben kann. Es ist kein Zei­chen von Schwä­che, son­dern von Stär­ke: der Stär­ke, den Groll los­zu­las­sen und Frie­den zu fin­den. Ver­zei­hen befreit von der Last der Ver­gan­gen­heit und öff­net den Raum für Hei­lung und Wachs­tum. Es ist ein Pro­zess, der Geduld, Mut und oft auch eine gro­ße Por­ti­on Empa­thie erfor­dert. Der Lohn ist ein Leben, das nicht von der Last des Grolls bestimmt wird, son­dern von der Leich­tig­keit der Ver­ge­bung. Ver­zei­hen ist nicht nur ein Geschenk an ande­re, son­dern vor allem ein Geschenk an mich selbst.

Text: Br. Chris­ti­an Albert. Der Arti­kel ist zuerst in cap! erschie­nen, dem Maga­zin der Kapu­zi­ner

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